Blade Runner 2049

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Forumseintrag zu „Blade Runner 2049“ von chrosTV

chros
chrosTV (16.10.2017 23:34) Bewertung
Like tears of joy in rain
Exklusiv für Uncut
Bereits im Jahre 1979 sicherte sich Filmemacher Ridley Scott einen Platz in den Annalen der Filmgeschichte. Mit „Alien“ schuf der damals 41-jährige Brite einen düsteren Mix aus Horror-Schocker und Space-Exploration-Film, der die Kälte der ewigen Weiten des Weltalls regelrecht spürbar machte und mit dem furchteinflößenden Xenomorph eines der beliebtesten Monster der Filmgeschichte kreierte. Nachdem sich „Alien“ sowohl bei Zuschauern als auch bei Kritikern als großer Erfolg erwiesen hatte, entschied Scott nur drei Jahre später, sich erneut dem Science-Fiction-Genre zu widmen.

Unter dem Titel „Blade Runner“ adaptierte er den Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ des renommierten Science-Fiction-Autors Philip K. Dick lose für die große Leinwand. Die 1982 veröffentlichte Buchverfilmung handelt vom einstigen Cop Rick Deckard, der inmitten eines dystopischen Los Angeles im Jahre 2019 dazu beauftragt wird als sogenannter Blade Runner, abhanden gekommene Replikanten (eine Form von vermenschlichten Androiden) auszuschalten. Als der Film rauskam, waren die Reaktionen zunächst ambivalent. Vielen Zuschauern war die Cyberpunk-Atmosphäre zu ungewohnt düster und auch Kritiker waren nicht von erster Stunde an angetan. 35 Jahre und zahlreiche Schnittfassungen später zählt „Blade Runner“ nun jedoch zu den kulturell wichtigsten und einflussreichsten Vertretern der Geschichte des Sci-Fi-Kinos. Der visuelle Look der dystopischen Zukunftsvision gilt noch heutzutage als technische Revolution und auch sämtliche philosophische Fragen, die im Laufe des Films aufgeworfen werden, beschäftigen Cineasten weltweit bis heute.

In einer Welt, in der künstliche Intelligenz von Jahr zu Jahr zu einem relevanteren Thema wird, war es nur eine Frage der Zeit, bis man sich erneut der Welt von Scotts Opus Magnum widmen würde. Nachdem K. W. Jeter - ein einstiger Freund von Original-Autor Philip K. Dick - schon Ende der 90er-Jahre mit drei weiteren „Blade Runner“-Romanen daran versucht war, Deckards Arc in literarischer Form fortzuführen, entstanden bereits zur selben Zeit Pläne für eine mögliche filmische Fortsetzung. Im Jahre 2011 wurden diese Pläne erneut ausgerollt und Ridley Scott gab bekannt, die Fortsetzung zwar nicht inszenieren zu wollen, aber immerhin der Produktionsleitung beizuwohnen. Vier Jahre lang blieb es ruhig um das Projekt, bis dann 2015 das Sequel mit dem kanadisch-französischen Filmemacher Denis Villeneuve im Regiestuhl offiziell bestätigt wurde. Villeneuve, der sich bis zu diesem Zeitpunkt besonders für seine an Realismus gebundene Dramen und Thriller (z.B.: „Prisoners“, „Sicario“) auszeichnete, galt zuerst als eher ungewöhnliche Wahl als Regisseur der Fortführung eines Sci-Fi-Klassikers. Als dieser jedoch im letzten Jahr mit „Arrival“ einen höchst-originellen Vertreter des Alien-Invasion-Genres veröffentlichte, offenbarte Villeneuve sein Händchen für intelligente und visuell ansprechende Science-Fiction.

Die Handlung der Fortsetzung ist 30 Jahre nach den Geschehnissen des Originalfilms angesetzt, weswegen der Film mit „Blade Runner 2049“ betitelt wurde. Im Jahre 2049 hat sich die Technologie noch weiter entwickelt und ein vermeintlich friedliches Zusammenleben zwischen Menschen und Replikanten ermöglicht. Officer K (Ryan Gosling), der als Blade Runner die noch übrig gebliebenen Modelle alter Replikanten ausschalten soll, kommt einem lange behüteten Geheimnis auf die Schliche. Um seine Erkenntnisse genauer zu erforschen, macht er sich auf die Suche nach dem verschollenen Rick Deckard (Harrison Ford), der einst seinen Job hatte.

Obwohl mit Villeneuve ein meisterhafter Filmemacher den Platz im Regiesessel eingenommen hat, ist bei der Fortsetzung eines derartigen filmischen Meilensteins natürlich ein gesundes Maß an Skepsis angebracht. In den letzten Jahren gab es zahlreiche Versuche Kultklassiker fürs Kino fortzuführen, was jedoch bei weitem nicht immer ein qualitatives Endprodukt zur Folge hatte („Independence Day: Resurgence“ lässt grüßen). Mir fällt jedoch ein großer Stein vom Herzen, wenn ich hier nun mit voller Stolz schreiben kann, dass „Blade Runner 2049“ dem ewigen Trott uninspirierter Sequels zum Glück nicht verfallen ist. Ganz im Gegenteil: Villeneuve ist es nicht nur gelungen die Zukunftsvision des Originalfilms auf die Leinwand zurückzuholen, sondern diese gar noch genauer auszubauen.

