Filmkritik zu The Party

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  • Bewertung

    Ein amüsanter, schmerzlich realer Blick in die linke intellektuelle Mittelschicht

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2017
    Eine Frau lädt zu einer Party ein und muss erfahren, dass ihr Mann eine andere hat. Und irgendwie hängen alle mit drinnen. Eine Ausgangssituation, die nach Dramatik und aufgeheizten Konflikten klingt. Nicht so bei Sally Potter. Sie nimmt die Höhen und Tiefen dieser Situation, durchleuchtet sie und legt ihren Charakteren so spitze Aussagen in den Mund, dass der Zuschauer selbst bei der größten Tragik nicht aus dem Lachen rauskommt. Jede der Figuren ladet zum Mitfühlen ein, bekommt aber auch gleichzeitig ihr Fett weg. Niemand ist eindeutig sympathisch, niemand ist der klare Antagonist. Potter setzt ihre Figuren wie auf einem Schachbrett in Position und lässt sie, ganz ihrer charakterlichen Linie entsprechend, aufeinander los. Am Ende kann der Zuschauer sich trotz der kurzen Laufzeit mehr in ihre Haut versetzen als bei so manchem zwei Stunden Drama.

    Es sind die Feinheiten dieser exzellenten schwarzen Komödie/Tragödie, mit denen Potter diesen Film so sehr aus der Masse der „missglückte Dinner Party“-Filme heraushebt (bei der Berlinale lief unter anderem im Wettbewerb der Film „The Dinner“, der seiner Aufgabenstellung ganz und gar nicht gerecht wurde). Was zuerst auffällt ist das mis-en-scène. Der Film ist in Schwarz-Weiß gedreht. Damit lässt er kaum Raum für Emotionen, lenkt nicht vom Realismus ab und erlaubt dem Gehirn, Sachen komplett anders zu sehen. Die zweite Besonderheit sind die Sprache und die Dialoge. „Ich habe besonders Acht gegeben darauf was die Leute sagen, was sie nicht sagen und was sie fühlen das sie nicht sagen können“, erklärte Potter bei der Pressekonferenz. Jeder ihrer Charaktere hat eine Agenda, niemand ist wirklich das Opfer oder so offen mit den anderen, wie er oder sie vorgibt zu sein.

    Abseits von Potters hervorragender Arbeit muss man als Kritiker auch die Darsteller erwähnen. Am herausragendsten agiert Patricia Clarkson als April. Gute 70 Prozent der flotten Sprüche gehen auf ihr Konto, jedes Mal wenn sie den Mund aufmacht erwartet man als Zuschauer freudig die nächste zynische Ansage und wird auch selten enttäuscht. Eine weitere Offenbarung ist Bruno Ganz als esoterisch angehauchter Gottfried, der unter Aprils Fuchtel steht und gegen die „Systemmedizin“ wettert. Als Schauspieler, dessen Repertoire eher dramatische Rollen umfasst, eine unerwartete aber brillante Besetzung. Ebenso erheiternd ist Cillian Murphy als nervöser und betrogener Tom, der sich alle paar Minuten Koks in die Nase schnupft und mit seinem Gewissen hadert, ob er Bill umlegen soll oder nicht. Doch es wäre unfair nur diese drei Darsteller hervorzuheben. Cherry Jones, Emily Mortimer, Kristin Scott Thomas und ein ungewöhnlich erschlankter Timothy Spall nutzen den Raum, der ihnen gegeben wird, ebenfalls gekonnt um ihre Charaktere zu offenbaren und tun damit ihr übriges, der liberalen intellektuellen Londoner Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Besonderes Sahnehäubchen: Das Ende. Allein deswegen zahlen sich die 71 Minuten Party machen schon aus.
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    (Susanne Gottlieb)
    25.02.2017
    19:57 Uhr
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