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Berlinale 2007
>Interview mit Stefan Ruzowitzky

Interview mit Stefan Ruzowitzky

Anlässlich des Films „Die Fälscher“, der bei der Berlinale im Wettbewerb läuft, sprachen wir mit dem österreichischen Regisseur.
Uncut (Markus Löhnert): “Was war für Sie das Besondere für Sie, dass Sie sich die Geschichte ausgesucht haben, um einen Film draus zu machen?”

Stefan Ruzowitzky: Was mich interessiert hat, war die Sache: da gibt es einen Ganoven, einen Betrüger, Fälscher, der sich sein ganzes Leben lang so durchgeschwindelt hat, und der kommt jetzt ins Konzentrationslager. Das ist was, das habe ich noch nicht gehört, das würde mich interessieren, weil ich dann bei der Recherche drauf gekommen bin: alle Berichte sind halt von gut behüteten, bürgerlichen Intellektuellen. Und das sind ganz andere Menschen als dieser Soljowitsch (wie er ja in Wirklichkeit heißt). Der hat Knasterfahrung, der weiß, dass er Gewalt einsetzen muss, es ist was Anderes als die Geschichte eines behüteten Typen, zum Beispiel eines Philosophiestudenten.

Uncut: Das kommt ja gleich am Anfang des Filmes vor, wo Sorowitsch im KZ sagt: “Das ist wie im Knast”.

Stefan Ruzowitzky: Ja, das war mir auch wichtig, weil ich mich an meine eigene Militärzeit erinnert gefühlt habe, wo ich als behüteter Gymnasiast eine völlig neue Welt kennen gelernt habe, voller eigentümlicher Gruppendynamik, ganz anders, als ich es aus meiner eigenen behüteten Atmosphäre vorher kannte.

Uncut: Am Ende des Filmes kauft Sorowitsch in Monte Carlo Spieljetons mit Dollars. Dieses Geld war wohl von dem, das er im KZ gefälscht hatte, oder?

Stefan Ruzowitzky: Ja, das war von dem gefälschten Geld aus dem KZ. Während der Recherche zu dem Film fanden wir heraus, dass Sorowitsch angeblich relativ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Monte Carlo war und eine große Menge Geld verspielt hat. Deshalb passte das auch ganz gut in unseren Film.

Uncut: Im Film erscheint es so, als würde er angesichts all dessen, was er erlebt hat, mit diesem Geld nichts mehr zu tun haben wollen und hätte es deshalb verspielt.

Stefan Ruzowitzky: Ja, da haben wir sogar mehrere Versionen des Endes gedreht. Es war mir nämlich wichtig, dass ich als quasi “Nachgeborener” mich hinstelle und diese Filmfigur strafe und sage: “Ja, Du verdienst es nicht und wirst dramaturgisch dafür abgestraft, Du warst nicht prinzipientreu genug und Du dürftest das alles gar nicht überlebt haben.” Ich kann sehr wohl zeigen, dass er sein Leben lang damit wird leben müssen, aber dass ich ihn dafür sozusagen schuldig spreche: das geht einfach nicht.”

Uncut: Betrachtet man den Charakter über den Verlauf des Filmes, sieht das ganz danach aus, als hätte er sich gewandelt. Denn noch bevor er geschnappt und ins KZ gebracht wird, sagt er zu einer Kundin von ihm: “Warum Kunst machen und sie verkaufen, um Geld zu machen, wenn man auch gleich direkt Geld machen kann.” Da ist Sorowitsch ja ein ziemlich ruchloser Kerl und am Schluss plagt ihn das schlechte Gewissen...

Stefan Ruzowitzky: Ja, ... Wobei auch eine Fall in dem Film war, die wir versucht haben, zu umgehen, aus dem KZ eine moralische Besserungsanstalt zu machen, die einen Ganoven zu einem “guten Menschen” macht. Deshalb gibt es auch ganz am Schluss des Filmes diese Dialogzeile, wo er zu der hübschen Frau, die mit ihm am Strand Champagner trinkt, sagt: “Wenn wir kein Geld mehr haben, dann drucken wir uns neues.” Dieser Kerl ist im KZ keinesfalls gereift zu einem “guten Menschen”, der ab jetzt sich an das Bürgerliche Gesetzbuch halten wird, das alles ist ein ziemliches moralisches Haifischbecken.

Uncut: Noch mal nachgefragt: es geht hier also um zweierlei Aspekte: einerseits, dass er mit dem, was er erlebt hat, nichts mehr zu tun haben will und das Geld auch verspielt, andererseits, dass er als der Fälscher, der er vorher war, auch nachher weitermachen würde wollen.

Stefan Ruzowitzky: Ja, es ist beides.

Uncut: Hatten Sie von Anfang an Karl Markovics für die Rolle des Sorowitsch im Auge gehabt?

