Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Ecken ohne Kanten

Kobergs Klarsicht: Ecken ohne Kanten

Politisch zu sein und gleichzeitig jedermanns Geschmack zu treffen, gelingt nicht einmal in Hollywood.
Adam McKays wunderbares Dick Chaney Biopic „Vice - Der zweite Mann“ macht’s wie die Marvel-Filme und schießt während des Abspanns noch eine Szene nach: Eine Fokusgruppe, die sich während des Films schon mit dem Irakkrieg befasst hat, diskutiert über die politische Schlagseite des Films. Das ist nicht nur schöner Meta-Humor, es ist auch recht gerissen, weil schon vorweg genommen wird, was an Diskussionen rund um einen Film wie diesen ohnehin entstehen würde: Grabenkämpfe um Begriffe wie „Propaganda“, „Fakten“ und „Deutungshoheit“.

Die politische Lage ist aufgeheizt. Und die großen Massenunterhalter wissen nicht recht, wie sie damit umgehen sollen. „Liberal“ ist in den USA zum Kampfbegriff geworden, gegen den sich Massen mobilisieren lassen. In Europa ziehen wir sprachlich nach. Die Diskussionen ähneln sich ja ohnehin. Und Hollywood steht – an den Äußerungen der Protagonistinnen und Protagonisten gemessen – ganz klar auf der liberalen Seite. Aber es soll schon auch Geld verdient werden. Und da beginnt das Dilemma.

Das Kino ist voll von unnachgiebig bezogenen Positionen. Aber umso teurer der Film, umso entscheidender ist üblicherweise das Box Office. Und da wird dann schon aufgepasst, dass möglichst wenig potenzielles Publikum vergrault wird. Oscargewinner „Green Book - Eine besondere Freundschaft“ scheint da so ein Kandidat zu sein. Da wird schön erzählt und durchaus auch reflektiert das Thema Rassismus angegangen, um dann als ein Ding der Vergangenheit dargestellt zu werden, das im zivilisierten Norden der USA ja schon in den 1960ern quasi überwunden war.

Dieses verlegene Pendeln um eine klare Position könnte – wenn man den Kommentaren glaubt – auch ein Grund für die gastgeberfreie Oscarverleihung 2019 sein. Die Academy wünscht sich eine Moderation, die schon ein bisschen edgy ist, aber dann doch niemanden erschreckt. Seth MacFarlane, John Steward und so viele andere haben es versucht – zu oft gefolgt von vereinzelter Empörung und schlechten Kritiken. Und jetzt mag’s keiner mehr machen.

Seit Trump, dem Brexit und dem fortlaufenden Rechtsruck in Europa, hat sich der Ton verschärft und der Graben in der gesellschaftlichen Mitte wird breiter. Es wird zunehmend schwerer, keine streitbare Position zu beziehen – ein Dilemma für die Traumfabrik, die doch die Massen glücklich machen will. McKays Ansatz, die Empörung über der bezogene Position schon im Nachspann losbrechen zu lassen, ist eine humoristische Variante des Umgangs damit. Aber wer weiß, wie kompliziert einfache Unterhaltung noch werden wird, wenn immer größere Gruppen überall politische Propaganda vermuten.