Venedig, Festivals
Sechs Tage Venedig – Highlights, Enttäuschungen und Stars ohne Ende

Sechs Tage Venedig – Highlights, Enttäuschungen und Stars ohne Ende

Die High- und Lowlights der 79. Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Ein Bericht von Christian Pogatetz
Ein prächtiges Staraufgebot, preisverdächtige Filme, kontroversen ohne Ende: noch bis zum kommenden Sonntag steht Venedig ganz im Zeichen der 79. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica, den prestigeträchtigen internationalen Filmfestspielen. Zum erneuten Male war auch UNCUT wieder vor Ort im Einsatz - wenn auch mit etwas Verspätung. Die ersten zwei Festivaltage musste ich aufgrund von anderen Verpflichtungen leider überspringen, somit unter anderem den heurigen Eröffnungsfilm „Weißes Rauschen“ mit Adam Driver und das bestens rezensierte Orchesterdrama „Tár“ mit Cate Blanchett als Chefdirigentin.

Bild aus dem Film „Weißes Rauschen“ (Netflix)

Vorab bereitete das Online-System für Presse-Akkreditierte mir und zahlreichen Kolleginnen und Kollegen bereits reichlich Kummer und Sorgen. An den ersten Tagen war der Server andauernd abgestürzt, Buchungen über Stunden nicht möglich und Pressekonferenzen nicht mal abrufbar. Waren die technischen Probleme einmal halbwegs überstanden und der erste Schock verdaut, ging das Festival dann erst am vergangenem Donnerstag so richtig für mich los - und das leider gleich mit einer bitteren Enttäuschung. „Bones and All“ des renommierten Italieners Luca Guadagnino mag allen Anschein nach zwar einige Kritikerkollegen überzeugt haben, meiner Meinung nach bot die Kannibalen-Romanze jedoch wenig mehr als einen unausgegorenen Mischmasch aus Teenie-Melodram und Ekel-Horror. Immerhin durfte sich Hauptdarsteller Timothée Chalamet bei der abendlichen Weltpremiere einmal mehr als Stilikone der neuen Generation beweisen und sorgte am Red Carpet mit einem dunkelroten, rückenfreien Outfit für Aufsehen. Zur Abendstund erwartete mich bereits mein allererstes filmisches Highlight: „All the Beauty and the Bloodshed“. Auf eindringliche Weise beleuchtet die Dokumentation der Oscar-prämierten „Citizenfour“-Regisseurin Laura Poitras das Leben der New Yorker Underground-Fotografin Nan Goldin und skizziert ihren langjährigen Kampf gegen das mächtige Pharmaunternehmen Sackler.

Bild aus dem Film „The Whale“ (A24)

Mein persönlicher Festivalfavorit ließ nicht lange auf sich warten: „The Whale“ von Darren Aronofsky ließ mich an Tag zwei der Festivalspiele heulen wie ein Schlosshund – und das aus diversen Gründen. Tränen der Trauer gab es für die schmerzhaft kommunizierte Ausweglosigkeit, in der sich der übergewichtige Protagonist Charlie begibt - Tränen der Freude wegen der mehr als nur gelungenen Schauspielrückkehr von Brendan Fraser. In der anschließenden Pressekonferenz zeigte sich der einst fallen gelassene Hollywood-Star sichtlich gerührt und hochsympathisch. Viele rechnen damit, dass Fraser am Samstag die Auszeichnung für den „Besten Schauspieler“ mit nach Hause nimmt. Verdient wäre es für seine bemerkenswerte Leistung auf alle Fälle.

The Whale
Pressekonfenz zu „The Whale“(Foto: Uncut/Christian Pogatetz)


Weitere Höhepunkte im Festivalprogramm waren für mich die bitterböse Tragikomödie „The Banshees of Inisherin“ des Iren Martin McDonagh, die japanische Trauertherapie-Session „Love Life“ von Koji Fukada oder auch der herrlich obskure Nostalgie-Slasher „Pearl“ von Ti West, in dem der Erzählkosmos seines heuer erschienenen Horror-Hits „X“ erweitert wird. Enttäuscht zurückgelassen hat mich hingegen das Drama „The Son“, mit dem der französische Dramatiker Florian Zeller den geistigen Nachfolger zu seinem Oscar-Erfolg „The Father“ liefert. Zumindest zeigten sich die prominenten Hauptdarsteller Hugh Jackman und Laura Dern in der Pressekonferenz bestens gelaunt. Eine detaillierte Kritik zum schwermütigen Familiendrama folgt in den kommenden Tagen.

The Son
Pressekonfenz zu „The Son“(Foto: Uncut/Christian Pogatetz)

Doch auch abseits der eigentlichen Filme sorgte das Festival für Schlagzeilen - gerade in der Boulevardpresse. Allen voran war es die dienstags stattgefundene Premiere eines bestimmten Films, die vorab zum Opfer des medialen Diskurs geworden war: „Don't Worry Darling“ von Olivia Wilde. Angefangen bei ihrer viel beobachteten Beziehung zu Popstar und Hauptdarsteller Harry Styles über Kontroversen rund um den gefeuerten Ex-Star Shia LaBeouf hin zu Berichten über angeblichen Streitereien zwischen Wilde und Schauspielerin Florence Pugh: noch vor der Premiere brodelte die Gerüchteküche. Dann am Tag der Uraufführung bot der verrückte Medienzirkus wieder neuen Zündstoff. Die Pressekonferenz zum Film, die ich glücklicherweise am eigenen Leib erleben durfte, wird wohl in die Geschichtsbücher der Filmfestspiele eingehen. Florence Pugh war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht mal in Venedig angekommen, unangenehme Fragen wurden seitens der Moderation ignoriert und dümmlich-naive Antworten von Harry Styles sowie die überzogenen Mimiken von Schauspieler Chris Pine binnen weniger Stunden zu Internet-Memes verwandelt. Der eigentliche Film schien kaum der Rede wert, das Drama rundherum stand klar im Vordergrund.

Don't Worry Darling
Pressekonfenz zu „Don't Worry Darling“(Foto: Uncut/Christian Pogatetz)


Heute Abend wird die Premiere des ebenfalls kontrovers diskutierten Netflix-Dramas „Blonde“ über die Bühne gehen, in dem Ana de Armas Schauspielikone Marilyn Monroe verkörpert. Die Preisträger der begehrten Löwen werden dann am Samstag verkündet. Leider musste ich kurz vorm Endspurt abreisen, drücke aber „The Whale“ und insbesondere seinem Hauptdarsteller die Daumen.

Trotz vereinzelter Enttäuschungen und den allgemeinen Tücken des Festivalstresses hat die 79. Edition der Filmfestspiele mit Sicherheit den Stempel „gelungen“ verdient. Denn Höhepunkte, die gab es auch abseits von all dem künstlich aufgebauschten Promi-Drama haufenweise zu entdecken.
Der Autor
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Forum

  • Laura Poitras

    Bin schon gespannt auf All the Beauty and the Bloodshed...
    11.09.2022, 22:16 Uhr
  • Netflix

    Ich finde es ja schon etwas schade dass so viele Streamingfilme mit dabei sind. Das wäre ja grundsätzlich nichts Schlimmes, wenn die Filme auch ins Kino kommen würden. Auf „Blonde“ freue ich mich schon sehr ... aber bitte im Kino.
    treadstone71_02519ad8f6.jpg
    11.09.2022, 21:08 Uhr
  • THE WHALE

    Auch ich erwarte diesen Film schon sehnsüchtig in unseren Kinos: Er ist bestimmt großartig.
    11.09.2022, 13:59 Uhr