Stefan Ruzowitzky: Nein, das nicht, aber als ich mal kurz vor dem Einschlafen an ihn gedachte hatte, wurde sehr schnell klar, dass er DER Richtige für diese Rolle sein würde, weil er nicht so einer ist, der von vorne herein auf die saubere Rolle des moralisch Integeren festgelegt ist, sondern weil er jemand ist, dem man auch zutraut, jemanden zu spielen, der, wenn nötig, auch gewalttätig sein kann und dem man ansieht, dass er viel erlebt hat. Er so dieses echte “Gesicht” und mir ist lange niemand eingefallen, auf den das zutrifft und noch dazu wußte ich, dass er ein fantastischer Schauspieler ist, was man ja auch sieht. Ich hoffe sehr, dass man ihn jetzt mehr zu sehen bekommt, vor allem in Deutschland. In Österreich ist er ohnehin irre populär, auch auf der Straße. In Deutschland kennt man seinen Namen offenbar nicht, sein Gesicht schon. Dort wird “Die Fälscher” in den Pressemeldungen als ein “Film mit Marie Bäumer” beworben. Soll sein, aber ...

Uncut: Aber er hat doch eine Zeit lang nachgedacht, ob er die Rolle annehmen sollte ...

Stefan Ruzowitzky: Ja, sicher. Denn so einen Film zu machen, ist nichts, das man völlig “ungestraft” tut. Nur mit sehr viel Nachdenken kann man sich einer solchen Rolle nähern, die ist nichts, von der man nachher sagen kann: “Ich war jung, ich brauchte das Geld.” und so, sondern man drückt damit etwas aus und kann sich hinterher nicht auf Buch und Regie rausreden und daher gut wissen, was man da tut.

Uncut: Sie haben in ihrem letzten Film “Anatomie 2” schon mit August Diehl zusammen gearbeitet. War er für diesen Film auch gleich auf Ihrer Wunschliste?

Stefan Ruzowitzky: Also der Diehl, den hatte ich gleich im Visier. Der ist für mich auch so die “Standardbesetzung”, hier, in der Rolle des heißblütigen Idealisten, der Spaß an Selbstzerstörung hat aus lauter Prinzipientreue, dafür passt er natürlich ideal, aber für mich war von Anfang an klar, dass ich ihn dabei haben wollte. Wobei bei ihm noch dazu kommt, dass er ein gescheiter Kerl ist, der mir auch beim Drehbuch viel geholfen hat. Nicht nur, was seine Rolle betrifft, sondern auch für den ganzen Film. Wenn Du in einem Film so drinnen bist und Du hast jemanden Gescheiten, der Dir mit der Geschichte weiterhilft, dann ist das für den Regisseur eine große Unterstützung und das war bei August Diehl definitiv der Fall.

Uncut: Voriges Jahr gab es den österreichischen Festivalbeitrag “Slumming” von Michael Glawogger, in dem August Diehl auch mitgespielt hat. Herr Glawogger meinte vor einem Jahr, es wäre in Deutschland immer wieder eine Hürde für den österreichischen Film, wenn es Dialoge mit österreichischem Idiom gibt, also wenn im Dialekt gesprochen wird. Sehen Sie für Ihren Film ein ähnliches Problem bzw. wie beurteilen Sie diese sprachlichen Aspekte?

Stefan Ruzowitzky: Für DEN Film nicht, denn wir haben außer Markovics keine österreichischen Schauspieler und der spielt einen Russen mit entsprechendem Akzent. Aber das ist natürlich ein Problem des österreichischen Filmes an sich, dass es in Österreich die Deutschen Filme im Kino gibt, anders als zum Beispiel in Schweden oder Dänemark, wo es viele nationale Filmproduktionen im Kino gibt, die neben den englischsprachigen im Kino laufen. Die Deutschen Filme funktionieren in Österreich, aber die österreichischen Filme sind für das deutsche Publikum fremd. Nehmen Sie zum Beispiel meinen Film “Anatomie”, der auch deshalb so erfolgreich, war, weil der abgetrennte Kopf in einem ALDI-Sackerl verpackt gezeigt wurde. Wäre das ein HOFER-Sackerl gewesen, ist das in Deutschland schon nicht mehr so interessant. Den ALDI kennt jeder, da haben die Deutschen eine andere Beziehung dazu. Wenn wir jetzt Österreicher und HOFER-Sackerl zeigen, verlieren wir den “Heimvorteil”. Für die Deutschen spielte die Handlung von “Anatomie” in ihrer Welt, Österreich ist für die Deutschen nicht mehr ihre Welt.

Uncut: Sie haben doch sehr unterschiedliche Filme gemacht bisher, so lassen sich “Anatomie” und “Die Fälscher” wirklich gar nicht miteinander vergleichen. Gibt es bereits Pläne für neue Projekte?

