Berlinale 2018
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Berlinale 2018 - Tag 10

Bei der großen Abschlußveranstaltung im Berlinale Palast wurden die Preise verliehen. Darunter der Dokumentarfilmpreis für Ruth Beckermann (Waldheims Walzer)
Am Samstag wurden nach neun Tagen Festival schließlich die Preise von den verschiedenen Jurys verliehen. Für Österreich besteht Grund zur Freude, der exzellente Dokumentarfilm von Ruth Beckermann, „Waldheims Walzer“, konnte den „Glashütte Original – Dokumentarfilmpreis“ verbuchen. Beckermann hatte bereits im Vorfeld mehrmals gewarnt, dass dieser Film sich auch als Warnung gegen den neu aufkeimenden Populismus verstehe, sowohl in Österreich als auch im Ausland.

Den Goldenen Bären konnte diesmal der rumänische Experimentalfilm „Touch Me Not“ verbuchen. Eine etwas unverständliche Entscheidung. Zwar hatte Jurypräsident Tom Tykwer gesagt, er suche nach neuen aufregenden Filmen, und als Begründung wurde auch genannt, dass der Film zeige was Kino noch werden könne, unterm Strich war der Film aber einfach nicht gut genug um diesen Preis zu bekommen. Viele Aspekte waren zu banal, die Verbindung der Handlungsaspekte etwas bizarr, der SM-Szenen etwas zu pseudo-provokativ. Intimität kann auch anders porträtiert werden. „Touch Me Not“ wäre eher ein „Alfred Bauer Preis“ Kandidat gewesen, da dieser ja neue Perspektiven eröffnen soll.

Diesen gewann ebenso überraschen der paraguayische Film „Las herederas - The Heiresses“. Der Film wirft zwar ein Licht auf das Leben in Asunción nach dem Staatsstreich 2012, bietet aber auch wenig Ungewöhnliches. Südamerikanische Film setzen sich häufig mit den problematischen politischen Zuständen vor Ort auseinander, auch ein lesbisches Paar als Protagonisten zu haben ist nur bedingt radikal neu. Der einzige ungewöhnliche Aspekt der Geschichte ist die Tatsache, dass ausschließlich Frauen Rollen in dem Film haben.

Beste Regie ging an Wes Anderson für „Isle of Dogs - Ataris Reise“, ein guter Film, aber nun mal Stop-Motion. Warum dieser Film daher den Regiepreis bekam etwas unverständlich, wenn auch das Gesamtkunstwerk stimmt. Ebenso hat „Museo“ als bestes Drehbuch bei einigen zu Verwirrung geführt, da er nicht als komplex genug empfunden wurde. Der Film hat jedoch neben seiner Mischung aus Genres auch viele tiefgründige Themen die er anschneidet und der Gewinn geht somit in Ordnung.

Auch die Darstellerpreise waren etwas überraschend. Anthony Bajon für „La prière - The Prayer“ und Ana Brun für „Las herederas - The Heiresses“ waren nicht unbedingt die Favoriten die in aller Munde waren. Gerade bei den Frauen war es schwer heuer einen Favoriten herauszupicken. Brun war etwas unter dem Radar geflogen, als Schauspielneuling kann man sich aber für sie freuen. Bei den Männern hatten die meisten eher auf Franz Rokowski getippt.

Aber es gibt auch noch die Preise die eindeutig verdient waren. „Dovlatov“ verdient den Bären für „Outstanding Artistic Contribution” im Bereich Costume and Production Design. Der Film fühlt sich zu keiner Minute wie ein Kostümfilm an, jedes Requisit wurde mühevoll gebaut und gestaltet. So ließen die Ausstatter sogar extra Tapeten im alten Sowjetstil drucken.

Der Silberne Bär ging sehr verdient an „Twarz (Mug)“ aus Polen, der beweist, das man ein dramatisches Thema auch mit viel Ironie anpacken kann und trotzdem Denkprozesse anstößt. Sehr märchenhaft gefilmt und mit sozialem Kommentar ist er ein würdiger Gewinner des Bären, meines Erachtens nach hätte er sogar ganz oben stehen sollen auf der Liste.

