Festivals, Berlinale 2026
Wim Wenders und die Jury der Berlinale 2026

Wim Wenders und die Jury der Berlinale 2026

Wer entscheidet in diesem Jahr über die Gewinner des Goldenen Bären für den besten Wettbewerbsbeitrag und die Silbernen Bären für herausragende Einzelleistungen? Ein Portrait der Jurorinnen und Juroren der 76. Berlinale.
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von (Maverick87)
76. Internationale Filmfestspiele Berlin – Die Jury des Wettbewerbs

Wer entscheidet in diesem Jahr über die Gewinner des Goldenen Bären für den besten Wettbewerbsbeitrag und die Silbernen Bären für herausragende Einzelleistungen? Ein Portrait der Jurorinnen und Juroren der 76. Berlinale.

Den Vorsitz über die internationale Wettbewerbsjury übertrug das Festival bereits Anfang Dezember an eine lebende Legende des deutschen Autorenfilms. Der letzten August 80 Jahre alt gewordene Wim Wenders kann auf eine außergewöhnliche 60jährige Karriere zurückblicken. Für sein tragikomisches Road-Movie „Paris, Texas“ erhielt er 1984 die Goldene Palme in Cannes. 1987 schuf er zusammen mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Peter Handke ein lyrisches und melancholisches Portrait der geteilten deutschen Bundeshauptstadt in „Der Himmel über Berlin“, dem 1993 die Fortsetzung „In weiter Ferne, so nah!“ folgte. Für seine Dokumentationen „Buena Vista Social Club“ (1999), „Pina“ (2011) und „Perfect Days“ (2023) wurde er für den Oscar nominiert. Auf der Berlinale stellte er 2000 sein starbesetztes Drama „The Million Dollar Hotel“ im Wettbewerb vor, 2015 wurde ihm der Ehrenbär verliehen. Wenders leitete bereits die Wettbewerbsjury in Cannes 1989, wo die Entscheidung, die Goldene Palme an Newcomer Steven Soderberghs „Sex, Lies, and Videotape“ zu verleihen, nicht überall auf Zustimmung traf – besonders Spike Lee, der mit seinem Race-Relations-Exposé „Do the Right Thing“ ebenfalls im Rennen war, zeigte sich empört. In Venedig leitete er 2008 die Jury, und unter seiner Leitung ging der Goldene Löwe an Darren Aronoskys kraftvolles Sportler-Melodram „The Wrestler“. Bei der Pressekonferenz zum Start des Wettbewerbs betonte Wenders, dass das Programm der Berlinale mehr Vielfalt biete als jedes andere Filmfestival auf der Welt. Er und seine Kolleginnen und Kollegen betonen, sich nicht in Politik einzumischen, „weil wir das Gegengewicht zur Politik sind. Wir machen die Arbeit für die Menschen, nicht für die Politiker.“ Man darf gespannt sein, welches Werk er und seine Kollegen dieses Jahr in Berlin mit der höchsten Auszeichnung, dem Goldenen Bären, prämieren werden.

Neben Wenders wird ein Kollegium aus sechs internationalen Filmschaffenden über die insgesamt 22 Beiträge im Hauptwettbewerb urteilen. Am bekanntesten dürfte die 46-jährige südkoreanische Schauspielerin Bae Doona sein. Sie spielte die weibliche Hauptrolle in Park Chan-wooks Rache-Thriller „Sympathy for Mr. Vengeance“ (2002), übernahm eine Rolle in Bong Joon-hos gefeiertem Monster-Film „The Host“ (2006) und feierte ihren internationalen Durchbruch dann als Teil des wandelbaren Ensembles in „Cloud Atlas“ (2012), dem ambitionierten Science-Fiction-Epos der Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer, das zum größten Teil in Deutschland produziert wurde. Mit den Wachowskis arbeitete sie auch an „Jupiter Ascending“ (2015) sowie deren Netflix-Serie „Sense8“ (2015 – 2018). In Kore-eda Hirokazus Drama „Broker“, das 2022 in Cannes Premiere hatte, spielte sie eine Ermittlerin, die einem Babyklappen-Betrüger auf der Spur ist. Sie sagt, sie schätze sich glücklich, in der Welt des Films leben zu dürfen.

