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    Von Tätern und Opfern oder umgekehrt?

    „Stella. Ein Leben.“ ist ein weiterer Film, der sich der Nazi-Zeit widmet. Er orientiert sich an der Geschichte der Jüdin Stella Goldschlag, die ins Zentrum des Films gerückt wird.

    Komplexe Frauenfigur
    Paula Beer schlüpft in diese facettenreiche Rolle einer Frau, die es einem schwer macht, ihr bei ihren Handlungen zuzusehen, sie zu verstehen. Keine heitere Sympathieträgerin, denn die Party, die den Film eröffnet, ist bald vorbei für Juden und Jüdinnen wie Stella. Die Nationalsozialisten werden mächtiger und rigoroser.

    Unter dem Nazi-Regime
    Zuerst heißt es für Stella, ihre Eltern und ihren Ehemann: arbeiten am Fließband. Dann werden sie auch schon – mit größtmöglichem Effekt – mit dem Gewehr gejagt und getrennt. Stella muss sich durchschlagen und setzt bald ihre Schönheit ein. Sie wird ausgenutzt, von allen Seiten. Dank ihres Netzwerks in der jüdischen Community hat sie bald etwas, um mit der Gestapo zu verhandeln.

    Effektvolles, oberflächliches Porträt
    Regisseur Kilian Riedhof zeichnet Stellas Weg von der jungen, schönen, von Männern bewunderten Jazzsängerin zu einer Handlangerin der Nazis mit wenig Fingerspitzengefühl. Gejagt und der Freiheit beraubt, schlägt sie aus ihrer Schönheit Kapital. Der Fokus auf den Körper bleibt. Die Gewaltschraube wird weiter angezogen, nah, direkt und ein bisschen effekthascherisch wird Stella beim Verhör von einem übereifrigen Beamten misshandelt. Fortan tut sie alles …

    Ton: laut
    Die Tonalität von „Stella. Ein Leben.“ ändert sich nicht mehr. Drastisch und oberflächlich werden Verrat, sexuelle Nötigung und alles dazwischen in Szene gesetzt. Und die schöne Femme fatale, die sich hübsch macht, vielleicht eine Fassade für ihre hässlichen Taten. Vielleicht das Klammern an die Hoffnung auf ein schöneres Leben. Vielleicht einfach nur Mittel zum Zweck, um es besser zu haben. Doch die Hoffnung, die gibt es eigentlich nicht, denn im Hintergrund droht ständig der Transport ins KZ.

    Muss Geschichte plakativ erzählt werden?
    Schock aufgrund des Verrats, herzzerreißende Abschiede, Verhaftungen, Gewalt, Sex, Gefängniselend, Nazi-Gräuel – „Stella. Ein Leben.“ bietet alles. Nicht gerade subtil wird die Geschichte erzählt, die nahelegt, dass Täter*innen auch Opfer sein können. Eine Möglichkeit der Geschichtsaufarbeitung. Aber muss diese so plakativ und laut daherkommen?
    Wahrscheinlich lässt sich diese Frage nicht beantworten. „Stella. Ein Leben.“ ist historisches Spannungskino mit einer tollen Besetzung, das wenig Neues beiträgt. Laut Vorspann basiert der Film auf Recherchen über Gerichtsprozesse gegen Stella Goldberg, erhebt also doch gewissen Anspruch auf historische Korrektheit und Authentizität. Das kommt herüber, geht aber bald etwas unter, verdeckt durch wenig subtiles Erzählen, durch eine allzu offensichtliche Faszination für Sex und Gewalt.

    Gesprächiger Nachspann
    Im Nachspann wird auch noch einmal auf Stellas Doppelrolle und das Wechselspiel zwischen Täterin und Opfer aufmerksam gemacht. Ob es das für das Publikum von heute braucht?

    Ernüchterndes Fazit
    „Stella. Ein Leben.“ ist Geschichtsaufarbeitung mit dem Holzhammer. Nicht unwichtig wahrscheinlich, drastisch, aber ohne Zwischentöne
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    17.02.2024
    09:47 Uhr