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    Die Droge Mensch

    Jetzt hat er mich – jetzt hat mich Yorgos Lanthimos endlich mal so richtig überzeugt. Zugegeben: The Favourite war gut, top besetzt. Poor Things sowieso ein Hingucker und Emma Stone, nunmehrige Haus- und Hofschauspielerin des griechischen Meisters, am Zenit ihres Schaffens. Doch irgendetwas war dabei zu viel. Vielleicht zu viel Pomp, zu viele Schnörkel. Vielleicht sogar zu harmlos und mit schrägem Weitwinkel visuell in die obszöne Groteske getrieben. Dabei liegt Lanthimos Stärke scheinbar in sachlichen, surreal-philosophischen Miniaturen – in makabren Anekdoten über die Unzulänglichkeiten des menschlichen Daseins. Mit Kinds of Kindness – zu deutsch: Arten der Freundlichkeit bzw. Arten der Güte – schraubt der Autorenfilmer seinen Firlefanz zurück auf null, denkt wieder vermehrt um die Ecke und lässt sich von absurden Überlegungen leiten, die das eine ins andere führen. Doch einfach laufen lassen, wie David Lynch das gerne tut, ohne auch nur den geringsten Anspruch dabei zu hegen, eine Idee schlüssig auszuformulieren – das tut Lanthimos ganz bestimmt nicht. Seine Fragen wollen eine Antwort, oder zumindest als Frage im Raum stehen, auf welche diverse Antwortszenarien abprallen können, ohne dass die Frage selbst Schaden dabei nimmt.

    Roy Andersson, der schwedische Exzentriker mit seinen endzeitlichen Episodentableaus, die so wirken, als hätte Wes Anderson seine ganze Leichtigkeit verloren, macht sich in seinen Werken ähnliche Gedanken wie Lanthimos. Über das Leben, über die Erbärmlichkeit des Menschseins. Über die Unendlichkeit. Oder den Tod. So denken also Lanthimos und sein Co-Autor Efthymis Fillipou, der für A Killing of a Sacred Deer in Cannes den Drehbuchpreis gewonnen hat, ebenfalls über das Leben nach. Und weniger über das Sterben. Dafür aber vermehrt über die schier unbegrenzten Ausdrucksformen menschlicher Abhängigkeiten. Sie überlegen, wie eine Person sich wohl verhalten muss, wenn es auf Dauer die einen gibt, die über jedes kleine Detail im Leben der anderen bestimmen. Dabei sind Freiheit, Souveränität und Widerstand natürliche Verhaltensmuster, um einem Fremddiktat zu entgehen. Jesse Plemons ist so ein Kerl, er spielt Robert, der von seinem Boss Raymond aka Willem Dafoe unentwegt bevormundet wird. Robert fügt sich ganz gut in die Rolle des devoten Universalbediensteten wie ein pawlowscher Hund. Bis das, was der Chef verlangt, plötzlich zu weit geht. In der zweiten Episode schlüpft das Ensemble aus Plemons, Dafoe, Emma Stone, Margaret Qualley und Hong Chau in neue Rollen, diesmal geht’s um Vertrauen und Paranoia und ein bisschen was von den Body Snatchers geistert durch ein beklemmendes Szenario voller blutiger Einfälle. Im dritten Gleichnis mögen Stone und Plemons auf der Suche nach einem Medium sein, welches Tote zum Leben erweckt. Ausgesandt werden sie von Omi, dem Guru einer obskuren Sekte, der sich die Freiheit herausnimmt, mit jedem seiner Mitglieder sexuell zu verkehren. Sex spielt auch diesmal wieder eine große Rolle, in all seinen Spielarten, vom flotten Vierer bis zum Missbrauch. Sex ist sowieso ein Spiel der Abhängigkeiten, ein Spiel der Macht und ein Mittel zur Zerstörung.

