Eldritch Advice
Eldritch Advice: Halloween Special 2022

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100 Jahre Nosferatu – Drei Gesichter des Horrors
Vor 100 Jahren debütierte F.W. Murnaus „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ in einigen auserwählten deutschen Lichtspielhäusern. Das Ergebnis war ernüchternd. So wie die Figur des „Grafen Orlok“ die Pest nach Wisborg, einen der Handelsorte des Films, brachte, breiteten Teile der zeitgenössischen Kritik das Totentuch über den ersten Vampirfilm der Geschichte aus. Von einem Meilenstein der Filmgeschichte war damals noch nicht die Rede. Vielmehr war es der Begriff des Kassenflops, der bedeutungsgleich mit „Nosferatu“ verwendet wurde, und der das Ende seiner Produktionsfirma „Prana-Film“ besiegelte. Tatsächlich waren die finanziellen Probleme erst der Anfang der Misere.
Bild aus dem Film „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ (UFA)

Ursprünglich war „Nosferatu“ an dem 1897 veröffentlichten „Dracula“ Roman von Bram Stoker angelehnt. Anstatt sich die Rechte zu sichern, entschied sich „Prana-Film“ dafür, das Drehbuch etwas abzuändern. Doch selbst die Änderung von Namen sowie das Weglassen von Schlüsselfiguren, wie „Professor Abraham Van Helsing“, vermochte die Herkunft der Geschichte nicht zu verschleiern. Deswegen gelang es der Witwe von Bram Stoker erfolgreich gegen „Prana-Film“ zu klagen, woraufhin das Berliner Gericht die Zerstörung sämtlicher Kopien des Films veranlasste. Glücklicherweise konnten einige vor der Zerstörung bewahrt werden. Dadurch wurde aus Murnaus Vampirschocker letzten Endes eines der repräsentativen Werke des „Deutschen Expressionismus“ und geriet nicht als verschollener Film in Vergessenheit.

Von Schreck, über Kinski bis zu Dafoe

Allerdings ist nicht das Thema, wie „Nosferatu“ durch sein Spiel mit Kontrast und Schatten, Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung, als Klassiker Verehrung fand. Im Fokus steht heute „Graf Orlok“, samt jenen drei Schauspielern, die ihn bisher in veröffentlichten Werken verkörperten. Neben Max Schreck, der die Rolle im Original innehatte, gehören dazu ebenfalls Klaus Kinski und Willem Dafoe. Allesamt drei einzigartige Künstler, denen es gelang „Orlok“ von „Dracula“ loszulösen, und somit als eigenständigen Charakter in der Populärkultur zu etablieren.

Auch wenn Bram Stoker nicht der Erfinder des Vampirs in der Kunstgeschichte war, so kreierte er mit „Graf Dracula“ den Archetypus des Vampirs als gravitätischen Aristokraten nach viktorianischem Vorbild. Nicht verwunderlich für eine Zeit, in der das britische Weltreich am Höhepunkt seiner Macht war. „Dracula“ war gepflegt und begrüßte „Jonathan Harker“ mit einem festen Händedruck, von übernatürlicher Kraft, in seinem beachtlichen Domizil. Als „Graf Orlok“ die Bühne betrat, war die Welt eine andere. Seit der bitteren wie fatalen Niederlage im „Großen Krieg“, waren vier Jahre vergangen. Das „Deutsche Kaiserreich“ existierte nicht mehr und die „Goldenen Zwanziger“ waren noch Zukunftsmusik. Hunger und Aufstand waren die Realität in der noch jungen „Weimarer Republik“. Eine Realität, die den „Expressionismus“ nährte. Diese Kunstrichtung gab der subjektiven Weltwahrnehmung ihrer Anhänger ein Gesicht. Aus Emotionen wurden Worte und Bilder. Manche dieser Bilder bewegten sich sogar. Eines davon, „Graf Orlok“.

