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    Make America Break Again

    Der Sturm aufs Kapitol hätte der Anfang werden können für etwas, dass wohl die ganze Weltordnung neu geschrieben hätte. Denn wir wissen längst: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben diese immer schon mitbestimmt, war es nun der Erste oder der Zweite Weltkrieg, Operation Wüstensturm, der Sturz Saddam Husseins oder die Bereitschaft, die Ukraine gegen den russischen Aggressor mit allerhand Kriegsmaterial zu unterstützen. Das US-Amerika ist nicht nur Entscheidungskraft im weltpolitischen Handel, auch die Lebenswelt in Übersee ist uns dank des übereifrigen Outputs an Hollywood-Filmen so dermaßen vertraut, als würde man selbst dort drüben leben. Keine andere Staatengemeinschaft wie diese hat dermaßen viel Einfluss. Umso erschreckender muss es also sein, wenn die selbsternannte Weltpolizei, die geschlossen gegen die Achsen des Bösen angekämpft hat, plötzlich und im eigenen Land nicht mehr Herr der Lage ist und von innen heraus zerbricht. Es wäre eine Katastrophe langen Atems und alles umstürzend, was die Wohlstandswelt wertschätzt.

    Als Anfang von etwas Neuem und zweifelhaft Gutem hätte der 6. Januar 2021 zwar nicht sogleich einen Krieg, dafür aber einen weitaus größeren Erdrutsch verursachen können, der Folgen nach sich ziehen hätte können, die Alex Garland nun in die existenzgefährdenden Albträume der US-amerikanischen Bevölkerung als böse Saat einpflanzt. Der Umbruch ist in Civil War längst nicht mehr aufhaltbar, die Ordnung ist dahin, der Notstand ein Euphemismus. Dieser Film ist nichts, was uns Europäer nicht angeht. Er bedient die größte Angst der westlichen Welt, ihre prachtvolle Convenience-Blase platzen zu sehen. Weil plötzlich ist, was nicht sein darf. Weil die Welt nur immer woanders zugrunde geht, nur nicht hier, wo der Überfluss alles richtet.

    Civil War ist weniger ein politischer Film. Alex Garland ist es sowas von egal, wer nun wen bekämpft, welche politischen Agenden dahinterstecken, welche Ideale nun kolportiert werden und was sich der noch amtierende Präsident der Vereinigten Staaten eigentlich hat zuschulden kommen lassen, um jetzt um sein Leben zu bangen. Denn schließlich ist es ja so, dass jene Recht behalten, die dieses Gemetzel gewinnen. Kriege verlieren hingegen sehr schnell ihren Sinn, der Ausnahmezustand schafft ein Vakuum, in dem sich nur schwer ein gewisser Alltag leben lässt. Und wenn doch, erscheint er grotesker als alles andere. So einen Zustand müssen die vier Journalistinnen und Journalisten Lee, Jessie, Joel und Sammy erstmal verdauen und als gegeben akzeptieren. Sie sind unterwegs quer durchs Land, um zur rechten Zeit am richtigen Ort den schwindenden Präsidenten zu einigen letzten Worten zu bewegen, denn alles sieht danach aus, als stünden die Western Forces kurz davor, auch die letzte Bastion der alten Paradigmen niederzureissen. Es ist wie die Schlacht um Berlin, die Schlacht um Bagdad, die Schlacht um eine heile falsche Welt, die bald entbrennen wird. Das Quartett möchte vor allen anderen ins Weiße Haus gelangen, der Ehrgeiz des Reporters ruft, und die Versuchung, zu selbigem des Satans zu werden, lockt wie schnöder Mammon. Sie versuchen, Würde zu wahren und so zu tun, als würde sie der jeweils andere interessieren. Eine Zweckgemeinschaft, die während einer über 800 km langen Fahrt Zeuge einer Zombieapokalypse nur ohne Zombies wird, in der rechtsextreme Republikaner die Gelegenheit am Schopf packen, ihre Welt von allem Fremden zu säubern, Scharfschützen ohne Fraktion einander die Birne wegschießen und Lynchjustiz an der Tagesordnung steht. Es sind Bilder, die man von woanders kennt.

