Eldritch Advice
Eldritch Advice: Halloween Special

Eldritch Advice: Halloween Special

Passend zur Nacht der Teufel, Hexen und Gespenster gibt es heute einen besonderen Blick auf Dario Argentos Muttertrilogie
Am 7. September dieses Jahres, feierte der italienische Meister des Horrors, Dario Argento, seinen 80. Geburtstag. Der in Rom geborene Filmemacher machte sich Anfang der 70er Jahre vor allem durch seine Gialli einen Namen. Von diesen wies bereits der 1975 veröffentlichte „Rosso – Farbe des Todes“ durch sein Spiel mit übernatürlichen Elementen erste Horror-Elemente auf. Zwei Jahre später schuf er mit „Suspiria“ einen Meilenstein des Horrorkinos, und den ersten Teil seiner „Muttertrilogie“, die auf dem Werk „Suspiria de Profundis“ (1845) des britischen Schriftstellers Thomas De Quincey beruht. In diesem Essay, erdachte De Quincey drei Begleiterinnen von Levana, der römischen Schutzgöttin der Neugeborenen: Mater Lachrymarum, die Mutter der Tränen; Mater Suspiriorum, die Mutter der Seufzer; und Mater Tenebrarum, die Mutter der Finsternis. Gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin und „Suspiria“ Ko-Drehbuchautorin Daria Nicolodi, adaptierte Argento die drei Mütter De Quinceys als drei mächtige Hexengeschwister, die von ihren Domizilen aus, die Geschicke der Welt leiten. Nach „Suspiria“, wurde die Trilogie 1980 mit „Horror Infernal“ fortgesetzt und 2007 mit „The Mother of Tears“ abgeschlossen.

Heute, am letzten Hexensabbat dieses Jahres, widme ich mich im diesjährigen „Eldritch Advice: Halloween Special“ diesen drei Filmen.

Foto: Gloria Filmverleih

Suspiria

(1977) - Eine unheimliche Märchenstunde in Technicolor

Hexen sind ein Thema, das Argento seit jeher beschäftigt. Bereits im jungen Alter träumte er davon, dass die Direktorin seiner Schule eine Hexe sei, und danach trachtete ihn aufzuessen. Diese Kindheitsangst bildet das Grundgerüst von „Suspiria“, in dem die Balletttänzerin Suzy Bannion (Jessica Harper) an der renommierten Freiburger Tanzakademie der Helena Markos mit einem ähnlichen Horror zu ringen hat. Ursprünglich wollte Argento den Film mit Kindern besetzen, der italienische Filmverleih bestand jedoch auf die Volljährigkeit der Schauspielerinnen. Damit das märchenhafte Ambiente dennoch nicht verloren ging, beließ Argento die Dialoge der Tänzerinnen gemäß seiner genuinen Vision. Um dies auch optisch glaubhaft zu vermitteln, ließ er darüber hinaus Teile der Filmsets etwas zu groß gestalten. Verstärkt wurde diese Illusion durch den Technicolor-Prozess. Obwohl dieser bereits im Aussterben begriffen war, half ihm Argento ein letztes Mal aus seinem Totenbett, um „Suspiria“ farblich so lebendig wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) zu gestalten. All dies würde bereits einen sehr guten Horrorfilm ergeben, wäre da nicht der betörende sowie Gänsehaut erweckende Soundtrack der Progressive Rock Band „Goblin“, der diesem Werk seine Krone aufsetzt.

Regelmäßige Leser meines „Eldritch Advice“ wissen schon seit geraumer Zeit wie sehr ich diesen Film liebe. In der Vergangenheit beschrieb ich „Suspiria“ als ein „Meisterwerk des Horrors und eine perfekte Symbiose aus Akustik, Ästhetik und Angst.“ Daran hat sich auch heute nichts geändert. Der erste Teil der „Muttertrilogie“ ist und bleibt in meinen Augen der Goldstandard des Horrorfilms. Wer sich diesem Werk vollends hingibt, ist für gut 100 Minuten als Beobachter in einem luziden Albtraum gefangen.

Foto: 20th Century Fox

Feuertanz - Horror Infernal

(1980) – Albträume im Hexenhaus

Nachdem „Suspiria“ weltweit für Aufsehen und volle Kinosäle sorgte, wurde man auch in der (Alb)Traumwerkstatt Hollywood auf Argento aufmerksam. 20th Century Fox waren es schlussendlich, die sich die Vertriebsrechte an „Horror Infernal“ sichern konnten. Argento liebäugelte schon früh mit der Idee, den zweiten Teil seiner „Muttertrilogie“ in New York anzusiedeln. Als er sich während seiner Zusammenarbeit mit George A. Romero an „Zombie“ (1978) gut zwei Monate lang am „Big Apple“ aufhielt, erlebte er einen der härtesten Winter in der Geschichte der Stadt. Durch eine Krankheit ans Bett gebunden, blickte Argento täglich durch das Fenster seines Hotels auf den komplett verdunkelten Central Park. Dabei verspürte er nicht bloß eine gewisse Todesangst, sondern ebenfalls eine Offenbarung über das Wesen der Mater Tenebrarum, welche die jüngste und grausamste der drei Mütter ist. Wie Argento in seinem Hotel, und Hänsel und Gretel im Lebkuchenhaus, sollte auch der „Suspiria“ Nachfolger sein eigenes Hexenhaus bekommen, in dem die Mutter der Finsternis über New York thront. „Horror Infernal“ etabliert, dass im 19. Jahrhundert ein Alchimist und Ingenieur namens Varelli jeder der drei Mütter ein Domizil errichtete, jenes der Mater Suspiriorum in Freiburg, der Mater Tenebrarum in New York, und der Mater Lachrymarum in Rom. Abseits der offensichtlichen Unterschiede zwischen den deutschen und US-amerikanischen Drehorten, ist die Optik der Fortsetzung sehr nah an der des Originals gehalten, und dahingehend ein wahrer Augenschmaus. Dafür gibt es bezüglich der musikalischen Untermalung einen gewissen Stilbruch. „Horror Infernal“ ist einer der wenigen Argento Filme, deren Soundtrack nicht von „Goblin“ oder Ennio Morricone komponiert wurde. Nichtsdestotrotz braute der 2016 verstorbene britische Keyboarder Keith Emerson eine markante Filmmusik zusammen. Diese hat durch ihre Vermischung mit Klängen aus Giuseppe Verdis „Nabucco“ einen gewissen epischen Charakter, der „Horror Infernal“ herrlich einzigartig klingen lässt.

