Berlinale 2012
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Berlinale Tag 10

Rückblick auf ein mit hochwertigen Filmen gespicktes Festival und auf die spannende Vergabe der begehrten Bären.
Die Berlinale geht zu Ende und die Bären sind los. Genauer gesagt haben diese goldenen und silbernen Tierchen die Besitzer gewechselt. Übergeben wurden sie aus den Händen der internationalen Jury. Übergeben für herausragende Leistungen in den verschiedensten Kategorien.

Insgesamt war das Wettbewerbsprogramm dieses Jahr sehr hochwertig und wie ich finde auch sehr mutig. Kein einziger Film hat nicht gefallen – kein einziger Film war schlecht. Dennoch fehlte auch das ganz große Werk, bei dem sofort klar war, dass es gewinnen wird. Viele Filme feierten den Minimalismus und den Stillstand. Minimalismus sowohl in der Handlung, als auch im Dialog.

Auffallend war vor allem die Abkehr von einer männlichen Perspektive. Ich glaube nur ein einziger Film („Aujourd'hui“) erzählte seine Geschichte aus der Sicht eines männlichen Hauptdarstellers. Kinder und Frauen waren die Menschen, um die es ging. Diese Richtung gab bereits der Eröffnungsfilm „Leb wohl, meine Königin!“ vor, der den Niedergang des Adels aus der Sicht einer Dienerin erzählte. Wobei wir auch schon bei den Hauptthemen des Wettbewerbs wären: Revolutionen und gesellschaftlicher Umbruch. In mehr als der Hälfte der Filme ging es darum. Protest, Generationenkonflikte und der Kampf alt gegen neu waren die dominierenden Thematiken. Manchmal als Aufhänger der Erzählung, manchmal auch nur fast unscheinbar im Hintergrund des Geschehens. Ein Faktum, das sicherlich auch mit den aktuellen weltpolitischen Vorgängen rund um den arabischen Frühling zu tun hatte.

Die Preisverleihung selbst ging traditionellerweise kurz und schmerzlos über die Bühne und nach einer Stunde war der Spuk auch schon wieder vorbei.

Die Königin und der Leibarzt“ bekam für mich überraschenderweise zwei Bären. Ein Film, der zwar gut, aber nicht überragend ist, erhielt die Preise für das beste Drehbuch und für den besten Hauptdarsteller. Jedoch ist es nicht Mads Mikkelsen, sondern Mikkel Følsgaard, der den Bären für seine Darstellung des geisteskranken dänischen Königs erhielt. Für mich insofern überraschend, da Følsgaard zwar gut spielt, aber gerade bei diesem Film die Charaktere nicht viel Platz bekommen, um sich zu entfalten. Außerdem ist die Darstellung einer geisteskranken Witzfigur, an der der gesamte Humor des Films aufgehängt ist, eine durchaus dankbare Rolle. Robert Duvall wäre in jedem Fall auch ein würdiger Preisträger gewesen. Auch der Bär für das beste Drehbuch überrascht in Anbetracht der großen Konkurrenz. Hier hat man den Film mit der vielleicht strukturiertesten Handlung gewählt.

Die Frage nach der besten weiblichen Hauptdarstellerin stellte sich in Anbetracht der vielen großartigen Hauptprotagonistinnen als durchaus schwierig dar. Eine für mich große Favoritin war Léa Seydoux, die gleich in zwei Filmen die Hauptrolle mimte. Bekommen hat es aber die Protagonistin von „Rebelle - War Witch“, einem meiner absoluten Favoriten in allen Kategorien. Die 15-jährige Laiendarstellerin Rachel Mwanza ist als Straßenkind aufgewachsen und spielt in diesem Film eine Kindersoldatin. Trotz der großen Konkurrenz ist dieser Preis absolut berechtigt.

Die Auszeichnung für die beste Regie bekam Christian Petzold für sein DDR-Drama „Barbara“, das von vielen Kritikern im Vorfeld als klarer Wettbewerbsfavorit gehandelt wurde. Auch hier gilt: die Konkurrenz war groß, andere hätten es sich auch verdient, aber die Entscheidung geht absolut in Ordnung.

Der große Preis der Jury ging an „Just The Wind“, der sich mit Anfeindungen gegenüber ungarischer Roma befasst. Den Film hatte ich zwar nicht auf der Rechnung, dennoch passt auch diese Entscheidung, da er den ganz „normalen“ Alltagsrassismus gegenüber Minderheiten recht gut und sehr beklemmend darstellt.

Und dann war es endlich soweit: Die Auszeichnung für den besten Film des Wettbewerbs stand an! Nachdem „War Witch“ bereits einen Bären in der Tasche hatte, stand mein zweiter Favorit „Cäsar muss sterben“ immer noch ohne Preis da. Und tatsächlich: Die bereits über 80-jährigen Taviani-Brüder bekamen den glänzenden Bären für diesen Film. Eine wie ich finde sehr gute, aber auch mutige Entscheidung. Eine Entscheidung für eine sehr originelle Shakespeare-Interpretation. Eine Entscheidung für einen anspruchsvollen und künstlerisch hochwertigen Film, mit dem wohl einige leichte Probleme haben werden.

Die Preise gehen in Ordnung und viele sehr gute Filme wurden ausgezeichnet. Aber wie das bei Preisverleihungen nun einmal so ist, mussten auch einige hervorragende Filme durch die Finger blicken. Während „Winterdieb“ noch eine lobende Erwähnung der Jury bekam, gingen brillante Filme z.B. „Aujourd'hui“ oder „Jayne Mansfield's Car“ leer aus. Aber gerade letzterer wird ohnehin nicht allzu sehr auf den Preis angewiesen sein und in Zukunft noch den einen oder anderen Erfolg verbuchen können. Denn wer weiß: Vielleicht schlägt für Billy Bob Thorntons Film ja bei den Oscars 2013 die große Stunde.

Der Autor
patzwey
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