    Endlich sieht man mal wieder Kirsten Dunst in einer Rolle, die ihr auf den Leib geschneidert scheint. In längst abgestumpfter Professionalität einer Kriegsreporterin hat sie alles schon gesehen, nur sie selbst war noch nie wirklich Teil davon. Wagner Moura als jovialer Cowboy, Stephen Henderson als der amerikanische Christian Wehrschütz, der schon längst in den Ruhestand hätte treten sollen, es aber nicht lassen kann, und zuletzt Cailee Spaeny (Priscilla) als kindlicher Ehrgeizling, der zum einen eine Scheißangst vor dem Krieg hat, zum anderen aber bald die Gefahr als Droge missbraucht, um noch bessere Bilder zu machen als Lee Smith aka Kirsten Dunst, die es anfangs für keine Gute Idee hält, dieses Greenhorn mitzunehmen. Garland schafft mit diesen „Vieren im Jeep“ neben all der Kriegsstimmung und des Notstands ein Ensemblespiel in kunstvoller Effizienz, was das Portraitieren von Charakteren angeht. Civil War ist Kriegsreporter-Kino allererster Güte, so eindringlich wie Salvador oder The Killing Fields – und dann das: Anders als all die besten aus der Hochzeit des Politkinos Ende der Achtziger fühlt sich Civil War aufgrund seiner Nähe zu einer uns wohlbekannten Welt und einem unmittelbarem Zeitgeist tatsächlich so an, als sähe man das, worüber Garland berichtet, in den hauseigenen Nachrichten. Civil War ist das schweißtreibende Imitat einer nahen, möglichen Realität, die scheinbar Unzerstörbares aushebelt und niederringt. Immer wieder findet Garland Bilder von weltvergessener Schönheit und konterkariert seinen Krieg mit einer Compilation aus Countrysongs, Hip Hop- und Space Rock, die das Gesehene so irreal erscheinen lassen wie Napalmbomben am Morgen unter den Klängen von The Doors. Coppolas Antikriegs-Meisterwerk Apocalypse Now wirft Garland auch verstohlene Blicke zu – so manche Szene ist zu bizarr, um ihm Glauben zu schenken. Der Boden unter den Füßen findet kaum Halt.

    Gegen Ende uns Zusehern vor die Füße geworfen, ist die Schlacht um Washington D.C ein Brocken selten gesehener, moderner Kriegsführung, sie gerät weder prätentiös noch pathetisch, sondern so authentisch wie der Lockdown oder Flüchtlingsströme vor der Haustür. Auf diesen Zug, in welchem Good News Bad News sind und Bad News irgendwann vielleicht Good News werden, springt Civil War auf und fährt die Achterschleife. Garland bringt seinen Plot dramaturgisch auf den Punkt, lässt weg, was den Höllenritt nur ausbremst, lässt manches im Geiste seines Publikums weiterspinnen, redet auch nicht lang drum herum. Als klar wird, dass die Härte und Arroganz der Kriegsführung im eigenen Land auch jener entspricht, mit der die USA bereits allerorts auf dieser Welt einfielen, wird einem so richtig mulmig. Die Zivilisation zeigt sich als Camouflage, der Altruismus in Krisenzeiten als Lippenbekenntnis. Wo es die Menschheit hinbringt, lässt Garland im Ungewissen. Was sie anstachelt, ist weniger der Mut zur Veränderung als lediglich die Gier nach einem wie auch immer gearteten Sieg.



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    29.04.2024
    17:50 Uhr
  • Bewertung

    Journalismus als Tanz auf dem Gewehrlauf

    Exklusiv für Uncut
    Die Gesellschaft gespalten, Donald Trump erneut vor der Tür, Wahlen am nahen Horizont. Selten gab es eine passendere Gelegenheit eines dystopischen Films über Bürgerkriege in den USA als 2024. Wer sich aber von „Civil War“ eine Michael-Bay-Materialschlacht erwartet, wird entweder enttäuscht oder eines Besseren belehrt. Mehr Road-Movie und Coming-of-Age-Story richtet sich der Blick auf ein unterrepräsentiertes Berufsbild: Kriegsjournalismus und Kriegsfotografie. Was kann uns das neue Werk des avantgardistischen Regisseurs Alex Garland über den Zielkonflikt aus psychologischer Überforderung, Notwendigkeit unabhängiger Medien und moralischen Widerständen verraten?

