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Cannes 2026 – Der letzte Tag

Cannes 2026 – Der letzte Tag

Kaum Skandale, keine großen Studiofilme und viele Blicke zurück in vergangene Epochen: Cannes 2026 wirkte ruhiger und nachdenklicher als zuletzt. Ein Rückblick von Michael Gasch.
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von (MichaelGasch)
Nachdem die Co-Autoren Martin Dadak und Alfred Koblmüller persönliche Alltagseindrücke aus Cannes festhielten, soll nun ein abschließender Bericht das Bild erweitern. Um Cannes 2026 programmatisch festzuhalten, lohnt es sich, nach Verbindungen zu suchen und schlussendlich festzuhalten, was zwischen den Bildern und Zeilen in diesem Jahr präsentiert wurde.

Die Vergangenheit als zentrales Motiv fällt direkt ins Auge. „Victorian Psycho“ entführt uns in die düstere Zeit um 1850, „The Man I Love“ und „Paper Tiger“ in die 80er Jahre, „The Samurai and the Prisoner“ in die japanische Azuchi-Ära um 1600 und „Vaterland“ ins Jahr 1947. Obgleich sich diverse historische Narrative finden lassen, zeigen einige Werke eine auffällige Schnittmenge darin, wie Ideen und Ideologien aus der Vergangenheit widerhallen können. Wir finden es im Historiendrama „La Vénus électrique“. Das Setting ist zwar im Frankreich der Belle Époque angesiedelt, und doch lässt sich ein Alltagsbezug erkennen: Aus historischer Leichtgläubigkeit wird moderne Desinformation. Wir finden es in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“, der zeigt, dass dort, wo die alten fiktiven „Camp Miasma“-Horrorfilme aus heutiger Sicht problematisch erscheinen, nun Entproblematisierungen in der Filmproduktion auf dem Plan stehen – einem neuen Zeitgeist entsprechend. Auch „Diamond“ lässt sich als Beispiel nennen: ein Film, der dem Kino der 70er- und 80er-Jahre huldigt und dieses in Bezug zur aktuellen Realpolitik setzt.

Weiterhin fällt auf, dass es in diesem Jahr keinen großen Blockbuster gab. Cannes 2023 bot hier immerhin „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ und „Killers of the Flower Moon“, Cannes 2024 „Furiosa“ und Cannes 2025 zuletzt „Mission: Impossible - The Final Reckoning“. Das mag einerseits an der politischen Lage liegen, so mach anderer las darin bereits eine klare Ansage an Filmstudios in Hollywood. (siehe Deadline-Artikel)

Andererseits könnte man argumentieren, dass Cannes gern einmal daran erinnern möchte, dass es einen Appetit für Experimentierfreudigkeit hat. Dass es „Hope“ in den offiziellen Wettbewerb geschafft hat, obwohl der Film schon jetzt als der diesjährige Polarisationsfilm gilt, ist dafür ein Beispiel. Nicht etwa seine Inszenierung steht zur Debatte, sondern vielmehr die Verwunderung darüber, dass dieses hochbudgetierte südkoreanische Horror-Science-Fiction-Spektakel nicht außerhalb des Wettbewerbs läuft – wie es vermutlich in vielen Vorjahren der Fall gewesen wäre – sondern im Hauptwettbewerb, der bekanntlich als der prestigeträchtigste und wichtigste gilt. Eine Kategorie, in der für gewöhnlich Filme landen, die künstlerischen Anspruch mit wichtigen Realitätsbezügen vereinen. Von „Hope“ lässt sich dies nur schwer sagen – und wenn doch, muss man schon eine Menge Fantasie mitbringen. Doch seht selbst – ein Film wie dieser erscheint fast unglaubwürdig, solange man ihn nicht selbst gesehen hat.

Abseits dieser weniger wichtigen Diskussion bot Cannes 2026 kaum Reibungen. Nicht nur blieb ein größerer Skandal in der Presse dieses Jahr aus, auch die öffentlichen Debatten hielten sich insgesamt in Grenzen. Selbst an dem größten Skandal hat sich niemand aufgehalten: Man könnte es durchaus als Tragödie bezeichnen, dass David Robert Mitchells „The End of Oak Street nicht in Cannes lief – immerhin feierten schon seine vorherigen Meisterwerke „It Follows“ und „Under the Silver Lake“ dort ihre Premiere. Wirklich interessiert hat das allerdings niemanden außer mir. Ansonsten blieb Cannes 2026 auffallend harmonisch: Weder Themen noch Inszenierungen sorgten für größere Grabenkämpfe und selbst kleinere Kontroversen wie die gespaltene Rezipierung von Nicolas Winding Refns „Her Private Hell“ hatten gefühlt nur eine Halbwertszeit von zwei Tagen – danach gab es schon kaum Diskussion mehr über seine audiovisuelle Reise durch die Abstraktwelten in typischer Neonfarben-Stilistik. Ein ganz großer Hit, der sämtliche filmischen Grenzen durchbrach, blieb dieses Jahr zwar aus – doch orientiert man sich an den Kritikerspiegeln, gelten „All of a Sudden“ und „Everytime“ noch am ehesten als die gelungensten Filme.

Für mich persönlich blieb das ganz große Werk in Cannes dieses Jahr jedoch auch eher aus. Ein Vergleich zu 2024 zeigt dies deutlich: Damals gab es mit „The Substance“, „Anora“, „The Surfer“ und „Beating Hearts“ gleich vier Beiträge, an die ich bis heute denke. Dieses Jahr kann ich an dieser Stelle nur „Fjord“, „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ und „Species“ aufführen. Allesamt gelungene Produktionen und doch verweilen im Schatten der Filme aus den Vorjahren.

So kommen die Filmfestspiele zu ihrem Ende – und nur die Verleihung der Goldenen Palme steht noch an. Überraschend dürfte die Entscheidung allerdings wohl nicht ausfallen. Vorstellbar wäre sowohl eine politische Entscheidung zugunsten von beispielsweise „Minotaur“ als auch eine zeitgeistige Wahl wie „Sheep in the Box“, der sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz auseinandersetzt. Alles in allem also ein durchschnittliches Festivaljahr in Cannes – doch vielleicht war dieses Jahr nur der Auftakt für ein umso größeres Cannes 2027, die 80. Ausgabe des prestigeträchtigsten Filmfestivals der Welt.