
Einer der am meisten erwarteten Filme dieser 76. Berlinale ist das US-amerikanisch-ungarische Drama „At the Sea“, mit dem Regisseur Kornél Mundruczó und Autorin Kata Wéber erstmals beim Festival vertreten sind. Nach einer mehrmonatigen Entziehungskur kehrt Laura (Amy Adams) zu ihrem Ehemann Martin (Murray Bartlett) und den beiden Kindern zurück. Während sie langsam das Vertrauen ihrer Familie zurückgewinnen will, muss sie sich auch um die Zukunft ihrer Tanzakademie kümmern. Mit Rainn Wilson, Jenny Slate und Dan Levy in überraschend ernsten Rollen kann die namhafte Besetzung nicht über die formelhafte und uninspirierte Geschichte hinwegtäuschen.

Auch wenn insgeheim Amy Adams bei der Berlinale erwartet wurde, war leider kein einziger Schauspieler des Films nach Berlin gereist. Bei der Premiere von „At the Sea“ waren aber dennoch viele junge Schauspieler:innen zu sehen, denn auf dem Roten Teppich wurden die „European Shooting Stars“ vorgestellt. Nach Sabrina Reiter im Jahr 2007 ist das erste Mal wieder ein Österreicher unter den ausgewählten Nachwuchshoffnungen: Lucas Englander.

Und schließlich folgte am späten Abend noch die Premiere der internationalen Ko-Produktion „Nina Roza“ von Geneviève Dulude-de-Celles. Ein kanadischer Kunsthändler reist im Auftrag seiner Galerie in sein Heimatland Bulgarien, um dort die Gemälde des 8-jährigen Wunderkinds Nina zu begutachten und zu verifizieren. Dabei muss er sich aber auch mit seiner eigenen schwierigen Vergangenheit beschäftigen. Ruhig erzählt, mit vielen schönen Landschaftsaufnahmen und überzeugenden Darstellern. Ebenfalls ein gelungener Beitrag zum Wettbewerb.

Blutsaugerspecial
Ein heiß erwartetes Schmankerl mit österreichischem All-Star-Cast feierte indes als Berlinale Special seine Weltpremiere. „Die Blutgräfin“ ist der neue Film der deutschen Avantgardistin und LGBTQ+-Ikone Ulrike Ottinger. Für die Rolle der titelgebenden Gräfin konnte sich die 82-Jährige einen wahren Superstar des Weltkinos angeln: die französische Grande Dame Isabelle Huppert. Als Elisabéth Bathory, die in der Wirklichkeit eine berüchtigte Mörderin war, kämpft die feine Mimin um das Bestehen ihres geliebten Blutsaugerreichs. Im Wien der Gegenwart fährt die Vampirin ihre Eckzähne aus und trifft auf so manch bekanntes Gesicht heimischer Prominenz: unter anderem Birgit Minichmayr als ihre treu dienende Zofe, Thomas Schubert als veganer Neffe, der Blutkonsum als unethisch erachtet, aber auch Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, der in seinem Leinwand-Debüt gleich dreifach auftritt. Ein aberwitziges Camp-Spektakel, an dem sich die Geister scheiden werden.
Österreich im Panorama
Gleich zwei österreichische Produktionen des Panoramas feierten - beinahe parallel zueinander - in den zwei Sälen des Zoo Palasts Premiere. Mit „London“ schafft Sebastian Brameshuber einen meditativen Film, der durch intime Gespräche im Auto eines Pendlers ein Porträt des aktuellen europäischen Zeitgeists zeichnet. Der erste Film des Dokumentarfilmemachers seit 2019 vermischt reale Gespräche mit fiktionalen Elementen, um eine Brücke zwischen Anonymität und Gemeinschaft zu schlagen. Ein Werk, das zum Zuhören einlädt.
Bild aus dem Film „London“ (Filmgarten)„Vier minus drei“, der im Hauptsaal des Kinos gespielt wurde, schlägt hingegen andere Töne an. Adrian Goiginger, der seinen Durchbruch 2017 mit dem einfühlsamen „Die Beste Aller Welten“ hatte, inszeniert einen Film über einen professionellen Clown, der einen tragischen Todesfall in seinem Umfeld erlebt. Die österreichisch-deutsche Koproduktion versucht, die Schnittstellen Tragik, Komik und der Menschlichkeit dazwischen aufzuzeigen.

Naked Perspectives
In der Perspectives-Schiene durfte Muriel d'Ansembourgs „Truly Naked“ um 21:30 seine Premiere feiern. Es ist ein Coming-of-Age-Film über einen Jugendlichen, der, irgendwo zwischen dem Porno-Unternehmen seines Vaters und der ersten großen Liebe, sich selbst (neu) finden muss. Das Publikum des Bluemax Theaters wurde somit Zeuge einer der thematisch spannendsten Filme der Schiene, in dem d'Ansembourg vorurteilsfrei Gefühle von Scham, Macht und Intimität erforscht.


