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    A Change Is Gonna Come

    Exklusiv für Uncut
    Regina King hat sich in erster Linie als Schauspielerin einen Namen gemacht. Die Afroamerikanerin erlangte Ende der Neunziger mit Rollen in Erfolgsfilmen wie „Friday“ (1995) und „Jerry Maguire“ (1996) weltweite Bekanntheit. Ab Mitte der 2000er-Jahre blieb es aber abgesehen von ein paar Serienauftritten weitestgehend ruhig um die talentierte Darstellerin. Nach mehrfach preisgekrönten Darbietungen in Serien wie „American Crime“ (2015-2017) oder „Watchmen“ (2019) und ihrer 2019 mit dem Oscar als „Beste Nebendarstellerin“ gekrönten Performance in Barry Jenkins' Liebesdrama „If Beale Street Could Talk“, änderte sich dieser Umstand jedoch schlagartig. King war plötzlich wieder voll und ganz in Hollywood angekommen. Den neugefundenen Ruhm macht sich die Schauspielerin, die in den vergangenen Jahren bereits einzelne Episoden von Serien wie „Shameless“ oder „This is Us“ inszenierte, jetzt zu Nutze, um ihr Filmregiedebüt zu geben. Der dabei herausgekommene Film „One Night in Miami“ liegt dem gleichnamigen Theaterstück von Kemp Powers zugrunde und feierte im Rahmen der letztjährigen Filmfestspiele von Venedig seine Weltpremiere. Powers, der zuletzt erst die Co-Regie beim neuesten Pixar-Geniestreich „Soul“ übernehmen durfte, steuerte nun auch für die Leinwandadaption des Bühnenstoffs das Drehbuch bei.

    Das von wahren Ereignissen inspirierte Drama spielt sich größtenteils in der Nacht des 25. Februar 1964 ab. Der Tag, an dem Cassisus Clay (Eli Goree) – den meisten Leuten wahrscheinlich besser unter seinen späteren Namen Muhammad Ali bekannt – die Welt in Schock versetzte, als er im zarten Alter von nur 22 Jahren zum neuen Boxweltmeister im Schwergewicht gekürt wurde. In dieser fiktionalisierten Version der Geschichte verbringt Clay den siegreichen Abend gemeinsam mit drei weiteren Größen der afroamerikanischen Geschichte: dem kontroversen Bürgerrechtler Malcolm X (Kingsley Ben-Adir), dem legendären Footballspieler Jim Brown (Aldis Hodge) und dem einflussreichen Soul-Sänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.). In einem Hotelzimmer führen die Freunde ausführliche Gespräche über die damalige Position und Behandlung des schwarzen Mannes innerhalb der rassistischen Gesellschaft Amerikas. Dabei stoßen die vier in einigen Punkten auf Unstimmigkeiten. Je aufgeheizter die zutiefst politischen Konversationen werden, desto mehr spitzt sich die Situation mit der Zeit zu.

    Entstanden ist hier ein äußerst spannendes Gedankenexperiment, das sich mit Fragen beschäftigt, die kaum an gesellschaftspolitischer Relevanz verloren haben. Gleich in einer der ersten Szenen werden Zuschauer*innen mit dem erschütternden Rassismus der 1960er-Jahre konfrontiert. Nach einer NFL-Erfolgsserie stattet Jim Brown in seiner Heimat Georgia seinem ehemaligen weißen Nachbarn und Familienfreund Carlton (gespielt von Beau Bridges) einen Besuch ab. Auf den ersten Blick scheint sich ein nettes Gespräch zwischen den beiden zu ergeben. Als Jim Carlton dann jedoch anbietet, ihm beim Verrücken seiner Möbel auszuhelfen, zerbricht die scheinheilig freundliche Fassade des einstigen Nachbars. Der alte Mann erwidert auf das Angebot schlichtweg, dass er und seine Familie nie einen Schwarzen in ihr Haus lassen würden. Binnen kürzester Zeit lässt King ein scheinbar freundliches Gespräch zu einer schmerzhaften Anekdote für strukturellen Rassismus ausarten.

    Abseits dieser eindringlichen Eröffnungssequenz kommt die Dramaturgie anfangs aber nur schleppend in Gang. Mithilfe einer in die Länge gezogenen Exposition möchte man dem Publikum in den ersten 30-40 Minuten den Alltag der vier Protagonisten näherbringen. Dieses Unterfangen ist zu weiten Teilen eher weniger geglückt und wäre nicht zwingend von Nöten gewesen. Da der Film Zuschauer*innen ohnehin ein kleines Grundwissen über die hier dargestellten Realpersonen abverlangt, hätte man das Geschehen locker erst unmittelbar bei der Ankunft im Hotel ansetzen können. Sobald die vier Herren nämlich ihre Hotelzimmer erreichen, nimmt das Drama als faszinierendes Kammerspiel schnell an Fahrt auf und kommt bis zur letzten Minute kaum vom Gaspedal ab. Die Konversationen, die sich zwischen den vier Männern mit äußerst unterschiedlichen Ansichten herauskristallisieren, bergen einiges an spannendem Konfliktpotential und wirken zu keiner Sekunde aufgesetzt, sondern in der Entstehung äußerst authentisch und nahbar. Die Glaubwürdigkeit der Gespräche hat der Film neben den feingeschliffenen Dialogen auch seiner äußerst überzeugenden Darstellerriege zu verdanken. Allen voran sind es Kingsley Ben-Adir und Leslie Odom Jr., die zu schauspielerischer Höchstform auflaufen. Leslie Odom Jr. („Hamilton“) verkörpert Soul-Musiker Sam Cooke mit großer Inbrunst und wird dem Publikum vor allem mit einer unter die Haut gehenden Gesangsszene im Kopf bleiben. Kingsley Ben-Adir brilliert als Malcolm X hingegen vor allem während der aufgeheizten Diskussionen im Hotelzimmer mit beeindruckendem Gespür fürs Theatralische. Insbesondere sind es die Momente, in denen der radikale Aktivist und Wortführer der „Nation of Islam“ den anderen drei Männern unterstellt, sich in ihren Berufsfeldern dem weißen Mainstream anzubiedern, die Ben-Adir herausragen lassen.

    Von Neo-Regisseurin King wurde leider wenig in die Wege geleitet, um die Adaption des Stücks mit Gestaltungsmittel des Kinofilms auszustatten und die Inszenierung bleibt deshalb meist zu theaterhaft. Solange sich der Film aber in den limitierten Räumlichkeiten des Hotelzimmers abspielt, tut das alles zum Glück kaum zur Sache. Auch wenn „One Night in Miami“ nämlich unter der Last seiner Expositionsdialoge zu leiden hat, entwickelt sich das Drama nichtsdestotrotz zu einem hochspannenden und thematisch gesehen immer noch relevanten Kammerspiel, das von einer preisverdächtigen Darstellerriege getragen wird.