Gemeinhin gilt „Horror Infernal“ als der wohl meist unterschätzte Argento. Dies hat verschiedene Gründe. So ist dem Film seine chaotische Drehphase durchaus anzumerken. Argento selbst blickt nicht gerne auf seine Zusammenarbeit mit 20th Century Fox zurück, und verliert selbst heute noch kein positives Wort über das Hollywood System, obwohl er nach wie vor mit Stolz auf sein Werk blickt. Dies völlig zu Recht. Trotz der zahlreichen Probleme, die es während der Produktion gab, ist „Horror Infernal“ genau der Film, den Argento im Sinn hatte. Die Residenz der Mutter der Finsternis ist nicht bloß Handlungsort, sondern der eigentliche Protagonist dieses Werkes. So wie das Hexenhaus der zweiten Mutter von einem Alchimisten und Ingenieur erbaut wurde, ist auch „Horror Infernal“ als alchimistisches Konstrukt zu verstehen. Dies heißt, dass hierbei jene Zuseher belohnt werden, die sich auf den Film einlassen und keine dogmatisch verbindliche Konklusion erwarten.

Foto: Koch Films

Mother of Tears

(2007) – Die Hexen laufen Amok

30 Jahre nachdem „Suspiria“ die Menschheit durch die Mutter der Seufzer wieder an Hexen glauben ließ, und 27 Jahre nachdem in „Horror Infernal“ die Mutter der Finsternis ganz New York in Angst und Schrecken versetzte, entfesselte Argento im Jahr 2007 mit der Mutter der Tränen, die dritte und letzte der mächtigen Hexen, in der ewigen Stadt, Rom. Dass der Abschluss der „Muttertrilogie“ mit einer Wartezeit von gut drei Jahrzehnten versehen war, ist zum einen Argentos traumatischen Erfahrungen am Set von „Horror Infernal“ geschuldet, und zum anderen einer sich veränderten Filmlandschaft, deren Zensurwahn Gift für seine kreative Ader war. Erst als Mick Garris, der Produzent der „Masters of Horror“ Reihe an ihn herantrat, und ihm absolute Freiheit für seine Beiträge „Jennifer“ (2005) und „Pelts“ (2006) versprach, erfuhr Argento eine Katharsis. Von der emotionalen Last der letzten Jahrzehnte befreit, machte er sich nun daran, seine Hexensaga abzuschließen. Die in „Suspiria“ und „Horror Infernal“ vermittelte Märchenwelt, erschien ihm als nicht mehr zeitgemäß. So wich diese einer von Sex und Gewalt dominierten Hochglanzästhetik, in der lediglich der brillante Soundtrack von „Goblin“, und gewisse farbliche Relikte eine Erinnerung an den Argento der 70er und 80er Jahre darstellen. Abseits davon, fungierte „The Mother of Tears“ für Argento als eine familiäre Wiedervereinigung mit Daria Nicolodi, deren Rolle eine erzählerische Brücke zu „Suspiria“ darstellt, und Asia Argento, die gemeinsame Tochter der beiden, die in diesem Werk die Protagonistin mimt.

Als „The Mother of Tears“ erschien, wurde dieser Film an Erwartungshaltungen die über drei Dekaden lang aufgebaut wurden gemessen, und fiel dadurch bei vielen Kritikern und Fans durch. Vielen missfiel vor allem die ästhetische Veränderung zu den Vorgängern, sowie die Besetzung von Asia Argento, die für den von ihr dargestellten Charakter schlichtweg zu alt wirkte und auch war. Alles Kritikpunkte, die ich persönlich nachvollziehen kann. Dennoch bin ich der Meinung, dass dieses Werk ein würdiger Abschluss der „Muttertrilogie“ ist. Der okkulte Hintergrund, das spannende Katz und Maus Spiel, die großartigen und hemmungslosen praktische Effekte, der meisterhafte Soundtrack von „Goblin“, sowie die albtraumhafte Darstellung einer Welt, die vor ihrem Abgrund steht und deren Schicksal in Rom entschieden wird, markieren einen Film, der trotz seiner Schwächen ein grandioser Genrebeitrag ist.
Der Autor
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Thorsten


Forum

  • Muttertrilogie

    Kenne davon nur SUSPIRIA, aber nach dem Lesen dieses Artikels hätte ich Lust und großes Interesse auch die 2 anderen Werke von Dario Argento anzuschauen...
    leandercaine_0fc45209c9.jpg
    06.11.2020, 05:23 Uhr
    • Trilogie

      Bekannt ist ja wirklich eher der erste Teil. Aber die restlichen beiden Filme solltet du dir wirklich anschauen.

      Danke übrigens, sehr toller Artikel.
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      23.11.2020, 09:29 Uhr