    Kinds of Kindness schafft es in all seinen drei wirklich auf den Punkt formulierten Episoden, die so surrealen wie distanziert betrachteten Geschehnisse auf eine Weise abzurunden, das man am jeweiligen Ende die bittersüße oder bitterböse Pointe so genussvoll in sich aufnimmt, als würde ein glockenheller Gong auf das Grande Finale eines Zaubertricks hinweisen. In eleganter Coolness und ohne jemals den entspannten Lauf seiner Geschichte überholend, lotet Lanthimos immer mal wieder die Grenzen zum Horror, zum perfiden Psychothriller aus, um dann wieder die Dramödie des Menschseins zu feiern. Der Grieche folgt beharrlich den Konsequenzen seiner Geschichten. Er weiß, was er tut, wann er es tut und vor allem: warum er es tut. Kinds of Kindness ist präzise und bravourös, gespenstische Klavierkompositionen verzerren die bizarre Versuchsanordnung noch mehr. Vieles bleibt kryptisch, nicht alles macht Sinn. Auf der spiegelglatten Metaebene rutschen Stone, Plemons und Co durch Träume und Albträume, ohne Halt zu finden. Diese drei Escape-Szenarien funktionieren jedoch, wie sie sollen. Auswege gibt’s nur bedingt oder auch gar nicht.

    Trotz der erheblichen Länge von fast drei Stunden hat Kinds of Kindness alles aufgeboten, was es braucht, um eine Filmerfahrung zu gewährleisten, die verblüfft, irritiert und packt. Lanthimos‘ messerscharfer Stil passt hier perfekt, und den Mensch als seine eigene Droge vorzuführen, für die es keinen Entzug gibt, liegt ihm am meisten.


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    15.07.2024
    18:04 Uhr
  • Bewertung

    Eine radikale Neuerfindung

    Some of them want to use you/ Some of them want to get used by you/ Some of them want to abuse you/ Some of them want to be abused

    Mit den Worten von Eurythmics, die den Film auch eröffnen, erzählt Giorgos Lanthimos in drei Kapiteln alles andere als konventionellen Geschichten, vielmehr handelt es sich um eine Art freie Assoziationskette voll bizarrer, surrealer und grotesker Elemente. Dennoch können wir uns jeweils an einem vagen Handlungsstrang festhalten.

    Emma Stone, Jesse Plemons, William Dafoe und Konsorten verkörpern unterschiedliche Menschen auf der Suche nach Liebe - oder dem, was sie dafür halten. Dabei spielt hässliche Freizeitkleidung ebenso eine Rolle wie zertrümmerte Tennisschläger, schlecht gezogene Lidstriche, Amateurvideos, riskante Fahrmanöver und eine Prosektur.

    Lanthimos interessiert sich dabei aber nicht für die Psyche seiner Figuren, sondern liefert lieber avantgardistische Detailbeobachtungen, popkulturelle Zitate und eine Menge an verquerter Symbolik, der man erst eine Bedeutung wird abringen müssen - sofern das überhaupt gelingen kann.

    „Poor Things“ erscheint im Vergleich dazu wie eine mild-nostalgische Erinnerung wenn „Kinds of Kindness“ seine entschlossene und kompromisslose Radikalität auspackt, die allerdings nicht die Schwere von Lanthimos' früheren Werke vermittelt, sondern im Gegenteil über weite Strecken herrlich böse-unterhaltsam ist.

    Ein neuer Level von "Bonkers".
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    21.06.2024
    09:17 Uhr
  • Bewertung

    Poor Things war gestern

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2024
    Yorgos Lanthimos war vor nicht gerade wenigen Monaten noch in aller Munde. Als Regisseur des farbenfrohen und schrägen „Poor Things“ konnte er nicht nur beinahe 100 Auszeichnungen einheimsen, sondern auch großen Zuspruch aus dem Publikum. Nun ist er mit „Kinds of Kindness“ zurück und lässt das nächste unvergessliche „Monstrum“ auf die Welt los. Nur so viel sei gesagt: Jeder, der „Poor Things“ als abgefahren, skurril, bizarr, eigenartig und sonderbar bezeichnete, muss sich bei „Kinds of Kindness“ echt anstrengen, noch passendere Worte zu finden. Erneut macht Lanthimos übliche Lanthimos-Sachen und das so schwarzhumorig wie nur möglich.