    Lee und Joel (solide Leistungen von Kirsten Dunst und Wagner Moura, bekannt als Pablo Escobar aus „Narcos“) sind Kriegsreporter:innen im fiktiv-zukünftigen US-amerikanischen Bürgerkrieg. Mit dem Ziel, noch ein letztes Interview mit dem Präsidenten zu führen, bevor dieser von den Western Forces attackiert wird, brechen sie auf nach Washington D.C. Mit an Bord der Medienveteran Sammy (Stephen Henderson spielt auch Thufir Hawat in „Dune“) und die junge Jessie (starke Darbietung: Cailee Spaeny), die anfangs naiv agierend ihre Berufung erst finden muss. Ihre Reise führt das Quartett zu absurden und gefährlichen Situationen, die alte Traumata aufreißen und neue Angst erzeugen – bis zum bitteren Ende in D.C.

    Schon früh als Autor positiv aufgefallen („28 Days later“), gelang dem britischen Regisseur Alex Garland 2015 mit „Ex Machina“ ein kleines Wunderwerk, das sowohl von Publikum als auch von Kritik durchweg gefeiert wurde. In den letzten Jahren wurde es still um ihn, seine Projekte zündeten nicht im gleichen Ausmaß, jetzt ist er zurück mit seinem vierten Spielfilm und veranstaltet eine militärische Achterbahnfahrt. Bis zur Filmmitte funktioniert der Streifen durchwachsen, die Charakterzeichnung wirkt eindimensional, trivial sadistische Söldner tauchen auf, die Dialoge sind beiläufig. Speziell Jessies Entwicklung verläuft unglaubwürdig zu schnell. Erst im letzten Filmdrittel erklingt das Crescendo, steigen Puls und Atemfrequenz, weiten sich lauer Wind zu einem Orkan und Einzelpatronen zu einem Kugelhagel in einem rasanten, unerwarteten, höchstintensiven Ende. Mit beängstigendem Realismus dokumentiert die Reportage des Krieges Opfer, insbesondere Jesse Plemons‘ Kurzauftritt ist ein Schlag in die Magengrube. Mit Klarheit und ohne Pathos inszeniert Garland den amerikanischen Albtraum, die Kameraarbeit erfüllt hohe Standards.

    Von besonderer Wichtigkeit: Sound und Soundtrack. Komplette Stille und ohrenbetäubender Krach alternieren. Bei Panikattacken, bei schlaflosen Nächten, bei Melancholie nach Angriffen dominieren die Erinnerungen der Protagonistinnen in dichterischer Ruhe. Ganz im Gegensatz der Lärm der Hülsen und die Schüsse aus den Waffen, die sich stets abwechseln mit den Schüssen aus den Kameras, deren Fotos wie zeitlose Gedenktafeln in den Film geschnitten sind. Fast schon kubrick-esk kreuzt der Soundtrack die Situationen. Psychedelischer Pop, treibender Funk und später gar Country-Riffs konterkarieren das Gesehene, lassen es phasenweise satirisch erscheinen. Machen „Civil War“ zu einem durch und durch amerikanischen Produkt.

    Nicht nur in diesem musikalischen Durcheinander, im lauen Spannungsaufbau oder der holprigen Charakterentwicklung findet der Film keinen kohärenten roten Faden. Politische Hintergründe, Ursachen des Krieges wären interessant, aber auch eine gänzlich andere Intention, der Vorwurf nicht haltbar. Was will uns der Film sonst erzählen? Moral im Journalismus. Wann müssen Medien eingreifen? Welche Macht haben sie, welche Verantwortung? Das Spannungsfeld aus unabhängiger Aufklärung und Meinungsmache könnte bespielt werden. Welche moralischen Maßstäbe müssen gelten? Oder die innere Perspektive: wie umgehen mit dem Schrecken, wohin mit dem Trauma? Peripher streifen Bilder und Dialoge diese Themen, auserzählt und fokussiert behandelt werden sie kaum, der Film pendelt zwischen den Sphären, lässt aber zu viel offen. Oder kann all das positiv ausgelegt werden, wenn das Werk sich der Parteinahme enthält und Neutralität predigt? Interpretationsspielraum. Ohne Politik und Psychogramm bleibt das rohe Abziehbild des Krieges auch eine Botschaft.

