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    Eine diabolische Rückkehr in die Glanzzeit des italienischen Kinos

    Eldritch Advice
    Seit seiner Ersterscheinung im Jahr 1962, ist die von Angela und Luciana Giussani erschaffene Comicfigur „Diabolik“ ein italienisches Kulturgut. Als ein Dieb, der über Leichen geht, etablierte er das Subgenre „Fumetti neri“. Dies heißt übersetzt „Schwarze Comics“ und steht kurz gesagt für Krimigeschichten für Erwachsene. Anders als in den meisten Krimis, ist in Diabolik der gleichnamige Schurke der Protagonist, während der ihm nachstellende „Inspektor Ginko“ als Antagonist fungiert. Damit wird die Dynamik eines seiner Vorbilder auf den Kopf gestellt. Die Rede ist hierbei von der französischen Romanfigur „Fantômas“ und dessen tödliches Katz und Maus Spiel mit „Inspektor Juve“. Durch den raschen Erfolg der „Diabolik“-Comichefte, war es nicht verwunderlich, dass alsbald eine Verfilmung stattfand. Der von Mario Bava geschaffene Kultfilm „Gefahr: Diabolik!“ fand 1968 seinen Weg in die Lichtspielhäuser dieser Welt, konnte die finanziellen Erwartungen des Produzenten Dino de Laurentiis jedoch nicht erfüllen. Somit begann eine lange Wartezeit für jene, deren Verlangen nach mehr „Diabolik“-Filme nicht gestillt war. Es zogen über 50 lange Jahre ins Land, ehe „Diabolik“ im Dezember 2021 seine Rückkehr auf die große Leinwand feierte.

    Clerville in den 60er Jahren. Eine Verbrechensserie legt einen Schleier des Schreckens über das Land. Während kostbare Wertgegenstände verschwinden, zeugen die hinterbliebenen leblosen Körper von Polizisten und Bürgern von der Rücksichtslosigkeit des Täters. Wer auch immer ihm im Weg steht, ist des Todes. Viele wagen es seinen Namen nur hinter vorgehaltener Hand auszusprechen, denn wer unter der schwarzen Maske und hinter dem Pseudonym Diabolik steckt ist nicht bekannt. Inspektor Ginko ist der einzige Gesetzeshüter, dessen Raffinesse eine Gefahr für den König des Schreckens darstellt, und der ihm dicht auf den Fersen ist. Doch einfach unterzutauchen ist für Diabolik keine Option, denn die junge Witwe Lady Kant ist zurück in Clerville, und mit ihr ein Diamant von unschätzbarem Wert.

    Ich muss sagen … die „Diabolik“-Neuverfilmung hat all meine Erwarten übertroffen.

    So grandios die Bava-Verfilmung von 1968 auch war, nahm sie sich hinsichtlich der Comicvorlage doch einige Freiheiten. Im Vergleich dazu ist der neue „Diabolik“ nicht nur wesentlich näher an den „Fumetti“, sondern in seinem Kern eine lupenreine Adaption der Geschichte „L'arresto di Diabolik" aus dem dritten „Diabolik“-Heft von 1963. Dabei traf das Regisseur-Duo, das aus den Brüdern Marco und Antonio Manetti (Manetti Bros.) besteht, zwei wesentliche Entscheidungen. Zum einen beließen sie den Handlungsort im fiktiven Clerville der 60er-Jahre, und zum anderen behielten sie die Rohheit der ursprünglichen „Diabolik“-Hefte bei. Diese beiden Entscheidungen bilden das Fundament eines Werkes, das erfreulicherweise mit dem Einheitsbrei der verweichlichten modernen Filmindustrie bricht, und ein spannendes, erbarmungsloses sowie ästhetisches Filmerlebnis bietet, in dem die Unterhaltung des Publikums im Vordergrund steht. Die Geschichte überzeugt durch einen fesselnden Erzählstil und überraschende Wendungen. Darüber hinaus werden die 60er-Jahre, samt ihrer Mode und Technologie, überzeugend in Szene gesetzt. Die Spezialeffekte und Cinematographie überzeugen vollends und sorgen dafür, dass „Diabolik“ sowohl ein immersives Erlebnis als auch eine Rückkehr in die Glanzzeit des italienischen Kinos ist. Um kompromisslos an diese Glanzzeit anzuknüpfen, ist ein eingängiger Soundtrack unabdingbar. Dieser wird von den Komponisten Pivio und Aldo De Scalzi geboten. Ihre gekonnt dosierte Mischung aus Klassik, Rock und Elektronischer Musik findet für jede Szene die ideale musikalische Untermalung. Abseits davon existiert mit „La Profondità Degli Abissi“ von Manuel Agnelli ein Titellied, das sich mittlerweile als Ohrwurm in meinem Kopf etabliert hat.

