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>Kultphänomen „The Room“ in Graz

Kultphänomen „The Room“ in Graz

Oh hi, Graz! Steirische Fans von Tommy Wiseaus unfreiwilliger Trash-Perle und die, die es noch werden wollen, haben am morgigen Mittwoch die Gelegenheit, den Streifen auf der großen Leinwand zu sehen.
Ende der 90er-Jahre lernte der damals aufstrebende Jungdarsteller Greg Sestero während eines Schauspielkurses einen mysteriösen Mann namens Tommy Wiseau kennen. Zunächst war er verschreckt von dessen unfreiwillig komischen Over-the-Top-Schauspiel, seinem exzentrischen Auftreten und dem obskuren französisch und osteuropäisch klingenden Akzent. Doch schon bald war Sestero fasziniert von Wiseaus Furchtlosigkeit auf der Bühne.

Zwischen den beiden entwickelte sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Während Sestero es Schritt für Schritt schaffte als Schauspieler in Los Angeles Fuß zu fassen, konnte Wiseau aufgrund seines Verhaltens nur Spott und Hohn auf sich ziehen. Als Sestero dann auch noch anfing sich mit anderen Freunden zu treffen, fühlte sich Wiseau von seinem einzigen Freund betrogen. Um seine Wut der Industrie gegenüber zu verarbeiten, entschied er sich dazu ein Theaterstück zu schreiben, mit dem er die ganze Welt schockieren wollte. Kurzerhand entschied er sich dazu, sein Theaterskript in einen 500-seitigen Roman auszuweiten, konnte hierfür jedoch keinen Verlag finden. Nach seinen bisherigen Niederlagen entschloss sich der deprimierte Wiseau dazu, sein eigenes Werk in einen Film zu adaptieren, bei dem er selbst Regie und Drehbuch sowie die Hauptrolle übernehmen wollte.

Der fertige Film sollte von Johnny (Tommy Wiseau), einem Mann im mittleren Alter, handeln, der von einer jeden Person in seinem Umfeld geliebt wird und im Gegensatz zum echten Tommy zahlreiche Freunde hat. Hinter Johnnys Rücken hat sich jedoch dessen Verlobte Lisa in eine Affäre mit seinen besten Freund Mark gestürzt.

Trotz zahlreicher Ungereimtheiten im Plot, Handlungsnebensträngen, die sonst nie wieder im Drehbuch aufgegriffen werden, sowie Wiseaus gebrochenem Englisch bestand er darauf sein eigenes als Meisterwerk betiteltes Skript zu verfilmen. Als Name für sein Spielfilmdebüt wählte Wiseau „The Room“, wobei bis heute noch niemand wirklich verstanden hat, was es mit diesem Titel auf sich hat. Nach zahlreichen Versuchen schaffte er es sogar seinen trotz Streitigkeiten immer noch guten Freund Greg Sestero zu überreden, die tragende Rolle Mark zu übernehmen. Letzterer stand ihm bei der Produktion seines Films stets zur Seite.

Wiseau gelang es zunächst gar eine zum Großteil professionelle Crew für seinen Streifen zu engagieren. Gerade als der Dreh begonnen hatte, stürzte die Produktion jedoch bereits in großes Chaos. Obwohl Wiseau selbst die kreative Kontrolle über den Dreh haben und den Protagonisten verkörpern sollte, kam er zumeist erst Stunden nach dem restlichen Filmstab ans Set, vergaß stets seine selbst geschriebenen Dialogszenen und trieb mit seinem exzentrischen Verhalten nahezu die gesamte Crew in den Wahnsinn.

Im Laufe der Dreharbeiten verließen einige der ehemaligen technischen Mitarbeiter sowie sogar Schauspieler das Projekt und wurden ersetzt – der Kameramann gar mehrmals! Kreative Entscheidungen, wie beispielsweise für eine Dachszene einen gesamten Greenscreen aufzubauen, anstatt diese auf einem ebenfalls verfügbaren echten Dach zu drehen, oder die Tatsache, dass der Film unnötigerweise zur selben Zeit sowohl mit einer analogen als auch einer digitalen Kamera gedreht wurde (Tommy kannte den Unterschied beider Formate nicht), machte sämtliche Drehbeteiligte perplex. Hinzu kommt, dass Tommy anstatt sich technisches Equipment auszuleihen - wie es bei praktisch allen Filmproduktionen der Fall ist – sündhaft teure Gerätschaften aus eigener Tasche bezahlte.

Als „The Room“ 2003 wie ein Wunder tatsächlich fertiggestellt werden konnte, wurde ein Budget von insgesamt sage und schreibe 6 Millionen US-Dollar für Produktion und Marketing ausgegeben. Bis heute ist nicht bekannt, wie Wiseau eine derartig hohe Summe an Geld auftreiben konnte. Ein bestimmt nicht allzu kleiner Teil der Kosten ging für eine riesige Werbetafel drauf, die auf der häufig befahrenen Highland Avenue in Los Angeles platziert wurde, und dort über fünf Jahre hinweg aufgestellt war.

Nachdem der Premiere Mitte 2003, erhoffte der Großteil der Besetzung den Horror der Dreharbeiten nun in Vergessenheit geraten lassen zu können. Als Besucher der Premiere jedoch merkten, dass der Streifen auf Grund seiner Skurrilität und strunzdummer Unstimmigkeiten im Plot unfreiwillige Komik erzeugen konnte, verlangten einige Leute nach mehr Vorstellungen. Mithilfe der Werbeanzeige verbreitete sich die ungewollte Faszination des Films wie ein Lauffeuer. Nach einer Zeit war der Hype derartig groß, dass Kinos anfingen den Film in Rahmen sogenannter Midnight Screenings im Monatstakt zu zeigen, vielerlei Leute anfingen kultverdächtige One-Liner wie „You are tearing me apart, Lisa!“ auf und ab zu zitieren und gar eigene Rituale für Fanscreenings (z.B. das legendäre Löffelwerfen) kreiert wurden.

Um die unglaublichen Ereignisse hinter den Kulissen zu schildern, schrieb Co-Darsteller und langjähriger Freund Wiseaus Greg Sestero diese für einen auto-biographischen Roman nieder, den er 2011 veröffentlichte und „The Disaster Artist“ betitelte. Das urkomische, aber zugleich auch überraschend inspirierende Buch rund um die Entstehungsgeschichte hinter „The Room“ fand sogar seinen Weg bis nach Hollywood, wo es unter Regie von James Franco (der ebenfalls die Rolle des Tommy Wiseau übernommen hat) verfilmt wurde . „The Disaster Artist“ staret kommenden Dezember in den US-Kinos.

Der Hype hinter „The Room“ scheint nun endlich - langsam aber sicher - auch nach Mitteleuropa rüber zu schwappen. Wer den modernen Trash-Klassiker schon immer mal umgeben von einem Kinopublikum genießen wollte, hat morgen, am Mittwoch, dem 04.10., dazu die Gelegenheit. Im Rahmen der bereits zweiten Grazer Trash-Reihe – organisiert vom steirischen Kreativunternehmen „Unter freiem Himmel“ – flimmert das ‚Disasterpiece‘ nämlich morgen um 19:00 über die Leinwand des Grazer Rechbauerkinos.

Zu guter Letzt bleibt mir da nur noch zu sagen:
Anyway, how’s your sex life?
Der Autor
chros
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