    Fazit: Verstörende Aufnahmen, poetische Momente und entsetzliche Bilder prägen diese apokalyptische Welt eines zerstörten Amerika mitten im „Civil War“. Auteur Alex Garland zeigt Kriegsfotografie als Tanz auf dem Gewehrlauf, als Leben im Auge des Orkans in Form dieses hyperrealistischen Road-Movies. Trotz beklemmender Szenen, spektakulärem Finale, kinematografischer Brillanz fehlt „Civil War“ die kohärente Bindung im Subtext, ist dennoch eine Herausforderung und eine präzise Warnung an uns alle, die Gräben nicht weiter auszuhöhlen. Von Ukraine bis Nahost, die Kriege und deren Sinnlosigkeit häufen sich, noch ist die USA nicht direkt betroffen.
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    18.04.2024
    16:08 Uhr
  • Bewertung

    Top Gun 3 x American Sniper 2

    Exklusiv für Uncut
    Entschleunigte Aufnahmen und Ambient-Töne vom Wunderknaben Alex Garland der A24-Schmiede gehören der Vergangenheit an. In seinem neuesten Werk „Civil War“ fährt er alle Geschütze aus, die er für 75 Millionen Dollar (oder 50, je nach Quelle) an Land ziehen konnte. Bis sie zum Einsatz kommen, geht ein Roadmovie voraus, welches wie ein filmisches Fotoalbum des Regisseurs wirkt. Durch Wälder geht es, vorbei an einer versteckten Forschungseinrichtung, einer Zone, in der Menschlichkeit endet, einem Rückzugsort, um Traumata zu bewältigen, einer weiteren geheimen Forschungseinrichtung, nur um am Ende in einem kriegerischen Höllenschlund in „Last of Us“-Optik zu landen.

    Systemkollaps made in USA.

    Amerika befindet sich am Abgrund, eine Zäsur steht bevor. Als sich Texas und Kalifornien zusammenschließen und eine westliche Allianz bilden, wird Washington, D.C., samt dem Präsidenten (Nick Offerman) ins Visier genommen. Auf dem Weg von New York in die amerikanische Hauptstadt gerät die Kriegsberichterstatterin Lee (Kirsten Dunst), gemeinsam mit ihren Kollegen Joel (Wagner Moura), Jessie (Cailee Spaeny) und Sammy (Stephen McKinley Henderson) zwischen die Fronten.

    Spielerischer Krieg, kriegerisches Spiel

    Wut geht in der Welt umher, die unzähligen aktuellen Hot-Spots lassen keinen Zweifel daran. Der Anspruch, einen zynischen Text über amerikanische Kriege zu schreiben und sich daran zu laben, wird von Garland jedoch direkt demontiert, indem er selbst zum Zyniker wird. Die Kriegsbereitschaft der USA freilegend, folgt ein Abriss einer im Grunde schon jahrzehntelangen intakten Gesellschaft, verbunden mit kardinalen Fragen, die sich jeder aus dem amerikanischen Publikum stellen muss. Was für ein Amerikaner bist du? Hast du noch genug Munition parat? Und auch die Big-Player werden nicht vergessen: Möchte ich nach diesem Film wirklich US-Präsident werden?

    Inszeniert wird die Geschichte eines aktuellen Bürgerkrieges in den USA mit befriedigender Radikalität. Den zweiten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten als Sprungbrett genutzt, um den Highground zu erreichen, sichert sich Garland einen der besten Spots, um alles im Blick zu haben. Doch wann ist es ein Spiel, bei dem die Augen der Reporter am Anfang noch leuchten, ab wann ist es Krieg? Nach Garlands Inszenierung spielt eine Antwort darauf letztlich gar keine große Rolle, solange die Kamera die Sicht aus 2nd- oder 3rd-Person einzunehmen versucht und noch genügend Munition/Lebensbalken der Figuren/Player übrig sind.