Stefan Ruzowitzky: Das Nächste ist ein Kinderfilm. Wieder eine andere Richtung. “Hexe Lili”, jeder, der kleine Töchter hat, sollte das Buch kennen. Es ist ein sehr erfolgreiches Kinderbuch, das in Deutschland eine Auflage von 13 Millionen erreicht hat, zum Vergleich: “Das Parfüm” hatte eine Auflage von 15 Millionen. Die “Hexe Lili” ist ein Kinderbuch für die Altergruppe der Erstleser, also kleine Kinder im Volksschulalter. Das wird mein nächstes Filmprojekt sein. Eine deutsche Produktion, für die ich noch einen österreichischen Koproduzenten auftreiben möchte.

Uncut: Wie fühlt es sich an, am gleichen Tag wie Robert DeNiro an einem Festival aufzutreten?

Stefan Ruzowitzky: Bewegend und unwahrscheinlich ehrenhaft. Mein Höhepunkt diesbezüglich war das New York Film Festival, wo auf einem T-Shirt mein Name neben solchen Regisseuren wie Woody Allen stand. Ich war dort mit “Die Siebtelbauern” vertreten gewesen. Wenn ich an das T-Shirt denke, dann merke ich schon, dass ich dort schon irgendwie auch immer hin wollte.

Uncut: Welche Karriere soll dieser Film haben?

Stefan Ruzowitzky: Naja, Programmkino für ein erwachsenes Publikum, so nach “Das Leben der Anderen” oder “Sophie Scholl”, also ein breites Publikum. Dabei ist aber auch klar, dass eine Festivalteilnahme so wie hier auf der Berlinale immer etwas Anderes ist als der Erfolg an der Kinokasse. International gesehen hab ich mich noch nicht erkundigt, wie es “da drüben” aussieht. Aber mit dem Thema hätte man aber denke ich schon eine gute Chance, weil es international und auch national darum geht, nicht nur filmkünstlerisch Wertvolles zu tun, sondern auch eine interessante Geschichte zu erzählen. Und genau diese interessante Geschichte hat der Film und das wird ihm auch in Übersee helfen.

Uncut: Wie ist das eigentlich auf so einem Festival? Haben Sie mit den anderen Regisseurinnen und Regisseuren Kontakt oder konzentrieren sich alle auf ihr eigenes Projekt?

Stefan Ruzowitzky: Also man hat gar keine Zeit dazu. Wir sind alle eingespannt mit Presseterminen und jeder will seinen Film präsentieren. Wäre schön, wenn es so wäre, aber das geht nur auf kleineren Festivals. Hier ist das alles zu hysterisch und zu groß dafür. Die Teilnahme am Festival ist für den Film 90 %, wenn wir einen Preis auch noch machen, wäre das für mich persönlich wieder eine Hilfe, meine nächsten Projekte zu realisieren. Manche werden vielleicht mein “Hexe Lili” besser finden als eine Woche zuvor.

Uncut: Also so ähnlich, wie es Mel Gibson einmal gesagt hat: “Wenn man für den Oscar nominiert ist, vergessen Dich die Leute nach 2 Wochen. Wenn Du ihn bekommst, nach vier.” ?

Stefan Ruzowitzky: Ja, das sind hier jetzt also quasi meine “15 Minuten” und die genieße ich, aber ich bin deshalb kein besserer Mensch und es wird mich auch nicht dran hindern, mal einen schlechteren Film zu machen.

Uncut: Ein guter Schluss.

Stefan Ruzowitzky: Ja, stimmt.

Uncut: Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Preisverleihung!

Stefan Ruzowitzky: Vielen Dank.

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Der Autor
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Harry.Potter

Forum

  • Tolles Interview

    Bin sehr erfreut über dieses tiefergehende Interview mit einem ehrlichen Blick des Regisseurs! Wünsche mir weiterhin so grossartige Beiträge!
    leander-caine
    11.02.2007, 15:05 Uhr
  • Also wer ist wer?

    Also Harald Zettler habe ich erkannt und Stefan Ruzowitzky natürlich auch, aber wer sind die anderen 2 einer Markus Löhnert (H.P) aber welcher und wer ist der andere?
    defaultbild
    10.02.2007, 21:37 Uhr
    • Who is who

      Glaube kaum, dass u mich erkannt hast. Ich bin auf dem Bild nicht zu sehen, weil ich die Fotos ja gemacht habe. Markus Löhnert (Harry.Potter) trägt das Uncut-Shirt und die anderen zwei sind Journalisten von anderen Medien.
      uncut
      10.02.2007, 21:54 Uhr
    • ?

      Also wenn ich dein Bild bei der Community anschau sieht es aus als währest der mit dem Blauen Uncut T-Shirt (H.P) du, man glaubt fast ihr seit verwand.
      Aber egal auf jeden fall entschuldigung für die Verwechslung.
      defaultbild
      10.02.2007, 22:37 Uhr