Die japanische Filmemacherin Mitsuyo Miyazaki, die professionell unter dem Mononym Hikari in Erscheinung tritt, hat bislang zwei Spielfilme inszeniert. Nach dem Drama „37 Seconds“, das 2019 auf der Berlinale gezeigt wurde, läuft seit kurzem die Tragikomödie „Rental Family“ in den Kinos, in der Brendan Fraser als arbeitsloser Schauspieler in Japan von einer alleinerziehenden Mutter als Vaterersatz für ihre junge Tochter engagiert wird und bald in der Rolle richtig aufblüht. Fürs Fernsehen hat sie auch zwei Episoden des Crime-Thrillers „Tokyo Vice“ inszeniert, ein Nachfolger der überaus erfolgreichen 80er-Jahre-Krimiserie „Miami Vice“, beide mit Michael Mann als ausführendem Produzenten. 2023 arbeitete sie auch an der gefeierten Netflix-Serie „Beef“. Ihr geht es darum, Welten zu entdecken, Perspektiven zu schaffen, und durch zwei Stunden Flucht aus der realen Umgebung Leben zu verändern. „Cinema is Love“.

Der 44-jährige US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Reinaldo Marcus Green machte sich einen Namen mit der auf einer wahren Geschichte basierenden Biografie „King Richard“ (2021), für die Hauptdarsteller Will Smith als Vater der beiden erfolgreichen Tennisspielerinnen Venus und Serena Williams seinen langersehnten, aber von seinem Ohrfeigen-Skandal überschatteten Oscar erhielt. 2024 verfilmte er das bewegte kurze Leben der jamaikanischen Reggae-Legende Bob Marley. Zurzeit arbeitet er an einem „Punisher“-Special für Marvel und „Disney+“. Er freut sich darauf, neue Stimmen des Weltkinos zu entdecken. Green erinnert sich bei der Pressekonferenz an seine eigene Jugend, in der er gerne ins Kino gegangen ist, und reflektiert kritisch den Umstand, dass seine eigenen Kinder mit Streaming-Diensten aufwachsen. Über die mögliche Übernahme von Warner Bros. durch Netflix, mit denen er beide in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte, hielt er sich bedeckt: „The deal is not done“.

Aus Polen kommt die Produzentin Ewa Puszczyńska (71) nach Berlin. Sie arbeitete zum Beispiel mit David Lynch an seinem letzten Film „Inland Empire“ (2006). Mit dem Filmemacher Pawel Pawlikowski produzierte sie sein Oscar-prämiertes Drama „Ida“ (2013) sowie später sein meisterhaftes Liebesdrama „Zimna wojna (Cold War)“ (2018), das im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt und bei der Oscar-Verleihung dreimal nominiert wurde. Weitere preisgekrönte Projekte, an denen sie als Produzentin beteiligt war, sind „Quo Vadis, Aida“ (2020, Ko-Produzentin), „The Zone of Interest“ (2023), „A Real Pain“ (2024) und zuletzt „Köln 75“ (2025). Auf der Pressekonferenz positionierte sie sich und ihre Kollegen entschieden gegen eine Politisierung des Festivals, als ein Journalist die polemische Frage in den Raum stellte, ob die Jury die Rolle der deutschen Regierung im Gaza-Krieg unterstütze, was Puszczyńska als „unfair“ zurückwies. Die Filme seien nicht politisch in der Weise, wie es die Frage impliziere.

Der indische Dokumentarfilmer und Filmarchivar Shivendra Singh Dungarpur (56) setzt sich mit seiner Organisation „Film Heritage Foundation“ für die Erhaltung und Restaurierung indischer Filme ein. Er drehte die Dokumentationen „The Celluloid Man“, „The Immortals“ und „CzechMate: In Search of Jiří Menzel“. Er betreibt in Mumbai die „Cinema Hall“, in der filmbegeisterte Menschen kostenfrei Zugang erhalten. Für ihn ist das Kino ein Tempel und seine Lebensaufgabe. Ein Film solle Emotionen auslösen und Menschen miteinander verbinden können. Es sei die Reise, nicht das Ziel, die ein großartiges Werk auszeichnet.

Komplettiert wird die internationale Jury in diesem Jahr vom nepalesischen Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Min Bahadur Bham. Sein vierter Spielfilm „Shambhala“ wurde vor zwei Jahren als erster nepalesischer Film in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Er freut sich sehr darüber, dass asiatische Länder immer öfter bei großen europäischen Filmfestivals berücksichtigt und ausgezeichnet werde.
Der Autor
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Maverick87

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