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    Klassenkampf on Ice

    Exklusiv für Uncut
    Wenn man schon ein bissi älter ist, 42 schätzungsweise, dann sollte man sich einerseits langsam einen Schaukelstuhl und eine Meerschaumpfeife zulegen, andererseits hat man einen gewissen Erfahrungsvorsprung gegenüber dem Junggemüse: man kann sich noch an das welterschütternde Eiskunstläuferinnendrama zwischen Tonya Harding (Typ: blonde Redneck-Bitch) und ihrer Intimkonkurrentin Nancy Kerrigan (Typ: rehbraune Sanfte) erinnern. Mei, das war was damals! Da hat doch tatsächlich ein Unbekannter der letzteren hinter den Kulissen eines Wettkampfes die Kniescheiben malträtiert und alle ham wir gestaunt angesichts der Fernsehbilder einer vor Schmerz weinenden Eisprinzessin. Wer denn da die Böse war (Harding) und wer das arme Schneewittchen (Kerrigan), stand subito fest. Und dann war die Sache auch schnell wieder vergessen.

    1994 war das.

    Und jetzt hat ein Landsmann der beiden, der sich offenbar ebenfalls noch recht gut erinnern kann, einen Film über die Sache gemacht. Das heisst, nein, keinen Film über „das Ereignis“, das an den beiden bis heute klebt wie Fliegenpapier, sondern einen über Tonya Harding. Ich muß gestehen, dass ich Biopics eigentlich mit jeder Faser meines Leibes verabscheue, weil sie vorgeben zu tun was Film schlicht nicht kann: die Wahrheit erzählen. Für mich fühlt sich das immer an, als würde der Mikrophongalgen ins Bild hängen. Aber die Nornen habens gut mit mir gemeint und mich trotzdem in diesen Film gehen lassen. Und siehe da, ich finde ihn nicht nur gelungen, nein, ich hab mich köstlich amüsiert und am Ende vor Rührung fast geheult.

    Bei der Geschichte geht es um weit mehr als nur irgendeinem Zickenkrieg zwischen Ehrgeizlerinnen. Das Leben von Tonya Harding steht stellvertretend für alle unterprivilegierten Talente, denen die Welt verwehrt mit demselben Maß gemessen zu werden wie ihre protektionierten Konkurrentinnen aus gutem Hause. Das scheint damals in den 90ern Tonya Hardings schlichte Überzeugung gewesen zu sein und auch die dieses Filmes. Und dieses eher holprige als geschmeidige Leben wird mit derartig einfühlsamer Ironie erzählt, dass man sich schon nach dem Vorspann bereitwillig dem Zeitsprung in die 80er hingibt. Mal davon abgesehen, dass er tatsächlich technisch gut gelungen ist. Nur die Frisur des fiesen Gatten sieht manchmal so aus, als hätte der Friseur die 80er nicht selbst erlebt. Und trotz des Witzes, den die Pseudointerviews mit den teilweise sehr skurrilen Protagonisten mit sich bringen, schafft es der Film die Figuren nicht bloßzustellen oder lächerlich zu machen. Naja, außer vielleicht bei dem adipösen Spezi von Tonya Hardings Ehemann, der sich selbst offenbar als eine Mischung aus James Bond und Mafiapate sieht, bei Licht gesehen aber wenig mehr als ein überfressenes Muttersöhnchen ist, das ohne Elternhilfe wohl nicht einmal Pizza bestellen kann. Darum hat es – im Film und in Echt – nicht lange gedauert bis der von ihm eingefädelte Anschlag damals aufgeflogen ist.

    Stellt sich die Frage: Ist es legitim sich über derartige Dramen zu amüsieren? Es ist und ich kanns nur empfehlen. Und wer am Ende nicht gerührt ist, ist wohl selber eine herzlose Eisprinzessin.
    596b
    30.01.2018
    22:13 Uhr