Berlinale 2006
Das war die Berlinale 2006

Das war die Berlinale 2006

Die Bären sind los - Ein Rückblick auf 10 Tage UNCUT auf der Berlinale 2006
Es war schon ein mächtiges Festival, die Berlinale. Insgesamt wurden rund 400 Filme aus 56 Ländern vorgeführt, mehr als 3500 Journalisten aus aller Welt bevölkerten das Festival und standen sich bei so mancher Pressekonferenz auf den Zehen bzw. bei den meisten Pressevorführungen eine gute halbe Stunde vor Beginn schon die Beine in den Bauch. Rund um das Hotel „Hyatt“, der Kommandozentrale für die versammelten Presseleute, glich die Stimmung die meiste Zeit über einer Mischung aus Ameisenhaufen, hysterischem Mädchenpensionat und Backofen, wenn alle Scheinwerfer eingeschaltet sind und alle Kameras laufen. Spätestens seit der Berlinale verstehe ich, warum Showmaster auf der Bühne leicht ins Schwitzen geraten.

Derjenige, der aber bei dem ganzen Festival eigentlich im Mittelpunkt steht, ist der Bär. Das Wappentier Berlins tauchte erstmalig im Jahre 1280 im Stadtwappen auf und könnte auf den Gründer der Mark Brandenburg „Albrecht den Bären“ zurück zu führen sein, sicher ist man sich dabei aber nicht. Natürlich war es für die Alliierten nur eine logische Folge, dass auf dem von ihnen vor 56 Jahren ins Leben gerufenen Festival, das der kulturellen Bildung der Bevölkerung dienten sollte, goldene bzw. silberne Bären als Preise verliehen würden. In der Zwischenzeit ist die Berlinale ein internationales Filmfestival von Weltruf, in einer Reihe mit Festivals wie Cannes oder Venedig und zieht Jahr für Jahr Stars aus der nationalen und internationalen Filmindustrie und mehr als 130.000 Kinobesucherinnen und -besucher an.

Offenbar ist der Bär dabei sympathischer als die Berliner selbst. Eine Mindestrentnerin in der U-Bahn erzählt mir eines Abends, eigentlich gäbe es nur zweierlei Sorten von Berlinern: die spöttischen und die kritischen. So etwas wie Herzenswärme oder einfach nur ein Lächeln beim Türaufhalten, wie man es von den Österreichern erleben kann (ich gab mich nicht zu erkennen!), hätte sie in ihrem ganzen Leben in der Stadt nicht erfahren. Die Berliner können über das Leben und mit ihm nicht herzhaft lachen. Griesgrämige Menschen wären sie, ohne Herz. Am letzten Tag unsers Aufenthaltes hier haben Harald und ich einen Tag mit Sightseeing verbracht. Dabei ist mir aufgefallen, wie viele Baustellen die Stadt immer noch, selbst 17 Jahre nach der Wende, daran hindern, zur Ruhe zu kommen. Sei es der neue Hauptbahnhof unweit des Regierungsviertels, sei es eine neue U-Bahn-Station nahe des Brandenburger Tors oder sei es auch noch immer der starke Kontrast zwischen hässlicher Ost- und westlicher Glas- und Stahl-Architektur, nicht selten nur zwei Strassen nebeneinander. Selbst unweit des Potsdamer Platzes, dem Herzen der Berlinale, führen Gasleitungen immer noch oberirdisch über die Strasse oder findet sich ein Stück Brachland, das vor sich hin gammelt und an die Zeit erinnert, in der an sich an dieser Stelle der „Checkpoint Charlie“ befand. Wo heute ein Wolkenkratzer aus dem Boden ragt, verlief bis vor 17 Jahren die Mauer.

Für UNCUT und auch für mich persönlich war es das Erste Mal auf der Berlinale. Und wie bei so vielen ersten Erfahrungen im Leben weiß man hinterher, was man hätte besser machen können. Zum Beispiel schon am Vorabend der Berlinale anzureisen, um den Eröffnungsfilm nicht zu verpassen. Auch eine zweite Akkreditierung ist ungeheuer hilfreich im dichten Film- und Terminkalender des Festivals. Aber ungeachtet der Erstmaligkeit unseres Einsatzes hier bin ich überzeugt, dass wir das Maximum aus unseren Ressourcen heraus geholt haben. Ehrlich gesagt freut es mich schon ein wenig, dass ich mit meinem Tipp für den Bären der besten Schauspielerin bei Sandra Hüller „silberrichtig“ lag. Und es war auch ein großartiges Erlebnis, Stars, die man nur von der Leinwand kennt, in Natura und aus nächster Nähe zu sehen und sogar die eine oder andere Frage stellen zu können. Dies und die Eindrücke der 19 Filme, die ich hier bei ihrer Europa- bzw. sogar ihrer Weltpremiere erleben konnte, werden in meinem Kopf und zum Teil auch in meinem Herzen noch lange nachwirken.

Mit nur wenigen Ausnahmen gab es hier tadellose Filme mit großartigen Schauspielern zu sehen. Das Ergebnis ihrer harten Arbeit über Jahre. Sie alle, ob sie unter den Preisträgern sind oder nicht, haben sich Respekt und Bewunderung erworben, Wertschätzungen, die man sich nur erwirbt durch tadellose Arbeit und das Streben danach, immer noch besser zu werden. Das gilt für die Filmschaffenden und natürlich auch für uns.

Bis zum nächsten Jahr !
Der Autor
harry.potter_aadba0451b.jpg
Harry.Potter

Forum

  • Die beste BERLINALE-Berichterstattung

    Liebe "Harrys"!!!

    Die letzten Tage war ich dank Euch "live" bei der Berlinale 2006 - VIELEN DANK nochmals! Neben der sensationellen Berichterstattung sticht das ganze Engagement durch etwas hervor, was bei professionellen Filmkritikern und Zeitschriften schon lange nicht mehr der Fall ist - nämlich durch HERZ!
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    20.02.2006, 11:08 Uhr
  • Danke Jungs!

    Im Namen aller UNCUT-Leser möchte ich sagen, dass ihr eine sensationelle Berlinale-Berichterstattung abgeliefert habt! Man spürt, mit wie viel Herzblut und Begeisterung ihr bei der Sache seid!
    Danke, dass ihr eure Freizeit und natürlich auch "persönliche Kosten" geopfert habt, um uns an der Berlinale 2006 teilhaben zu lassen!

    Wir freuen uns schon aufs nächste Jahr!
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    19.02.2006, 11:31 Uhr
    • Powerbook

      Danke dir auch noch einmal für die Bereitstellung des Powerbooks. Ohne das wäre die Berichterstattung so nicht möglich gewesen.
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      19.02.2006, 19:58 Uhr