    Darum geht’s: Robert (Jesse Plemons) führt ein scheinbar tolles Leben. Er ist beruflich erfolgreich, weiß seine charmante Frau, Sarah (Hong Chau), an seiner Seite und bewohnt ein luxuriöses Traumhaus. All das hat er aber nur erreicht, indem er für seinen exzentrischen Chef Raymond (Willem Dafoe) makabere Aufgaben erfüllt. Als er eines Tages die Aufgabe erhält, einen Menschen in Lebensgefahr zu bringen, zieht Robert die Reißleine. Nachdem er mit Raymond abrechnet und Sarah seine dunkle Vergangenheit gesteht, ist es vorbei mit dem komfortablen und strukturierten Alltag. Die Tage, die folgen, sind von Einsamkeit geprägt, bis er auf die reizende Rita (Emma Stone) trifft. Er stellt bald fest, dass Raymond immer noch die Strippen im Hintergrund zieht, was letztlich zur Eskalation führt.

    Drama mal drei

    Die Synopsis bezieht sich nur auf den ersten Teil der insgesamt drei Kurzgeschichten, die Lanthimos in „Kinds of Kindness“ zusammenfügt. Sie teilen sich dabei den Cast (jeder Schauspieler erhält jeweils eine andere Rolle), aber auch den für Lanthimos typischen Inhalt, der mit Nacktheit, Gewalt, Sexualität, Blut, Körperteilen und jede Menge schwarzen Humor präzise zusammengefasst werden kann. Anders gesagt: Die Frage, welche Geschichte die verrückteste ist, sollte man sich am besten gar nicht erst stellen. Stattdessen trifft es ein Zitat aus den Simpsons ganz gut, welches sich für alle drei Einzelgeschichten perfekt anbietet: „Das war merkwürdig, eigenartig, krank, verdreht, ekelhaft und gottlos. Ich will mitmachen!“.

    Wie die Einzelgeschichten zusammenhängen, ist eine Frage, mit der sich jeder gern selbst herumschlagen kann. Es gilt ebenso für die generelle Sinnhaftigkeit des Gezeigten, da sich die Bilder immer wieder den Gesetzen der Logik entziehen. Mit grotesken bis surrealistischen Tendenzen hält Lanthimos dem Publikum viel lieber vor Augen, dass sich alles in einer scheinbar seltsamen Parallel- oder Traumwelt abspielt, in der die Grenzen menschlicher Entscheidungen stark verwässert werden. Die perfide Wahl des Intro-Songs auf „Sweet Dreams“ der britischen Popband Eurythmics könnte vor diesem Hintergrund nicht besser sein.

    Während die Credits der ersten Kurzgeschichte das Bild zieren und man gern einen Moment hätte, um das alles mental verarbeiten zu können, setzt wenige Sekunden später direkt die nächste Story ein. Alles auf null gesetzt, passiert die nächste Teufelei, die mal mehr, mal weniger schockiert. Das alles wird auf beinahe drei Stunden ausgebreitet und gründlich seziert, wodurch eine spürbare Überlänge entsteht. Während in „Poor Things“ der Schockfaktor dem Humor unterliegte, erreicht Lanthimos mit „Kinds of Kindness“ aber zumindest wieder eine besser gewichtete Balance aus Absurdität, Komik, Kälte, schlichtweg dunkelschwarzen Humor und Schockwirkung. Was all das im Endeffekt mit „Arten der Freundlichkeit“ zu tun haben soll, ist eine Frage, die zusätzlich Potential für intellektuelle Gespräche bieten wird. Lanthimos-Fans können also in aller Ruhe aufatmen: Auch mit dem filmischen Freudenhaus „Kinds of Kindness“ werdet ihr die beste Zeit eures Lebens haben.
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    18.05.2024
    09:21 Uhr