„Wollen wir nicht ein wenig beisammen bleiben, Liebenswertester? Es ist noch gar lange bis Sonnenaufgang – und am Tage schlafe ich, mein Bester, schlafe ich wahrhaftig den tiefsten Schlaf“
(Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, 1922)


Als „Thomas Hutter“, der deutsche „Jonathan Harker“, die heruntergekommene Burg von „Graf Orlok“ betritt, wird er von keinem Vampirfürsten in der Blüte seines Unlebens, sondern einer hageren Gestalt mit zwei spitzen Schneidezähnen willkommen geheißen. Ihre Körpersprache ist unheimlich und wirkt, als würde der Graf entweder einen Menschen imitieren oder könne sich selbst nicht mehr an das Menschsein erinnern. Hinter der vom Produzenten Albin Grau entworfenen Optik, steckte der Berliner Schauspieler Max Schreck. Ein wandlungsfähiger Mann, der sowohl auf der Theaterbühne als auch der großen Leinwand aktiv war. Anders als „Graf Orlok“, war ihm leider keine lange Existenz vergönnt. Er starb 1936 nach nur 56 Lebensjahren. Trotz einer dafür stolzen Filmografie, ist es in erster Linie seine Rolle in „Nosferatu“, die ihn unsterblich machte. Seine Darstellung eines dahinsiechenden Vampirs, der dazu verdammt ist, mit einer Heerschar Ratten im Gefolge, die Pest zu verbreiten, bis ihm das Opfer einer Frau, die Zeit vergessen macht, und er schlussendlich seine Erlösung im Sonnenaufgang findet, ist so hervorragend wie wegweisend.

„… Ich stamme aus einem alten Geschlecht. Zeit, das ist ein Abgrund, tausend Nächte tief. Jahrhunderte kommen und gehen. Nicht altern können ist furchtbar. Der Tod ist nicht alles, es gibt viel Schlimmeres. Können Sie sich vorstellen, dass man Jahrhunderte überdauert, und jeden Tag dieselben Nichtigkeiten miterlebt? ...“
(Nosferatu: Phantom der Nacht, 1979)


Werner Herzog betrachtet „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ als den besten deutschen Film aller Zeiten und gilt gemeinhin als ein Bewunderer Murnaus. Die Veröffentlichung seiner Neuinterpretation, „Nosferatu: Phantom der Nacht“, stand somit unter einem guten Stern, als sie 1979 in die Kinos kam. Persönlich, sehe ich Herzogs Umsetzung als den definitiven „Nosferatu“ an. Den einzigen Fehler, den er meiner Meinung nach beging, war die Integration der ursprünglichen Namen und Personen aus „Dracula“. Insbesondere weil der Film, bis auf sein Ende, eine nahezu exakte Neuerzählung des Originals ist, wirken diese äußerst befremdlich. Doch sei es drum. Egal, ob „Nosferatu“ als „Orlok“ oder „Dracula“ bezeichnet wird, so ist es wesentlich wichtiger, wen Herzog für den Part bestimmte. Die Wahl fiel auf seinen liebsten Feind Klaus Kinski. Kinski war sowohl ein Schauspieler, der über eine einmalige Präsenz verfügte, als auch ein Monster, über das noch heute diskutiert wird, ob man lieber ihm oder einer seiner legendären Schurkenrollen nachts alleine auf der Straße begegnen würde. Wie keinem anderen, gelang es Herzog stets Kinskis Genie hervorzuheben und im Gegenzug seinem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Um einen von den Jahrhunderten gezeichneten, müden Vampir zu verkörpern, provozierte er Kinski und ließ ihn wüten, bevor er zu filmen begann. Die vier Stunden, die Kinski darüber hinaus in der Maske für sein vampirisches Erscheinungsbild benötigte, taten ihr Übriges.
Bild aus dem Film „Nosferatu: Phantom der Nacht“ (Arthaus)

Dadurch glückte das Experiment, den Horror von „Nosferatu“ vom expressionistischen Stummfilm in das surreale europäische Kino der 70er Jahre zu transformieren. Kinski nutzte geschickt die Macht des Wortes, die Schreck durch die begrenzten technischen Möglichkeiten der 20er Jahre verwehrt blieb. „Phantom der Nacht“ ist einer der wenigen Filme, in der Kinskis echte Stimme zu hören ist. Seine Inszenierung ist makellos; ein Vermächtnis für die Ewigkeit. Gut zehn Jahre später, im Jahr 1988, schlüpfte Kinski in „Nosferatu in Venedig“ erneut in die Rolle des Grafen. Dieses Mal unter der Regie von Augusto Caminito. Auch wenn diese inoffizielle Fortsetzung nicht an das grandiose Werk von Herzog heranreicht, schaffte es Caminito, die surreale, traumartige Stimmung des Vorgängers einzufangen. Inwiefern die Darstellung Kinskis hinsichtlich der Kontinuität Sinn ergibt, muss jeder für sich selbst beantworten. Schließlich weigerte er sich, die Tortur der „Nosferatumaske“ erneut über sich ergehen zu lassen und agierte in seiner Rolle wesentlich dynamischer und triebhafter.
Bild aus dem Film „Nosferatu in Venedig“ (Filmverleih)

