Festivals, Venedig
Internationale Filmfestspiele von Venedig 2026

Internationale Filmfestspiele von Venedig 2026

Am 2. September beginnt in Venedig die 83. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica. Ein Blick auf das vielversprechende Programm.
img_20260525_155607_916_7459d09d09.jpg
von (luka_d)
Der unermüdliche Alberto Barbera, der sich in den letzten Jahren die Reputation des „Oscar-Magiers“ erarbeitet hat, suchte ein interessantes Programm für die 83. Edition des Festivals aus. Barbera bietet uns mit diesem Line-Up ein venezianisches Fest, hoffentlich wird es genauso bunt sein!


Wettbewerb

Das Filmfestival eröffnet mit Danny Boyles neuem Film „Ink“, der auch um den Goldenen Löwen kämpfen wird. Guy Pearce, Jack O’Connell und Claire Foy spielen laut dem Festival in einer „explosiven filmischen Achterbahnfahrt“. Spannend!

Obwohl erwartet wurde, dass viele US-Amerikaner am Lido zu sehen sein werden, gibt es im Endeffekt nur ein paar amerikanische Beiträge im Wettbewerb. „Bucking Fastard“ ist wahrscheinlich der interessanteste davon. Der neue Spielfilm der deutschen Regielegende Werner Herzog wurde schon für Cannes erwartet, aber anscheinend war dort für den Film kein Platz im Wettbewerb, weswegen er nun nach Venedig wanderte. Eine ähnliche Geschichte ereignete sich letztes Jahr mit Jim Jarmusch, der am Ende den Goldenen Löwen gewann. Kate und Rooney Mara, die in Werner Herzogs Film Schwestern spielen, werden mit anderen Schauspielerinnen um den Coppa Volpi konkurrieren. Ein weiterer amerikanischer Film, der nicht von einem Amerikaner stammt, ist Martin McDonaghs „Wild Horse Nine. Der irische Dramaturg und Filmregisseur zeigt auf dem Lido eine politische schwarze Komödie über zwei CIA-Agenten (John Malkovich und Sam Rockwell) auf den Osterinseln.
Wild Horse Nine Bild aus dem Film „Wild Horse Nine“ (The Walt Disney Company, Searchlight Pictures)

Auch Casey Afflecks dritte Regiearbeit „Company“ wird im Wettbewerb gezeigt. Auch Lance Oppenheims „Primetime“ mit Robert Pattinson ist dabei, der sich über einen Mangel an Arbeit nicht beschweren kann.

Traditionell bekommen viele italienische Filme einen Platz im Wettbewerb. Dieses Jahr sind zwei davon von besonderem Interesse – Nanni Morettis neuer Film „Succederà questa notte“ und Marco Bechis „Ritorno a Buenos Aires“.

Aber auch der restliche Wettbewerb ist reich an bekannten Namen. Ilya Khrzhanovskys ambitioniertes und skandalöses Langzeitprojekt „Dau“, an dem er seit 2005 arbeitet, findet für Venedig eine Weiterentwicklung – oder, richtiger gesagt, eine Zusammenfassung.

Hirokazu Kore-eda, dessen Film „Sheep in the Box“ heuer in Cannes erfolglos war, zeigt seinen zweiten Film heuer am Lido. „Look Back“ ist ein Remake des gleichnamigen Anime. Wenn der Film in eine ähnliche Richtung geht, könnte er enttäuschend sein, aber die Krise des großen Meisters zu betrachten macht irgendwie Spaß. Ein weiterer großer japanischer Regisseur, nämlich Shinya Tsukamoto, zeigt seinen neuen Film „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ ebenfalls am Lido. Der dritte Film von Florian Zeller ist wie erwartet im Wettbewerb vertreten – „Bunker“ mit Penélope Cruz und Javier Bardem ist wieder eine Untersuchung der Beziehung innerhalb der Familie, in diesem Fall in einer Ehe, aber dieses Mal mit der politischen Note. „Un bon petit soldat“ mit Alba Rohrwacher und Vincent Lindon ist der vierte Film in Stéphan Brizés Tetralogie der Arbeit.

