
Der Wettbewerb
Heute wurde der Wettbewerb mit der Weltpremiere von Leyla Bouzids Familiendrama „In a Whisper“ eröffnet. Als erster von insgesamt 22 Beiträgen schildert Bouzids Film, wie die in Frankreich lebende Ingenieurin Lilia (Eya Bouteraa) zu ihrer Großfamilie nach Tunesien reist, um ihren Onkel Daly zu beerdigen. Sein Leben und die Umstände seines Todes konfrontieren sie, ihre Freundin Alice (Marion Barbeau) und ihre Mutter Wahida (Hiam Abbass) mit Lilias eigener Identität und Sexualität. Stark gespielt und behutsam inszeniert.
„Everybody Digs Bill Evans“ von Grant Gee ist ein Biopic über den gleichnamigen erfolgreichen Jazzpianisten (Anders Danielsen Lie). Der Tod seines kongenialen Bassisten Scott wirft ihn 1961, gerade nachdem er das wichtigste Konzert seiner Karriere gespielt hat, aus der Bahn. Ausgebrannt und heroinsüchtig kommt er bei seinen Eltern (Bill Pullman, Laurie Metcalf) in Florida zur Ruhe. Mit viel melancholischer Atmosphäre erzählt und mit einem grandiosen Pullman in einer möglicherweise preisverdächtigen Nebenrolle. Nicht überragend, aber dank Lie und Pullman sehenswert.

Īlker Çatak kehrt drei Jahre nach „Das Lehrerzimmer“ auf die Berlinale zurück, um mit „Gelbe Briefe“ im Wettbewerb zu konkurrieren. Der Dramatiker und Uniprofessor Aziz (Tansu Biçer) und seine Frau, die Schauspielerin Derya (Özgü Namal), verlieren nach einem regierungskritischen Stück ihre Jobs und ziehen mit ihrer Teenager-Tochter von Ankara nach Istanbul, um dort über die Runden zu kommen und ihre Karrieren zu retten. Das stellt das Familienidyll vor eine Zerreißprobe. Politisch brisant und aktuell, gelingt Çatak eine weitere spannende Charakterstudie mit zwei beeindruckenden Lead-Performances. Ein gelungener Auftakt in den Wettbewerb.

Special Gala mit Gore Verbinski
Im Zoo Palast ging später die Europapremiere des wohl starträchtigsten Films des Tages über die Bühne. „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ ist der umständliche Titel des neuen Films von Blockbuster-Wunderwuzzi Gore Verbinski, der als Regisseur der „Fluch der Karibik“-Trilogie oder dem Animationshit „Rango“ gut etabliert ist. In seinem ersten Film seit zehn Jahren spielt Sam Rockwell einen irren Zeitreisenden aus der Zukunft, der Restaurantbesuchende vor den Gefahren einer KI warnt. An seiner Seite: Michael Peña, Zazie Beetz, Haley Lu Richardson und Juno Temple. Mit Ausnahme von Juno Temple war bei der Premiere die gesamte Starbesetzung samt Regisseur anzutreffen. In der Pressekonferenz am Abend fragten wir Verbinski und seine Schützlinge, ob sie aktuelle Entwicklungen im Bereich der KI fürchten. Die Kritik zum Film ist bereits online.Vor der Pressekonferenz gab es noch den wohl wildesten Photocall seit langem. Haley Lu Richardson, Sam Rockwell und auch Gore Verbinski machten dabei die wildesten Kampfübungen und hatten sichtlich Spaß bei ihrem Auftritt vor den Fotografen.

Das Filmteam von „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ war heute übrigens gleich zwei Mal auf dem Roten Teppich. Zuerst bei der Wettbewerbs-Premiere im Berlinale Palast und später noch bei der eigentlichen Filmpremiere im Zoo Palast:

Generation Neil Patrick Harris
Zu abendlicher Stunde wurde im HKW die beliebte Jugendfilmschiene „Generation“ feierlich eröffnet - heuer mit ungewohnt prominenter Besetzung. In „Sunny Dancer“ von George Jacques spielt Serienstar Bella Ramsey („The Last of Us“, „Game of Thrones“) die 17-jährige Ivy, die erst kürzlich den Krebs besiegt hat. Als ihre Eltern sie in ein Camp für Jugendliche schicken, die ähnliches durchgemacht haben, ist sie anfangs wenig begeistert. Sie sollte sich irren: Ivy lernt Freunde fürs Leben kennen. Bei der Premiere war neben der schauspielenden Person auch andere Prominenz anzutreffen, etwa die Musikerin Este Haim, ein Drittel der berühmten Haim-Schwestern, die dem Film seinen seelenvollen Soundtrack beisteuerte. Der starträchtigste Anblick: Serien- und Musicalstar Neil Patrick Harris, der im Film den feinfühligen Campaufseher Patrick verkörpert. In der mittäglichen Pressekonferenz sorgte ein Statement des ehemaligen „How I Met Your Mother“-Stars für mediales Aufsehen. Als der deutsche Podcaster den Schauspieler fragte, wie er zur weltpolitischen Lage stehe, meinte dieser, er würde nur apolitische Projekte wählen, um sich aus allem herauszuhalten. Angesichts aktueller Entwicklungen in seiner Heimat eine mutlose Antwort.
Perspectives
Die diesjährige Perspectives-Schiene wird von „The Red Hangar“ eingeleitet, das Spielfilmdebüt des chilenischen Regisseurs Juan Pablo Sallato. Ausgelöst durch den Militärputsch 1973 in Chile muss sich der Leiter einer Luftwaffenakademie zwischen Pflicht und Moral entscheiden - inspiriert von wahren Ereignissen inszeniert Sallato einen Film über die Bedeutung von Menschlichkeit in Ausnahmesituationen. Auch dazu ist die Kritik bereits online.
Bild aus dem Film „The Red Hangar“ (Filmverleih)


