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    Aus Liebe im Widerstand

    Schluchzen, Tränen, Betroffenheit im Kinosaal. Emotionale, mitunter verstörte Missstimmung. Wohin mit den eigenen Emotionen nach einem Film wie diesem?

    In Liebe, Eure Hilde von Andreas Dresen fordert und überfordert. Das biographische Drama als schwermütig zu bezeichnen, wäre fast schon banal. Schwer verdaulich trifft es eher, nur: Schwer verdaulich muss auch nicht zwingend bedeuten, dass sich dahinter ein guter Film versteckt. Die Schwere eines Films liegt dabei weniger an den Themen. Es lassen sich diese auch ganz anders erzählen, ohne dabei die Relevanz zu verlieren. Einen Film über den Holocaust zu erzählen in Form einer Tragikomödie wie Das Leben ist schön, mag ein innovativer Ansatz gewesen sein. Sexueller Missbrauch und Demenz im Doppelpack zu bearbeiten, ohne dabei das Publikum danach zum Therapeuten schicken zu müssen, mag Michel Franco in Memory gelungen sein. Andreas Dresen nimmt sich nach Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush erneut einer True Story an, gebettet in den biographischen Auszug über eine historische Person. Sein neuer Film handelt vom Schicksal der Widerstandskämpferin Hilde Coppi, die im August 1943 wegen Hochverrats und Spionage hingerichtet wurde. Dieser Fall erinnert unweigerlich an Sophie Scholl. Marc Rothemund hat im Jahr 2005 der weißen Rose ein erschütterndes und stark auf ihr Tun und Wirken fokussiertes Denkmal gesetzt, Julia Jentsch absolvierte dabei wohl eine ihrer besten Acts. Nun folgt ihr Liv Lisa Fries, bekannt aus der fulminanten zeitgeschichtlichen Krimiserie Babylon Berlin, und erhält dabei von Andreas Dresen reichlich Spielzeit, um jene noch so erdenkliche Emotion, die eine junge Frau mit diesen Ambitionen zu dieser Zeit und unter diesen Umständen gehabt haben kann, in ihre Rolle zu legen. Niemals ist das zu dick aufgetragen, denn Fries legt in all ihren Auftritten stets eine grundlegende Natürlichkeit an den Tag, die kein Regisseur der Welt ihr austreiben kann. Mit diesem schauspielerischen As im Ärmel hätte In Liebe, Eure Hilde ein wegweisendes Politdrama werden können. Doch Dresen hatte etwas andere im Sinn: Das Tun und Wirken Hilde Coppis außen vorzulassen und stattdessen den Menschen dahinter zu präsentieren. Leider ein Trugschluss. Denn Menschen wie Coppi definieren sich vorallem durch ihre Ideale, ihre Ideen und hehren Ziele. Dresen macht aus dieser historischen Person etwas, womit diese, würde sie den Film sehen, vielleicht selbst nicht glücklich gewesen wäre.

    Was bleibt, ist die Rolle der Frau als bedingungslos Liebende, als fürsorgliche Mutter und hinnehmende Ehefrau. Wieviel davon ist tatsächlich so gewesen? Ihr Sohn Hans Coppi, der am Ende des Filmes dann auch noch zu Wort kommt, kann darüber keinen Aufschluss geben. Briefe aus dem Gefängnis allerdings schon. Drehbuchautorin Laila Stieler ersinnt daraus eine viel zu bescheidene Betrachtung einer austauschbaren, universellen Frauenrolle, die, so wie es scheint, in den Widerstand hineingerutscht zu sein scheint, unreflektiert und aus bedingungsloser Liebe im Rollenbild der Vierziger. Fast schon erscheint diese Prämisse seltsam trivial, um es sich leisten zu können, den Aspekt des Widerstandes nur peripher zu behandeln. Dieses Periphere betrifft allerdings auch all die anderen Personen, die Hilde umgeben. Sie bleiben schemenhaft und grob umrissen, Johannes Hegemann gibt Hans Coppi auffallend wenig Charakter, geschweige denn Charisma. All das wird von Liv Lisa Fries überblendet, die den Film so schmerzlich macht.

    Der dargestellte Schmerz aber ist das nächste Problem nebst dem verpeilten Fokus, den Dresen gesetzt hat: Sein Hinhalten genau dorthin, wo es wehtut, mag dem Film Authentizität geben und das Publikum auch die Chance geben, allerhand nachzuspüren, was man nicht erleben will. Die Zuseher müssen sensibilisiert werden. Des Öfteren jedoch ertappt sich Dresen dabei, dieses Schmerzempfinden zum Selbstzweck werden zu lassen. Ob minutenlanges Wehen-Management bei der Geburt des kleinen Hans oder die Hinrichtung selbst: Für In Liebe, Eure Hilde hat das kaum einen Nutzen. Es sei denn, die Qualität eines Films misst sich an seiner Schwere.



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    21.10.2024
    19:15 Uhr
  • Bewertung

    The Power of Love

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2024
    „In Liebe, eure Hilde“ erzählt uns von Mitgefühl und Menschlichkeit, und dass diese selbst die dunkelsten Stunden überdauern.

    Hilde Coppi (Liv Lisa Fries) ist durch ihren Mann Hans (Johannes Hegemann) zum Nazi-Widerstand gestoßen und engagiert sich dort. Die beiden erwarten ihr erstes Kind, doch ihre prompte Verhaftung und schnelle Verurteilung beendet mit einem Schlag das junge Glück. Im Gefängnis bringt sie ihren Sohn zur Welt, den sie nie aufwachsen sehen wird…

    Andreas Dresen verfilmt hier das Drehbuch seiner Langzeitpartnerin Laila Stieler. Die beiden wollten die Heldendarstellung von Widerstandskämpfern hinterfragen, die sie aus der DDR kannten, wo sie aufwuchsen. Und dabei ist ein Film entstanden, der sehr nahegeht.