Bereits in den ersten Minuten, in denen man atemberaubend gefilmte Einstellungen über die verregneten Straßen eines hoch-technisierten Los Angeles im Jahre 2049 zu sehen bekommt, wird der Zuschauer mit einer ästhetischen Brillanz bestochen, die man heutzutage selten im Kino zu Gesicht bekommt. Die Bildgewalt des Films ist mit großer Sicherheit auf Meister-Kameramann Roger Deakins zurückzuführen, der bereits für „Prisoners“ (2013) und „Sicario“ (2015) mit Villeneuve kollaborierte. Deakins gelang es auf der einen Seite den wunderschönen Blau-Grün-Ton von Jeff Cronenwerths Kinematographie aus dem Originalfilm mit Bravour einzufangen, konnte andererseits das Setting jedoch sogar um zahlreiche visuelle Facetten erweitern. Besonders auffällig ist dabei ein rötlich angehauchter Orange-Ton, der dabei hilft die Reichweite der Dystopie zu elaborieren. Hinzu kommt das ständige Spiel mit Licht und Schatten, das den bereits mehr als nur ansehnlichen Aufnahmen, weitere Ebenen an visueller Makellosigkeit verleiht.

Für das mehr als nur gelungene World-Building zeichnet sich aber auf alle Fälle auch das fantastische Szenenbild verantwortlich, das einen regelrecht in die Zukunftsvision des Films beamt. Um einen realitätsnahen Look zu kreieren, wollte Villeneuve sämtliche Szenerien direkt via Kamera einfangen und verzichtete dafür weitestgehend auf Computer-generierte Effekte. Der Aufwand hierfür reichte so weit, dass selbst für Szenen, in denen beispielsweise Hologramme zu sehen sind, nicht auf CGI zurückgegriffen wurde, sondern tatsächliche Hologramm-Aufnahmen projiziert wurden.

Auf den eigentlichen Plot des Films kann ich an dieser Stelle leider wenig eingehen, da es aufgrund des geheimnisvollen Marketingprozesses seitens Sony und Warner Bros. schlicht unmöglich ist dies zu tun, ohne in Spoiler-Territorien abzudriften. Es sei gesagt, dass das Drehbuch von Michael Green und Hampton Fancher (einer der Co-Autoren des Originalfilms) sämtliche philosophische Aspekte des originalen „Blade Runner“, wie die Deutung von Erinnerungen oder die Frage, ob eine Maschine menschlich agieren kann, erneut gekonnt aufgreift. In der Fortsetzung werden diese Fragen mit weiteren komplexen Themen, wie der Suche nach der eigenen Identität ergänzt, die ebenfalls minutiös ausgearbeitet wurden.

Dass der Film derartig gut funktioniert, ist in der Tat auch der phänomenalen Besetzung zu verdanken. Ryan Gosling überzeugt als K erneut mit zurückhaltend stoischen Blicken, überrascht in Momenten jedoch auch mit selten gesehen Emotionsausbrüchen. Jared Leto lässt seine grausige Joker-Performance aus „Suicide Squad“ zum Glück wieder in Vergessenheit geraten und bleibt trotz relativ kurzer Screentime vor allem aufgrund seiner beängstigend kühlen Mimik als Niander Wallace in Erinnerung. Besonders erfreulich ist Harrison Fords Reprise-Darbietung als Rick Deckard, mit der er trotz seines mittlerweile hohen Alters eine der emotional mitreißendsten und zugleich nuanciertesten Schauspielleistungen seiner beachtlichen Karriere abgeliefert hat.

Leute, die bereits den ersten Teil als ‚langweilig‘ betrachteten, werden vermutlich auch hier dasselbe Problem haben, da auch Villeneuve besonders auf langanhaltende Kameraeinstellungen viel Wert gelegt hat. Wer jedoch die Bildgewalt des Originals auf sich wirken lassen konnte, wird bei „Blade Runner 2049“ eine atemberaubende Kinoerfahrung erleben. Die Laufzeit von sage und schreibe 163 Minuten vergeht wie im Fluge.

Dem Filmteam ist das Unmögliche gelungen: Es wurde eine Fortsetzung eines Klassikers geschaffen, die dem Original gegenüber nicht nur ehrenwürdig ist, sondern Ridley Scotts Meisterwerk sowohl ästhetisch als auch narrativ auf ähnlich qualitätsvoller Augenhöhe begegnet. Villeneuve hat hiermit das vermutlich rundum gelungenste Werk in seinem zuvor bereits glorreichen Oeuvre als Filmemacher geschaffen.

Ob „Blade Runner 2049“ je den Kultstatus des Originalfilms einnehmen wird bleibt dem Test der Zeit überlassen.

Bis dahin können Cineasten zurzeit immerhin eine großartige Zeit im Kino haben.

Wie Freudentränen im Regen.

Zeit zum Aufhören.
 
 

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