Filmkritik zu Free Solo

Bilder: Polyfilm Fotos: Polyfilm
  • Bewertung

    Alex Honnold will hoch hinaus

    Exklusiv für Uncut
    Dem US-amerikanischen Kletterprofi Alex Honnold, der sein Leben dem gefährlichen Free-Solo-Climbing widmet, gelang im Juni 2017 ein sensationeller Kraftakt. Der Extremkletterer schaffte es freihändig und ohne jegliche Sicherung die über 900m hohe Felsformation „El Capitan“ im kalifornischen Yosemite National Park zu besteigen. Während den Vorbereitungen auf den großen Tag und den im mehrdeutigen Sinne holprigen Weg dorthin wurde der Sportler von den Dokumentarfilmemachern Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin begleitet. Herausgekommen ist dabei die Dokumentation „Free Solo“, die gleichzeitig als intimes Porträt eines introvertierten Mannes, dessen Leben trotz aller Risiken, die der gefährliche Sport mit sich bringt, von seiner Leidenschaft gesteuert wird wie auch als packende Momentaufnahme eines rekordverdächtigen Unterfangens, dem (zumindest in Europa) zu wenig mediale Beachtung geschenkt wurde, funktioniert. Vor wenigen Wochen erst durfte die Doku den Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ mit nach Hause nehmen. Ob die hohe Auszeichnung nun komplett verdient ist, sei dahingestellt. Das fertige Ergebnis kann sich dennoch absolut sehen lassen und entfaltet sich durch spektakuläre Aufnahmen des wagemutigen Kletterakts vor allem auf der großen Leinwand auf eindrucksvolle Art und Weise.

    Trotz des bombastischen wie auch größenwahnsinnigen Ereignisses, auf das der Film schlussendlich hinzielt, bleibt die Doku weitestgehend überraschend intim und bodenständig. So werden dem Zuschauer vor allem in der ersten Hälfte einige Hintergrundinformationen über Protagonist Alex Honnold, seine schwierige Kindheit, sein Liebesleben und sein autistisch anmutendes exzentrisches Verhalten auf den Weg mitgegeben. Dabei wird dem Zuschauer zu keinem Zeitpunkt der Eindruck einer übermenschlichen Persona vermittelt, sondern ein humanes Porträt eines komplexen Individuums voller Ecken und Kanten geboten. Zugegebenermaßen können ein paar der persönlicheren Momente ab und an etwas gekünstelt oder zu sentimental daherkommen – insbesondere manch Szene mit Honnolds aktueller Freundin Sanni – jedoch wirken im Großen und Ganzen auch die intimeren Szenen zumeist rau und gefühlsecht.

    Zur selben Zeit dient die Doku auch als respektvolle Ode an den Sport des Free-Solo-Climbings und zeigt unbeschönigt die potentiell tödlichen Gefahren und Risiken auf, die Extremsportler tagtäglich auf sich nehmen, um ihr Ziel zu erreichen. Dabei verneigen sich die Filmemacher vor der Bereitwilligkeit die Grenzen des Extremen auszutesten, anstatt die Kletterer, die ebendiesen risikoreichen Sport betreiben, als schlicht und einfach lebensmüde zu porträtieren.

    Das Highlight ist jedoch ohne jeden Zweifel die finale halbe Stunde, in der endlich der eigentliche Kletterakt, auf den die Doku über die vorangegangene Laufzeit hinarbeitete, gezeigt wird. Durch eindrucksvolle Aufnahmen, die Honnold bei seinem wahnsinnigen Unterfangen auf Schritt und Tritt begleiten, wird hier ein Gefühl der Immersion erzeugt, das den Zuschauer mit Adrenalin und Nervenkitzel vollpumpt. Obwohl einem der Ausgang bereits vor Sehen der Dokumentation bekannt sein dürfte, lässt einem die intime Kameraarbeit regelrecht am geschichtsträchtigen Versuch Honnolds teilhaben und mit jedem kleinsten Rutscher oder abbröckelnden Steinchen um das Leben des Protagonisten bangen. Die Tatsache, dass Alex über die meiste Laufzeit hinweg ein eher in sich gekehrtes und undurchdringliches Gemüt an den Tag legt, macht den Moment, in dem er voller Emotion feststellt, dass er gerade seinen Traum erreicht hat, umso kraftvoller.

    Obwohl der Film mit einer Laufzeit von 100 Minuten definitiv die ein oder andere Länge mit sich trägt, ist das Gesamtergebnis durchaus beeindruckend. Mit „Free Solo“ wurde Alex Honnold und dessen sportlicher Meisterleistung ein filmisches Denkmal gesetzt, das informativ, packend sowie auch angsteinflößend ist und sich auf der großen Leinwand zum schwindelerregenden Ereignis erlebt.

    Ab in die Höhe!
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    (Christian Pogatetz)
    19.03.2019
    09:44 Uhr