Der von mir und wahrscheinlich vielen anderen Festivalbesucher:innen am sehnlichsten erwartete Film ist „Possible love“. Es handelt sich um den siebten Spielfilm des koreanischen Meisters Lee Chan-Dong, der vor allem für seinen Film „Burning“ bekannt ist. Sein neuer Film ist Teil des „Dekalog“-Remake-Projekts – eine ambitionierte Idee, alle zehn Episoden des Meisterwerks von Kieślowski über die Zehn Gebote, von zehn zeitgenössischen Regisseuren neu zu verfilmen. Der renommierte iranische Regisseur Asghar Farhadi stellte mit „Parallele Leben“ bereits einen Teil des Projektes in Cannes vor, konnte damit aber nicht überzeugen. Chan-Dong arbeitet andererseits viel metaphysischer als der iranische Künstler, was besser zu Kieslowskis Vorlage passt und somit vielversprechend ist.

Im Wettbewerb der 82. Filmfestspiele von Venedig laufen:
Naza USA/UK/Isr, Regie: Yuval Abraham, Rachel Szor
Company USA, Regie: Casey Affleck
A bit of light I/CH/CAN/ Tür/IR, Regie: Ali Asgari
Ritorno a Buenos Aires I/BRA, Regie: Marco Bechis
Ink USA, Regie: Danny Boyle
Un bon petit soldat Frankreich, Regie: Stéphane Brizé
Il fuoco che ti porti dentro Italien, Regie: Edoardo De Angelis
Woman, Unknown S/DK/LV, Regie: May el-Toukhy
Bucking Fastard USA, Regie: Werner Herzog
15/18 A Place to Heal Frankreich, Regie: Cédric Kahn
Dau D/F/S, Regie: Ilya Khrzhanovsky
Look Back Japan, Regie: Hirokazu Koreeda
Possible love USA/KOR, Regie: Lee Chang-dong
Wild Horse Nine USA/UK, Regie: Martin McDonagh
Succederà questa notte I/F/E, Regie: Nanni Moretti
Primetime USA, Regie: Lance Oppenheim
The Echo Chamber I/B, Regie: Andrea Pallaoro
Un peu avant minuit Frankreich, Regie: Nicolas Pariser
L'estranea I/F/B, Regie: Paolo Strippoli
Mr. Nelson, Did You Kill People? USA/J/Tha/ VN, Regie: Shin'ya Tsukamoto
Bunker F/E, Regie: Florian Zeller

Das Wettbewerbs-Line-up ist zwar nicht ganz so spannend, wie es die Gerüchte im Vorfeld vermuten ließen, es sind aber doch viele große Filme dabei – spannend wird auch die Entscheidung der Jury unter dem Vorsitz von Maggie Gyllenhaal, die am 12. September verkündet wird.


Außer Konkurrenz

Out of Competition heißt jetzt „Venezia Open“. Strukturell wird die Schiene in drei Kategorien geteilt – Fiction, Non-Fiction und Films on Films, und jede beinhaltet spannende Filme.

Spielfilme

Die elf Filme, die die Fiction-Sektion ausmachen, können überzeugen! Der neue Film des großen japanischen Regisseurs SABU „Arrested Memory“ und der zweite Film heuer von Kornél Mundruczó „Place to Be“ sind die interessantesten. Paul Schraders neuer Film „The Basics of Philosophy“ erschreckt nicht nur mit seinem Titel – die Prämisse des Films ähnelt Guadagninos „After the Hunt“, der ebenfalls auf dem Venedig Filmfestival zu sehen war. Aber der Film mit einem der spannendsten Titel ist „No Paradise If You Are Killed by a Woman“ von Halkawat Mustafa. Und Lav Diaz, der philippinische Meister der langen Laufzeiten zeigt „Let Us Through, Dear Ancestors“, der überraschenderweise nur zweieinhalb Stunden dauert.