Von den Filmen die leer ausgingen, verwundert es bei „In den Gängen“ am meisten. Der Film war hervorragend bei der Presse angekommen und konnte auch in den kleineren Jurys einiges abräumen. Einige hatten auch auf Gewinne für „Transit“ und „Utøya 22. juli“, diese Filme waren jedoch gut gemacht, aber nicht herausragend als dass sie wirklich lange im Gedächtnis blieben. „Utøya 22. Juli“ wurde auch in erster Linie hinsichtlich der ethischen Frage diskutiert, ob es richtig war die Tragödie auf der norwegischen Insel in einen Spielfilm verpacken zu müssen. Der deutsche Tom Tykwer wird sich von seinen Landsleuten vermutlich auch in Zukunft anhören müssen, warum bei vier deutschen Beiträgen kein einziger irgendwas gewonnen hat.

Insgesamt war der Wettbewerb der Berlinale heuer etwas schwach, viele Filme eher im unspektakulären Mittelmaß verhaftet. Im Vergleich zum letzten Jahr, in dem die Favoriten für den Preis ziemlich früh feststanden, herrschte heuer ziemlich lange Ratlosigkeit und auch unter der Presse öfters mal nicht der Wille gewisse Film aufgrund der geringen Qualität auszusitzen. Nächstes Jahr ist Intendant Dieter Kosslicks letzter Einsatz als Berlinale-Chef und kam hoffen, dass da wieder besser kuratiert wird.

Die Autorin
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susn

Forum

  • Gratulation

    an das ganze UNCUT-Team!
    Ihr habt einfach top von der Berlinale berichtet.
    Ich hatte das Gefühl mit Euch dabei zu sein.
    Vielen Dank!
    leander-caine
    06.03.2018, 06:32 Uhr
  • Ein paar Randnotizen von den Nebenschienen

    Dieweil sich meine Kollegin an der Pressekonferenz der Preisträger beteiligte, hab ich Nebenschienenwastl derart entlastet meinen letzten Tag & Abend in Berlin genutzt um noch einmal so richtig Binge-Berlinaling zu betreiben.

    Aber erst gab es auch für mich eine Preisverleihung beizuwohnen: schon zu Mittag am Tag der Sektkorken stellten die unanbhängigen Juries ihre Preisentscheidungen der Presse vor. Eine Veranstaltung die besonders interessant ist, wenn einem kleinere Proktionen am Herzen liegen, die nicht so sehr in die Bahnen der Filmindustrie fügen.
    Sehr gefreut hab ich mich hier über den Sonderpreis der Ökumenischen Jury für einen meiner absoluten Favoriten "Styx". Ebenfalls ausgezeichnet wurde dieser Film von den der Gilde der Arthaus-Kinobetreiberinnen, was schon einmal das beste für den Vertrieb dieses nicht nur thematisch wichtigen, sondern vor allem künstlerisch beeindruckenden Werks hoffen lässt.
    Und obwohl man sein bestes getan hat, möglichst viel vom Festivalprogramm selbst anzusehen, werden bei Preisverleihnungen auch die Lücken sichtbar: der deutsche Beitrag "in den Gängen" hat gleich mehrfach abgeräumt. Bleibt zu hoffen dass man diesen bald in unseren regulären Kinos zu sehen bekommt.

    Ja und dann hab ich wie gesagt noch einmal durch die Kinos dieser Berlinale: "Waldheims Walzer" von Ruth Beckermann, "Drvo", ein sehr poetisch-meditativer Film von André Gil Mata....und dann...
    ...ja dann hat es sich einmal wieder begeben, das mein sogenanntes "Festivalwunder" begeben, nur alle paar Jahre wird es dem geneigten Filmfanaten zuteil: der allerletzte Film im 10tägigen Marathon, der, den man, völlig geschlaucht & auf Knien rutschend fast schon gestrichen hätte, ja genau der wurde mein absoluter Höhepunkt des diesjährigen Festivals: "La Enfermedad de domingo". Ein Film der nicht nur mir unter die Haut gefahren ist, auch der ausverkaufte Zoopalast hat am Ende erste inmal lange und bewegt geschwiegen. Ein magischer Moment. Aber mehr dazu in meiner hoffentlich bald folgenden Filmbesprechung dazu.
    596b
    25.02.2018, 20:40 Uhr