Filmkritik zu Siberia

Bilder: Port au Prince Pictures Fotos: Port au Prince Pictures
  • Bewertung

    Höllischer Trip ins Unterbewusstsein

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Schon seit längerer Zeit eilt Abel Ferrara der Ruf als einer der umstrittensten Regisseure Hollywoods nach. Mit bekannten Werken wie „Bad Lieutenant“, „Kings of New York“ oder „The Funeral“ hat sich der Provokateur seinen Status als Enfant terrible des US-Kinos verdient erarbeitet. Ferraras Filme polarisieren wie kaum andere und auch mit seinem neuesten Beitrag „Siberia“ wird sich dieser Umstand wohl kaum ändern. Im Gegenteil: dieser ist nämlich besonders experimentell geraten und wird – wie sich exemplarisch anhand zahlreicher Personen, die die Berlinale-Pressevorführung verlassen haben, feststellen ließ – in seiner Machart einige eher verstören als begeistern. Dabei hat Ferrara hier einen außerordentlich persönlichen Film geschaffen, der einen auf eine Reise entlang menschlicher Abgründe mitnimmt, bei der aber natürlich nicht jedermann Zugang finden dürfte. Diejenigen, die sich hingegen auf diesen frenetischen Bilderrausch, in dem vieles bewusst unschlüssig bleibt, einlassen können, wird der Sog, den dieses einzigartige Werk projiziert, kaum mehr loslassen können.

    Worum geht es denn überhaupt?

    Einen linearen Plot kann man man hier nur schwer herausfiltern. Was sich aber sagen lässt, ist, dass im Vordergrund ein Mann älteren Semesters namens Clint (Willem Dafoe) steht. Dieser hat sich - begleitet von mehreren Schlitten-Huskys - in die verschneite Tundra Sibiriens zurückgezogen. Abgesehen von einer Bar, der manch skurrile Person einen Besuch abstattet, ist die Gegend wie leergefegt. Clint bekommt es jedoch bald schon mit seinen wohl größten Gegnern zu tun: seiner Vergangenheit und sich selbst.

    Rein oberflächlich betrachtet mag Ferraras frischestes Werk ab einem gewissen Punkt wie eine willkürliche Abfolge absurder Szenen daherkommen, bei dem sich weiten Teilen des Publikums kein wirklicher Sinn (mag dieser denn überhaupt existieren) erschließen wird. Wenn man diesen zunehmend surrealearen Trip, auf den uns Ferrara hier mitnimmt, jedoch als Ausflug ins Unterbewusstsein des Protagonisten betrachtet, bekommt das Ganze eine völlig andere Dimension verliehen. „Siberia“ ist somit vielmehr ein audiovisuelles bewusstseinserweiterndes Kino-Erlebnis, als ein Film mit klassischem Narrativ. In seinen ersten Minuten mag das Drama vielleicht noch halbwegs geerdet daherkommen, spätestens aber als unser Protagonist eine Höhle betritt, in der mittendrin plötzlich (in einer der wohl eindrucksvollsten Aufnahmen des Films) eine Sonne in prägnanten roten Farben aufgeht, nimmt das Ganze fortschreitend abstraktere Gefilde an. So spricht Clint nur kurze Zeit später mit seinem eigenen Spiegelbild, wird mehrmals von seinem verstorbenen (und ebenfalls von Dafoe verkörperten) Vater heimgesucht, trifft auf seine Ex-Frau oder gar auf die Kinderversion seiner selbst. Auch wechselt sich mehrmals der Schauplatz, ohne dass je genau erläutert wird weshalb dem so ist. Von der sibirischen Schneelandschaft, wird man aus dem Nichts in exotische Wälder und Wüsten transportiert. Ferrara hat seinen filmischen Trip als regelrechten Fiebertraum inszeniert, der innere Logik über Bord wirft, und stattdessen immer tiefer in die chaotische Psyche seines Protagonisten eindringt. In einer der denkwürdigsten und auch unterhaltsamsten (ob nun freiwillig oder nicht, muss jeder selbst für sich entscheiden) Momente des Films, sehen wir Protagonist Clint dabei zu, wie dieser plötzlich anfängt zu Dan Shannons Evergreen „Runaway“ zu tanzen und mitzusingen. Wie man aus der Pressekonferenz entnehmen konnte, verbindet auch den echten Willem Dafoe eine lange Geschichte mit dem Song. Allgemein gebührt Dafoe hier besonders großes Lob. Seine ungeheuerliche Hingabe zu Ferraras purem Wahnsinn hält das Chaos, in das man sich hier mit zunehmender Lauflänge hineinstürzt, nämlich eindrucksvoll zusammen.

    Was wollte man hier nun also erzählen? Ist „Siberia“ tatsächlich eine freudsche Reise ins Unterbewusstsein eines von inneren Dämonen geplagten Mannes? Oder ist der Film so leer, wie die verschneite Schneelandschaft, die er abbildet? Das wird am Ende des Tages wohl jeder selbst für sich entscheiden müssen.

    Es kann jedenfalls gesagt werden, dass es sich hier um ein durch und durch obskures Werk handelt, das faszinieren wie auch abstoßen wird. Wer in dieses chaotische Sammelsurium aus bildgewaltigem Surrealismus, betörenden Tönen und anderen absurden Einfällen (auch Metalmusik findet hier Verwendung) abtauchen kann, wird mit Sicherheit Mehrwert in diesem filmischen Höllentrip entdecken können.