Filmkritik zu As We Like It

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Shakespeare auf Taiwanesisch

    Exklusiv für Uncut vom International Film Festival Rotterdam
    Shakespeare-Adaptionen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, auch die Verwechslungskomödie „Wie es euch gefällt“ wurde bereits mehrfach verfilmt. Beim International Film Festival Rotterdam feierte nun eine taiwanesische Version des Shakespeare-Stückes Premiere, die nicht nur mit so mancher Erwartungshaltung bricht, sondern auch mit vielen innovativen Ideen aufwartet. Ein herausstechendes Änderungsmerkmal ist bereits im Titel zu erkennen, der auf den Austausch von Personalpronomen setzt. Aus „As You Like It“ wird dabei schnell „As We Like It“ und somit auch schon ein erster Hinweis auf die Kernbotschaft des Films geliefert.

    Taipeh, irgendwann in der nahen Zukunft:
    Der junge Orlando (Aggie Hsieh) trifft während eines Kampfsport-Wettkampfs auf Rose (Puff Kuo) und verliebt sich sofort unsterblich in sie. Als diese davon Wind bekommt, verwandelt sie sich in ihr männliches Alter-Ego „Roosevelt“ und gibt sich als ihr eigener Zwillingsbruder aus, um Orlandos Liebe auf die Probe zu stellen. Dies stellt den Beginn einer langen Reise dar, die die beiden gemeinsam durch Taipeh unternehmen, wo sie auf allerhand skurille Charaktere treffen, die wiederum selbst in irgendwelche Liebeswirren verwickelt sind.

    Zu Zeiten Shakespeares herrschten im Theater noch patriarchale Vorkehrungen, lediglich Männern war das Schauspiel auf der Bühne vorbehalten, die demnach sowohl männliche als auch weibliche Rollen bekleideten. Das Konzept von „As We Like It“ steht im totalen Gegensatz dazu: Hier ist nämlich ein rein weiblicher Cast zu sehen. Zwei Frauen spielen also Rollen, die im elisabethanischen Zeitalter noch von Männern verkörpert wurden. Eine davon spielt einen Mann und die andere eine Frau, die sich wiederum als Mann ausgibt. Zugegeben, das klingt etwas verwirrend.

    Aber es würde sich ja nicht um eine Verwechslungskomödie handeln, wenn auf diese Verwirrung nicht auch abgezielt werden würde. Denn so ganz kennt man sich nicht immer aus, vor allem dann nicht, wenn eine Vielzahl an verschiedenen Charakteren präsentiert, aber nicht wirklich eingeführt wird oder die Erzählung sehr sprunghaft voranschreitet. Zusätzlich werden auch noch einige Elemente aus Shakespeares Drama übernommen, oftmals jedoch in abgewandelter Form. Die Verwirrung nimmt weiter seinen Lauf.

    Aber zurück zu dem Spiel mit Geschlechterrollen: Dieses nimmt in „As We Like It“ jedenfalls eine ganz neue Gestalt an und unterstreicht die inhärente LGBTQ-Thematik. Die Botschaft des Films besagt, dass Liebe das Wichtigste ist, unabhängig vom jeweiligen Geschlecht. Dadurch, dass Taiwan das erste asiatische Land war, in dem die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert wurde, bekommt diese Aussage eine erweiterte gesellschaftspolitische Signifikanz, die auch in den Liedern zum Ausdruck kommt, wenn es beispielsweise heißt: „Doesn’t matter if it’s a man or a woman. As you like it“.
    Die Regie der quirligen Shakespeare-Adaption haben Hung-i Chen und Muni Wei übernommen. Wei war bisher vorrangig als Theaterregisseurin tätig, was sich anhand der theatral anmutenden Inszenierung bereits vermuten lässt. Darüber hinaus ist sie eine der Gründer*innen der „Shakespeare’s Wild Sisters Group“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, sich gegen patriarchale Strukturen im Kultursektor einzusetzen. Gemeinsam mit Chen erschafft Wei in ihrer einmaligen Shakespeare-Adaption eine Utopie, in der Liebe als höchstes Gut definiert wird…und wo größtenteils auf jegliche Internetnutzung verzichtet wird. Da die Zahl der Nutzer*innen von mobilem Internet in Taiwan zu explodieren scheint, erhält auch dieses scheinbar zufällig gewählte Handlungselement eine gewisse gesellschaftliche Relevanz.

    Stilistisch erinnert „As We Like It“ teilweise an hyperstilisierte Fanvideos, die massenhaft im Internet zu finden sind. Auf technische Spielereien, wie Animationen, die durchs Bild huschen, wird hier ebenso zurückgegriffen wie auf ausgeschmückte Einblendungen von Zitaten aus Shakespeares Literaturvorlage. Natürlich ist auch der ein oder andere Romeo-Verweis zu finden. Abgerundet wird das Unterfangen durch Brüche der vierten Wand, einer bunten Kulisse und mehreren Tanzeinlagen.

    Wie lautet aber nun das Fazit zum berauschenden Liebes-Wirrwar?
    Wei und Chen bringen auf jeden Fall frischen Wind in eine Reihe in die Auseinandersetzung mit Shakespeare. Eine gelungene Ausstattung und die sympathischen Darstellerinnen können aber leider nicht über eine eher ungeschickte Kameraführung und die extrem langsame Erzählweise hinwegtäuschen, die im totalen Kontrast zur ausgefallenen Inszenierung steht. Diese wird auch oftmals überstrapaziert, man fragt sich zum Beispiel, ob die äußerst lang anhaltende orgasmische Entfernung von Ohrenschmalz, um nur ein Beispiel zu nennen, wirklich notwendig ist.

    Insgesamt erscheint „As We Like It“ vielleicht ein bisschen zu schrill und zu überdreht. Das Regie-Duo liefert allerdings nichtsdestotrotz einen äußerst innovativen Ansatz bei der Behandlung von Shakespeares Komödie. Und wenngleich der Film sicherlich nicht den Geschmack von jeder/m treffen wird: Fans von schrillen, unkonventionellen Shakespeare-Adaptionen werden sicherlich ihre Freude haben!
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    (Marion Schlosser)
    04.02.2021
    15:59 Uhr