Nessun dolore Italien, Regie: Gianni Amelio
Let Us Through, Dear Ancestors Philippinen, Regie: Lav Diaz
Father Joe Frankreich, Regie: Barthélémy Grossmann
Scherzetto Italien, Regie: Mario Martone
Place to Be Australien, Regie: Kornél Mundruczó
No Paradise If You Are Killed by a Woman S/Nor/IRQ/ UAE, Regie: Halkawt Mustafa
Arrested Memory J/TW, Regie: SABU
The Basics of Philosophy USA, Regie: Paul Schrader
Un bon avocat Frankreich, Regie: Tristan Séguéla
Jupiter Frankreich, Regie: Alexandre Smia
Dio ride Italien, Regie: Giovanni Veronesi

Dokumentarfilme

Die Non-Fiction-Sektion besteht aus 19 Filmen, von denen einige sehr ausgiebige Laufzeiten haben. Sieben Stunden über russische Journalisten im Exil – „My Undesirable Friends: Part II – Exile“, fünfeinhalb Stunden über Borges – „Biografía de Jorge Luis Borges“, und vier Stunden über Musk – „Musk“. Loznitsas „Imperium“ über die koloniale Dimension der UdSSR ist hingegen nur drei Stunden lang. Andere interessante Beiträge sind Takashi Miikes „Shumei. The Living Legacy of Kabuki“, „Holy Wood Dust“ von Victor Kossakovsky, Theo Rollasons „Queer Edward II“ über Derek Jarmans Protest-Film „Edward II“, Tsai Ming-Liangs elfter Film der Walker-Serie „Weichen“ und „From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor“ von Wim Wenders. Überraschend ist auch, dass Liam und Noel Gallagher für die Premiere des Films „Oasis: Don't Look Back in Anger“ zum Lido kommen werden.

Oasis: Don't Look Back in Anger Bild aus dem Film „Oasis: Don't Look Back in Anger“ (The Walt Disney Company)

Be Brave (Regie: Francesco Carrozzini)
What Love Builds (Regie: Russell Crowe)
Burgundy (Regie: Michael Dweck, Gregory Kershaw)
Musk (Regie: Alex Gibney)
The Road to Jericho (Regie: Amos Gitai)
Al Mowaten Osama (Citizen Osama) (Regie: Ahmed Hassouna)
Union Town (Regie: Barbara Kopple)
Holy Wood Dust (Regie: Victor Kossakovsky)
Listy (Letters From the Silenced Country) (Regie: Andrei Kutsila)
Biografía De Jorge Luis Borges (Regie: Mariano Llinás)
My Undesirable Friends: Part II – Exile (Regie: Julia Loktev)
Boatbuilders (Regie: Luke Lorentzen)
Imperium (Regie: Sergei Loznitsa)
Shumei: The Living Legacy of Kabuki (Regie: Takashi Miike)
Queer Edward II (Regie: Theo Rollason)
Oasis: Don't Look Back in Anger Großbritannien, Regie: Steven Knight, Will Lovelace, Dylan Southern
Weichen (Dust) (Regie: Tsai Ming-liang)
Everest: The Other Side (Regie: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin)
From Inside Out – the Architecture of Peter Zumthor (Regie: Wim Wenders)