    Die Besetzung des „Diabolik“-Films war gewiss keine leichte Aufgabe. Einerseits handelt es sich hier um Charaktere, die seit 1962 Generationen von Menschen begleitet und beeinflusst haben und andererseits verbinden viele Cineasten „Diabolik“ und „Eva Kant“ mit John Phillip Law und der Grazer Schauspielerin Marisa Mell aus dem Bava Werk. Beide Figuren wurden mit Luca Marinelli und Miriam Leone mustergültig neu besetzt. Ihre comicakkurate Interpretation, erweckt die Panels der Vorlage zum Leben. Marinelli fängt das stoische, überlegte Wesen von „Diabolik“ meisterhaft ein. Sein starker Ausdruck ist selbst in jenen Momenten präsent, in denen er maskiert ist. Zu sagen, dass Leone in die Rolle von „Eva Kant“ schlüpfte, würde die Bewertung ihrer Darbietung schmälern. Vielmehr lässt sich ihre Leistung mit der scheinbar simplen aber definitiven Aussage „Leone ist Eva Kant“ beschreiben. Beiden gelingt ihren gemeinsamen Szenen etwas Magisches und Schicksalshaftes zu verleihen. Ebenso perfekt ist die Besetzung von Valerio Mastandrea als „Inspektor Ginko“. Mastandrea beeindruckt nicht bloß in seiner Funktion als Polizeiinspektor, sondern überdies als moralisches Gegengewicht zu „Diabolik“.

    Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

    Als ein Film, in dem Spannung und Unterhaltsamkeit im Vordergrund stehen, ist „Diabolik“ ein herrlich antimodernes Werk; ein, trotz seiner Laufzeit von 133 Minuten, kurzweiliger Krimi, der einem stets in Atem hält. „Gefahr: Diabolik“ ist gleichauf mit dem Director's Cut von „Watchmen“ (2009) meine liebste Comicverfilmung. Daher versuchte ich die Erwartungen an das „Reboot“ gering zu halten. Durch seine Nähe zum Quellenmaterial etabliert sich „Diabolik“ erfreulicherweise sofort als eigenständiger Film. Bereits nach wenigen Sekunden zog er mich in seinen Bann und ließ mich nicht mehr los. Selbst nach dem Ende war ich nicht bereit, diese, von den Manetti Brüdern adaptierte, Welt zu verlassen. Dieses Verlangen nach mehr in einem Menschen zu erzeugen, ist stets ein Zeichen für einen herausragenden Film. „Diabolik“ ist ein herausragender Film!

    Die gute Nachricht gleich vorweg. Teil 2 und 3 von „Diabolik“ befinden sich bereits in Produktion. Mit an Bord die Manetti Brüder, Miriam Leone und Valerio Mastandrea. Leider fehlt hierbei der Name Luca Marinelli. Aus unbekannten Gründen, man vermutetet vertragliche Verpflichtungen, wurde die Rolle des „Diabolik“ neu besetzt. Die Wahl fiel mit Giacomo Gianniotti auf einen kanadisch-italienischen Schauspieler. Möge er eine ebenso formidable Wahl wie Marinelli sein. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension, wurde „Diabolik“ noch nicht in deutscher Sprache veröffentlicht. Der Film kann allerdings aus Italien auf Blu-Ray oder DVD bezogen werden. Beide Editionen bieten englische Untertitel. Für Fans der Vorlage im besonderen und Krimis im generellen, ist der neue „Diabolik“ Pflichtprogramm. Dem Publikum moderner Comicverfilmungen, wird dieser Film offenbaren was in diesem Genre erzählerisch und atmosphärisch möglich ist. Wer mit der gegenwärtigen Filmindustrie abgeschlossen hat, wird an diesem Werk viel Freude haben. Für mich ist „Diabolik“ ein Meisterwerk, bei dem die nächsten Sichtungen zeigen werden ob die Adaption der Manetti Brüder unangefochten am Thron meiner favorisierten Comicverfilmungen Platz nehmen wird. Somit muss ich wohl gar nicht erst erwähnen, dass „Diabolik“ eines freitäglichen Filmabends würdig ist!
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    29.04.2022
    20:54 Uhr