In meinem Kopfkanon liegt die Antwort im Ende von Herzogs Film, die einen verjüngten „Nosferatu“ mit dem Antlitz Kinskis erklärbar macht. Immerhin ist die Fähigkeit, sich zu verwandeln, Teil des Vampirmythos. Viel wichtiger ist jedoch, dass eines der essenziellen Charaktermerkmale beibehalten wurde, nämlich das des Pestbringers.

„… Dracula hasn't had servants in 400 years and then a man comes to his ancestral home, and he must convince him that he - that he is like the man. He has to feed him, when he himself hasn't eaten food in centuries. Can he even remember how to buy bread? How to select cheese and wine? And then he remembers the rest of it. How to prepare a meal, how to make a bed. He remembers his first glory, his armies, his retainers, and what he is reduced to. The loneliest part of the book comes - when the man accidentally sees Dracula setting his table.“
(Shadow of the Vampire, 2000)


Es ist kein Geheimnis, dass Nicolas Cage ein Verehrer des „Deutschen Expressionismus“ ist. So ist es nicht verblüffend, dass er als Produzent eines Films über die Dreharbeiten von „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ mitwirkte. Wesentlich überraschender ist indes, dass er nicht selbst Max Schreck darstellte, sondern dies Willem Dafoe überließ. Die Rede ist hierbei von „Shadow of the Vampire“ aus dem Jahr 2000. Die Geschichte dieses Films ist so absurd wie interessant. Denn es handelt sich in diesem Fall nicht um eine reine Dokumentation der Dreharbeiten zu „Nosferatu“. Im Mittelpunkt der Geschichte steht stattdessen die skurrile Legende, dass es den Schauspieler Max Schreck nie gab, und Murnau einen echten Vampir als „Graf Orlok“ anheuerte. Freilich lässt sich diese Behauptung in der Realität in nur wenigen Sekunden widerlegen. Aus erzählerischer Sicht ist diese wiederum eine ausgezeichnete Basis für einen Film.
Bild aus dem Film „Shadow of the Vampire“ (Splendid Film)

Dafoe brillierte einerseits durch die authentische Nachahmung von Schrecks Szenen in „Nosferatu“ und andererseits in seiner Darbietung als Vampir, der widerwillig Murnaus Anweisungen Folge leistet, da dieser ihm das Blut der Schauspielerin Greta Schröder als Belohnung versprach. Dadurch formte Dafoe das expressionistische Schauspiel Schrecks zum eigentlichen Wesen des „Grafen Orlok“ und schloss damit gewissermaßen den Kreis der Beziehung zwischen Realität und Expressionismus. Auch wenn das Finale von „Shadow of the Vampire“ qualitativ nicht an die exzellente Charakterisierung von Dafoes „Orlok“ heranreicht, können wir dankbar sein, dass dieser Film existiert und „Nosferatu“ in das Gedächtnis einer neuen Generation einbrannte. Zudem war es dieser Auftritt, der uns Dafoe als „Grüner Kobold“ in Sam Raimis „Spider-Man“ (2002) schenkte.

Die nächsten 100 Jahre

Jedoch markiert Dafoe nicht den Schlusspunkt in der Geschichte des „Grafen Orlok“. Ob das 2016 gestartete Kickstarter-Projekt mit Doug Jones als Hauptdarsteller jemals die Postproduktion überwinden wird, in der sie seit mittlerweile sechs Jahren steckt, ist ungewiss. Wesentlich vielversprechender ist hingegen das von Robert Eggers geplante Remake „Nosferatu“. Für dieses scheint er mit Bill Skarsgård bereits seinen „Orlok“ gefunden zu haben. Als ein großer Freund von Eggers bisherigen Veröffentlichungen, hoffe ich auf eine rasche Verwirklichung. Bis dahin, können wir mit den „Nosferatus“ der letzten 100 Jahre aus dem Vollen schöpfen. Happy Halloween.
Der Autor
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Thorsten


Forum

  • Nosferatu forever

    Nach diesem toll recherchierten Artikel hätte ich Lust alle NOSFERATU-Filme wieder anzuschauen und sie neu zu entdecken!
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    01.11.2022, 08:22 Uhr