    Waffen und Bilder

    Der japanische Regisseur Akira Kurosawa sagte einmal: „All der technologische Fortschritt der letzten Jahre hat der Menschheit nur beigebracht, wie man sich gegenseitig besser und effizienter umbringt.“. Nachdem in „Civil War“ Maverick aus „Top Gun“ und Meister-Scharfschützen aus „American Sniper“ rekrutiert wurden, die sicherlich auch „gute“ Arbeit leisten, bleibt eine Kriegsführung, welche dem aktuellen Technologiestand entspricht, jedoch aus. Wo sind alle fortschrittlichen Technologien der nächsten Generation? Statt Tarnkappenbomber oder anderweitige Superwaffen aus Area 51, es ist wohl als Entmystifizierung des hochmodernen Technologiestands zu verstehen, müssen veraltete Modelle herhalten, wie aus der Internet Movie Firearms Database IMFDB hervorgeht. Ob Garland den amerikanischen Waffenmarkt mit heruntergelassener Hose dastehen lassen will oder mit dieser Akzentuierung ganz bewusst eine filmische Zeitlosigkeit schaffen will?

    Jeglicher Waffenfokus ist letztlich jedoch unbedeutend, da der Kameraschuss schneller sein Ziel erreicht als jedes Projektil. Garland kreiert mit diesem Ansatz einen zutiefst pointierten Zugang zum Kriegsgeschehen und setzt dies auch in Bezug auf das Wort. Dass sein Film mit stammelden und unpräzisen Worten des Präsidenten beginnt und mit einem umso präziseren Bild von ihm endet, ist vor dem Hintergrund sicherlich kein Zufall.

    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

    Mit Fokus auf das Bild schafft sich Garland zusätzlich ein Fass mit doppeltem Boden. Anknüpfend an mediale Bilder, die durch die Welt gingen, sei es Tank Man, der rebellierende Mönch, der sich öffentlich anzündete oder Aufnahmen vom 11. September 2001, spannt Garland den Bogen in zweierlei Hinsicht. Es ist das eine, wenn die dahinterliegende Geschichte dokumentiert wird, das andere, wenn versucht wird, Krieg und Ästhetik zusammenzubringen, denn auch in Civil War ist die Rede vom „perfekten Shot“ - der Weg zum viralen Hit ist nicht weit entfernt. All das Blut, das fließt, trübt Garlands Blick jedoch in keinster Weise, Civil War ist alles andere als reduziertes Hochglanz-Kino.

    Über Leichen, Folter, schlichtweg Unmenschlichkeit schreitet Garland hinüber und findet trotzdem noch Platz für Unterschwelligkeit: In einer Welt von „Civil War“ kommt es gar nicht mehr so wirklich darauf an, wie viele Sterne die amerikanische Nationalflagge ziert. Wenn erst einmal alle Flaggen in Blut getränkt sind, ist es bis zur Optik der Samoa-Nationalflagge nicht mehr weit hin.

    Eine neue Ära beginnt

    Dass Garland kein appellierender Regisseur ist, der das Publikum wie so viele vor ihm an die Sinnlosigkeit des Kriegs erinnern will, nutzt er, um eine zentrale Frage hintenan zu stellen: Geht es wirklich um Krieg oder doch eher um die unmittelbar letzten Momente eines transformatorischen Prozesses in Richtung einer neuen Ordnung, um die letzten Momente, in denen sich Geschichte noch festhalten lässt?

    Scheinbar steht eine Zäsur an, nicht nur für ihn, sondern ebenso für das dahinterstehende Studio A24, welches sich bis dato pudelwohl im tatkräftig erschafften Genrekino gefühlt hat. Zwei Fragen bieten sich also nun an. Wie sehr folgt „Civil War“ den etablierten Kriterien dieses konzeptionierten Genrekinos? Und welches Studio will A24 jetzt sein? Die bis dato untypischste A24-Produktion schreit förmlich danach, als wäre es ein Aufbruch zu neuen Ufern. Hoch budgetiert, mit großen Stars und üppigen Waffenarsenal ausgestattet, vereint „Civil War“ den Blockbuster-entsprechenden Bombast mit Cleverness und ausreichend viel Substanz. Ein kleiner Mangel an Radikalität, was man „Civil War“ noch am ehesten vorwerfen kann, wird somit zu großen Teilen kompensiert. Mit „Make cinema great again“ würden wohl polemische Autoren jetzt schließen.
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    18.04.2024
    16:07 Uhr