Kobergs Klarsicht
>Kobergs Klarsicht: Postcinema

Kobergs Klarsicht: Postcinema

Auf viele Kinobesuche folgt der kurze Sturm im emotionalen Wasserglas.
Unmittelbar nach dem Verlassen des Kinosaals ist da oft dieses Gefühl, etwas verändern zu müssen. Das mag nicht für alle gelten. Aber viele, die sich von Filmen mitreißen lassen, nehmen diese Beschleunigung noch für einige Augenblicke oder auch Stunden mit nach draußen, ins „reale“ Leben. Das mag die Bekannte sein, die damals nach „Die Akte Jane“ damit begonnen hat, auf einarmige Liegestütz hin zu trainieren; oder die Gruppe von Freunden, die nach „Hotel Ruanda“ wild entschlossen war, den Krisen und Konflikten in afrikanischen Staaten hierzulande mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Aufruhr ebbt üblicher Weise schnell wieder ab. Aber da war dieser Moment, in dem sich der Blick auf die Welt ein Stück weit verschoben hat.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Qualität des Films auf die Intensität der Unruhe danach wenig Einfluss hat. Zumindest dann, wenn mit Qualität das gemeint ist, wofür Kritikerinnen und Kritiker Sterne vergeben. Abgedroschene Sportfilme und verkitschte, romantische Komödien sind Meister des Emotionalisierens und können ähnlich vehement nachwirken, wie die „Dunkirk“s und „Still Alice“s dieser Welt. Oft geht es bei den Nachwirkungen auch nicht um neu erwecktes politisches Bewusstsein oder den plötzlichen Entschluss, das BWL-Studium zu schmeißen, um doch noch Profi-Wrestler zu werden. Oft geht man ganz einfach mit etwas höherem Haupt aus dem Saal, weil man sich von Katniss Everdeen inspirieren hat lassen. Oder ein Paar geht eng umschlungen nachhause, weil ihnen „Oben“ klar gemacht hat, wie schnell alles vorbei sein kann.

Die Intensität des Phänomens ist ebenso faszinierend wie die oftmalige Kurzlebigkeit. Es ist manchmal verblüffend, wie sehr wir uns als vermeintlich logisch agierende Menschen von einem gut erzählten Märchen durcheinanderbringen lassen. Und gleichzeitig werfen wir in diesen emotionalen Momenten gefasste Entschlüsse auch schnell wieder über Bord, wenn der Alltag sich zurückmeldet.

Filme bieten Möglichkeiten, kurz aus der Realität dieses Alltags auszubrechen. Und wenn sie dabei ein paar Augenblicke lang an unserem Weltbild, an unserer Wahrnehmung rütteln, sind sie ein wertvolles Erlebnis. Da lohnt es sich auch, die Phase danach ein bisschen hinauszuzögern und sich zu fragen, was denn da gerade warum in uns vorgeht.
Der Autor
Koberg2016
DerKoberg


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