    Alles aus Liebe

    Sein Titel, der Schlusssatz von Hildes letztem Brief, durchzieht thematisch den ganzen Film. Im Gefängnis kümmert sich Hilde liebevoll um ihre Mitinsassinnen. Für ihr Kind Hans bleibt sie stets stark. Die liebevollen Gespräche mit dem Gefängnispfarrer geben ihr Kraft (der echte Harald Pölchau hat zwar Hilde historisch nie getroffen, jedoch war er selbst im Widerstand aktiv und musste zahlreichen Exekutionen beiwohnen). Und auf die Frage des Richters, der sie ultimativ zum Tode verurteilt, warum sie denn bei all dem mitgemacht habe, antwortet sie: aus Liebe zu ihrem Mann! Liebe hat Bestand. Das wird auch anhand der semi-fiktiven Rolle einer Gefängniswärterin deutlich die erst nur strikt und ohne Empathie nach den Regeln agiert, bis irgendwann selbst sie beginnt Mitgefühl zu zeigen.

    Stiller Protest

    Das Wort „still“ fiel darüber hinaus überdurchschnittlich oft in der Pressekonferenz und beschreibt den Film am besten. Ein Vergleich, der naheliegt, ist der zu „Sophie Scholl - die letzten Tage“ (ein ebenfalls toller Film, mit einer ebenso fantastischen Hauptdarstellerin). Während dort nämlich die Gerichtsverhandlung noch von heftigen Wortgefechten zwischen Scholl und Freisler geprägt ist, läuft es hier ganz ruhig ab; nicht einmal letzte Worte wollen Hilde noch einfalle. Fern von heroisierender Darstellung und Pathos, einfach eine mutige Frau, die auch mal weinen oder Angst zeigen darf.

    Auch inszenatorisch übt sich der Regisseur in Zurückhaltung. Keine Soldatenaufmärsche, keine Hakenkreuzflaggen; die Geschichte wirkt zeitlos. Und erst Recht keine Hollywood-Nazi-Karikaturen, selbst Gestapo-Kommissar und Tribunalrichter bekommen menschliche Züge. Den Filmschaffenden war es wichtig ein komplexes System zu zeigen, dass durch millionenfache Mittäterschaft am Leben erhalten wird, und das genauso gut heute entstehen könnte.

    Auf vielen Ebenen berührend

    Dramaturgisch hält das Duo auch ein paar Kniffe bereit, statt lediglich der klassischen Formel historischer Biografien zu folgen. Vom Moment ihrer Verhaftung an bewegen wir uns in zwei Zeitebenen durch Hildes Geschichte, vergleichbar mir Christopher Nolans „Memento“. Die Gegenwart behandelt ihre Zeit im Gefängnis bis zu ihrer Hinrichtung, und ist geprägt von Kälte und Elend, durch die stellenweise die Hoffnung durchdringt.

    In Rückblenden bewegen wir uns dafür rückwärts symbolisch immer weiter weg von ihrem tragischen Ende, zu dem Moment, als sie ihre große Liebe kennen lernt. Diese strahlen eine sehr warme Atmosphäre aus, lassen uns aber nie vergessen in welcher Zeit wir uns befinden. Dadurch entsteht ein emotionales Auf und Ab, das uns durch perfektes Timing immer lange genug in Geborgenheit wiegt, nur um uns dann mit der bitteren Realität zu konfrontieren. Am Ende hat die Liebe das letzte Wort.

    Für Liv Lisa Fries ist es als Berlinerin ohnehin eine sehr persönliche Geschichte. Ihre herzzerreißende Darbietung ist das emotionale Herzstück des Films. Auch Johannes Hegemann empfand, nicht nur aufgrund der Namensgleichheit, eine tiefe Verbundenheit zu seiner Figur, ist er doch in demselben Alter wie Hans Coppi, als er starb.

    Nie vergessen

    Ich kann schon in Gedanken einige Stimmen hören: „Ist ja nur eine weitere Opferbiografie, wegen der wir uns schlecht fühlen sollen.“ „Kann Deutschland nicht mal von etwas anderem erzählen, als immer nur dem Zweiten Weltkrieg?“
    Der Film hätte sich auch genauso gut um eine der anderen Frauen oder Männer drehen können, die wir sehen. Dafür dass die Nazis genug Menschen umgebracht haben, um ein ganzes Leben mit Geschichten über sie füllen zu können, kann der Film nichts.

    Ich habe nach der Vorführung direkt die Chance genutzt, und bin nach Plötzensee gefahren, dem Ort wo sie ermordet wurden, um Hilde und allen anderen, die für ihre Ideale eingestanden sind, zu gedenken. Dresen selbst wies darauf hin, er wünsche, der Film wäre weniger aktuell. Jurymitglied Jasmine Trinca betonte bei der Jurypressekonferenz auf eine Frage zum Ausschluss gewisser Politiker von der Veranstaltung hin, dass Faschisten erst recht im Publikum sitzen sollten, um vielleicht etwas lernen zu können. Ich hoffe inständig wir hören nie auf, Filme wie diesen zu machen, denn sobald wir anfangen zu vergessen, beginnen wir zu wiederholen.
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    22.02.2024
    20:35 Uhr