Films on Films

Films on Films bietet uns nur sechs Filme, aber was für welche! Venedig-Stammgast Luca Guadagnino kommt wie in den letzten Jahren an den Lido, nicht aber mit „Artificial“, wie es lang gemunkelt wurde, bevor klar wurde, dass Neon keine Festivalpremiere plant, sondern mit dem siebenstündigen Film „ Joie de vivre“, eine Hommage an den legendären Filmemacher Bernardo Bertolucci. Aber nicht nur Guadagnino hat einen Film über einen verstorbenen italienischen Künstler – „Nino - Un film su Nino Rota“ ist ein Dokumentarfilm über einen der bekanntesten italienischen Filmkomponisten, der in seiner Karriere mit den größten Regisseuren gearbeitet hat. Ein bisschen kürzer als „Joie de Vivre“ ist der neue Film des chinesischen Regisseurs Yonfans – der knapp vier Stunden dauernde Film „Intermission“ ist eine Reflexion des Regisseurs über sich selbst und seine Kunst. Yves Montmayer, der sich ständig mit verschiedenen Filmemachern beschäftigt, zeigt dieses Mal einen Film über Seijin Suzuki, den Regisseur der bekannten Taisho-Trilogie. Zum Glück dauert der Film „Twist & Shoot Mister Suzuki“ nur eineinhalb Stunden. Karen Di Porto zeigt weiters einen Film über den italienischen Filmproduzenten Galliano Juso „Juso Per Ferie“. Der interessanteste Beitrag dieser Sektion ist aber der dritte Film der Žižek-Trilogie – „The Pervert's Guide to Utopias“.

Juso Per Ferie Italien, Regie: Karen di Porto
Nino - Un film su Nino Rota Italien, Regie: Walter Fasano
The Pervert's Guide to Utopias UK/IRL/NL/ Nor/Slo, Regie: Sophie Fiennes
Joie de vivre Italien, Regie: Luca Guadagnino
Twist & Shoot Mister Suzuki Frankreich, Regie: Yves Montmayeur
Intermission Hong Kong, Regie: Yonfan


Orizzonti

Die Sektion Orizzonti zeigt, ähnlich wie „Un Certain Regard“ in Cannes, viele Filme von neuen Filmemacher:innen. Dieses Jahr werden 19 Filme gezeigt, von denen mehrere Filme besonders interessant sind. Zum Beispiel der österreichische Beitrag „Eklipse“, das Spielfilmdebüt von Manuel Wetscher; die deutsch-österreichische Koproduktion „Oase“ von Janis Lenz, für den es ebenfalls der erste Spielfilm ist; „Lovers in the Blue Night“ von Anuparna Roz, die letztes Jahr in Venedig den Orizzonti-Preis für die beste Regie gewonnen hat.

Weitere Filme im Programm sind folgende:
The Burning Giant“ von Phuttiphong Aroonpheng
What Belongs to Others“ von Grzegorz Dębowski
Una Storia“ von Anna Foglietta
La Città Dei Vivi“ von Edoardo Gabriellini
Falling House“ von Mohsen Gharaei
Too Much Sugar“ von Robert Greene
The Difficult Bride“ von Rubaiyat Hossain
La Maison du Vent“ von Auguste Bernard Kouemo Yanghu
I Figli Della Scimmia“ von Thommaso Landucci
A Day in the Life of Jo: Chapter Phaedra“ von Jacqueline Lentzou
Until the Day Ends“ von Jelena Maksimović
La Ragazza con la Leica“ von Alina Marzzi
La Moula“ von Jérôme Pierrat
Un Détour par Diane“ von Ann Sirot und Raphaël Balboni
The Colour of the Sun“ von Xavier Tera
Big Little Things“ von Michelle Zhou


Damit ist die offizielle Selektion fertig. Natürlich gibt es noch zwei kleinere Programme, die nicht Teil der offiziellen Selektion, aber dennoch zum Festival gehören. Doch auch das Line-Up, das Alberto Barbera am 23. Juli präsentiert hat, kann sich mehr als sehen lassen. Eine Injektion der erwünschten cineastischen Wirklichkeit – genau das bietet Barbera allen Besucher:innen des Festivals, und natürlich verbreitet sich diese Injektion schnell! Um das ganze Programm kurz zusammenzufassen, kann man sagen, dass es eine echte Feier des Lebens ist. Nicht umsonst zählt Campari zu den Sponsoren des Festivals – schließlich erwartet alle, denen das Kino nicht gleichgültig ist, eine wahre „Bitter Sweet Symphony“!
Der Autor
img_20260525_155607_916_7459d09d09.jpg
luka_d

Forum