Berlinale 2018
#KlappeAuf bei der Berlinale

#KlappeAuf bei der Berlinale

Österreichische Filmschaffende starten einen Aufruf gegen Verhetzung und Entsolidarisierung
Bei einem Festival wie der Berlinale geht es nicht nur darum die neuesten Filme anzusehen, mindestens ebenso wichtig ist, dass die Branche Gelegenheit hat sich zusammenzufinden und auszutauschen. (Zu feiern übrigens auch, aber dazu bei anderer Gelegenheit).

Die anwesenden Filmschaffenden aus Österreich, die hier ihre neuesten Werke präsentieren, nutzten heute die einen Saal des Festivalkinos Cinemaxx, um der Presse die Plattform „Klappe auf!“ vorzustellen, die jüngst als Reaktion auf den österreichischen Regierungswechsel gegründet wurde. Am Podium: Ruth Beckermann („Waldheims Walzer“), Katharina Mückstein („L'Animale“), Michael Fischer („Styx“) und Ludwig Wüst („Aufbruch“).

Ganz am Anfang der Initiative stand ein offener Brief österreichischer Filmmenschen, ein „Aufruf gegen Verhetzung und Entsolidarisierung“. Bis heute Vormittag haben ihn 589 Personen mit unterschiedlichstem weltanschaulichen und künstlerischem Background unterzeichnet. Es reicht laut Ruth Beckermann nicht, sich auf das funktionieren der vorhandenen demokratischen Strukturen zu verlassen, denn „wenn wir nicht aufpassen, dann verlieren wir alles in den letzten 30 Jahren erreichte.“ Katharina Mückstein, weist - auch in ihrem neuen Film - darauf hin, dass es auch heute noch Privileg ist, in einer Gegend zu wohnen wo man auf die Straße gehen kann ohne Angst vor Diskriminierung wegen des eigenen „Andersseins“ zu haben. Und in einer politischen Stimmung wie heute könne dies bald möglicherweise auch ein großstädtisches Umfeld nicht mehr bieten.

Hör- und sichtbar will sich die Initiative, neben lautstarken Auftritten auf sozialen Plattformen und Diskussionspordien, vor allem durch das Videoprojekt „Wochenschau“ machen. Online sollen Filmschaffende regelmäßig Gelegenheit haben kurze aktuelle Arbeiten zu veröffentlichen. Aber auch mit großen Kinos ist man in Verhandlung um die Tradition des Vorfilmes wiederzubeleben und diese Form als Sprachrohr zu nutzen. Weiters arbeiten die Filmemacherinnen Anja Salomonowitz und Mirjam Unger an einer Projektionsreihe „Widerstandskino“ im Wiener Stadtkino. Filmische Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsperspektiven sollen auf die dortige Leinwand kommen.

Verschiedene Standpunkte haben die vier Diskutanten zur Frage, ob man versuchen soll, mit den für Kunst zuständigen Regierungsinstanzen zu kooperieren oder man jede Kommunikation verweigern und gänzlich in Opposition gehen soll. Konkreter Anlassfall: Minister Gernot Blümels Empfang hier bei der Berlinal, den kaum heimische Filmschaffende besucht haben. Die einen können sich keinerlei Kontakt mit freiheitlichen Regierungsmitgliedern vorstellen (Beckermann, Wüst), Katharina Mückstein will den Dialog nicht gänzlich ausschließen, allein schon um diesen „jungen Konservativen“ zu erklären, worum es beim Thema Gender denn überhaupt geht. Denn, dass da Bildungslücken vorlägen, sei offenkundig. Aus dem Publikum wirft jemand ein, Blümels Reaktion auf das Screening von Ruth Beckermanns Film über die Waldheimaffäre sei gewesen, er habe dabei „viel neues gelernt“, was für großes Amüsement im Saal sorgt. Auch wenn Blümel zugegebenermaßen damals erst 5 Jahre alt war, er hätte sich seither durchaus ein Buch zum Thema anschauen können (Beckermann).

Wichtigster Gegner der offenen, liberalen Gesellschaft ist jedenfalls die Gewöhnung an die neue Situation. Das Abfinden mit der Einschränkung gewonnener Freiheiten, offener Diffamierung, etwa von Journalisten durch Regierungsmitglieder oder auch nur der erpresserischen Medienpolitik der österreichischen Boulevardmedien. Denn dieses Mal sei das Land auf sich gestellt - im Gegensatz zu 1986 und 2000, wo der internationale Druck sehr groß war. Heute ist fast jedes der damals mahnenden Länder selbst mit rechtem Populismus beschäftigt. Und gerade darum brauche es Initiativen wie „Klappe auf!“

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deutobald

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