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    Das verflixte 30. Jahr

    Exklusiv für Uncut
    1996 feierte das Rock-Musical „Rent“ am Off-Broadway seine Weltpremiere, die Geburtsstunde eines kulturellen Phänomens. Nur wenige Monate später zog das Musical, das heute als eines der revolutionärsten und populärsten der Moderne gilt, auf den heißbegehrten Broadway, wo es zwischen 1996 und 2008 ununterbrochen aufgeführt wurde. Ein Sensationserfolg, den ausgerechnet Schöpfer Jonathan Larson nicht mehr miterleben durfte. Nur wenige Tage vor der Uraufführung des bahnbrechenden Broadway-Musicals verstarb er im Alter von nur 35 Jahren an den Folgen eines plötzlichen Aortenaneurysmas. Ein paar Jahre vor seinem unerwarteten Ableben arbeitete Larson an einem ambitionierten Stück namens „Suburbia“, mit dessen Umsetzung er jedoch haderte. Seinen kreativen Arbeitsprozess wandelte er in das autobiographische Musical „Tick, Tick…Boom!“ um, das zwar schon vor seinem Tod komplettiert, aber erst Anfang der 2000er-Jahre vor breitem Publikum aufgeführt wurde. Für Netflix wurde Larsons wohl persönlichste Arbeit nun erstmals filmisch adaptiert. Inszeniert wurde das Ganze von niemand geringerem als dem gefeierten Broadway-Virtuoso Lin-Manuel Miranda („Hamilton“, „In the Heights“), der hier sein Filmregiedebüt gibt.

    Die Geschichte des Musicals spielt sich im Jahre 1990 ab, kurz bevor Jonathan Larson (Andrew Garfield) auf die gefürchtete 30 zusteuert. Solange der aufstrebende Theatermacher noch in seinen Zwanzigern steckt, möchte er ein Stück finalisieren, für das er sich den erwünschten Durchbruch erhofft. Bislang hatte der Eigenbrötler eher wenig Glück und wünscht sich kaum etwas mehr, als eine Karriere am Broadway – doch die Zeit läuft ihm davon. Mit einem einfachen Servierjob hält er sich über Wasser und schöpft aus sämtlichen Quellen in seinem Privatleben kreative Inspiration. Als es karrieretechnisch für Larson endlich bergauf zu gehen scheint, fängt er an, Freunde und Verwandte zu vernachlässigen. Der Druck steigt, die Unsicherheiten werden größer, die Zeit drängt.

    Mirandas Adaption des Musical-Stoffs kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Auch wenn die Inszenierung in vielen Momente zu unaufgeregt und bühnenhaft daherkommt, überzeugt die Verfilmung mit einem exzellenten Ensemble und eingängigen Interpretationen der jeweiligen Songs. Vordergründig ist es aber Ex-„Spider-Man“-Darsteller Andrew Garfield, dessen furiose Schauspieldarbietung das Filmmusical mit Leben und Energie füllt. Garfields Darstellung des selbstzweifelnden Larson ist fesselnd, emotional aufgeladen und schlichtweg hypnotisch. Eine potentielle Oscar-Nominierung erscheint nicht unwahrscheinlich. Zwar überschattet Garfield mit seiner grellen Präsenz und dem bisher ungesehenen Gesangstalent den restlichen Cast, doch auch sonst macht jeder seine Sache außerordentlich gut. Lobenswert erwähnen ließen sich unter anderem Alexandra Shipp als Larsons Freundin Susan, Robin de Jesús als sein bester Freund Michael oder Ex-„High School Musical“-Star Vanessa Hudgens als Bühnendarstellerin Karessa. Besonderes Lob gebührt Bradley Whitford („Get Out“, „The West Wing“), dessen kurzer aber erinnerungswürdiger Auftritt als die unlängst verstorbene Musical-Koryphäe Stephen Sondheim alle Blicke auf sich zieht. Inhaltlich beschäftigt sich der Film auf nachvollziehbare Weise mit Schaffenskrisen im kreativen Prozess. Eine Problematik, in die sich viele, die selbst schon Schreibblockaden oder dergleichen durchlebt haben, mit Sicherheit hineindenken können. Beiläufig wird zudem das plötzliche Aufkommen und die daraus resultierende Massenhysterie vor dem damals neuartigen HI-Virus angeschnitten und in den Plot eingebaut.

    Lin-Manuel Mirandas Verfilmung von Jonathan Larsons autobiographischem Selbstfindungsmusical wirkt stellenweise formal unausgereift und ist etwas zu lang geraten, am Ende überwiegen aber definitiv die positiven Aspekte. Andrew Garfields preisverdächtiges Schauspiel und die energiegeladene Aufmachung der Songeinlagen machen „tick, tick…BOOM!“ zu einem Genuss für Bühnenliebhaber*innen jeglichen Alters. Eine liebenswerte Hommage an das Leben und Werk eines großen Künstlers wie auch den kreativen Schaffensprozess als solchen!
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    08.12.2021
    20:04 Uhr