Heidi@Home
>Heidi@Home: Die Bottle-Episode

Heidi@Home: Die Bottle-Episode

Was die Aristotelische Einheit mit der Struktur einer TV-Serie zu tun haben kann
Eine sogenannte „Bottle-Episode“ einer TV-Serie ist quasi ein Kammerspiel. Es kommen meist nur die Hauptdarsteller vor und wie Aristoteles es sich schon für das griechische Drama gewünscht hat, herrscht eine Einheit von Zeit, Raum und Handlung. Das bedeutet: Echtzeit-Handlung, oft wird sogar ohne Schnitte durchgehend gefilmt, in einem ausgewählten Setting. Bottle-Episoden machen oft aus der Not, nämlich der Not mit dem Budget, eine Tugend. Man muss nicht Unsummen ausgeben, um besonders viel Action oder visuelle Effekte zu erzeugen, sondern bleibt ganz bei sich und konzentriert sich auf seine Protagonisten und ihre Dialoge.

Manchmal findet man einen äußeren Vorwand, wieso die aktuelle Folge so reduziert ist, wie sie ist, etwa bei der Serie „United States of Tara“, bei der sich in einer Folge nach einer Tornado Warnung die Charaktere in einen Schutzbunker zurückziehen. Oder bei der Krimiserie „Bones“, als eine Leiche bei der Obduktion giftige Gase entwickelt und das Analyseteam daraufhin unter Quarantäne gestellt wird. Die ohnehin schon Echtzeit-Serie „24“ hat sich in ihrer fünften Staffel nochmal selbst beschränkt, als das Hauptquartier Opfer eines Giftgas-Anschlages wird.

Manchmal sind die Bottle-Episoden aber auch weniger dramatisch. Sehr schön und Arthouse-like etwa die Folge „The Conversation“ der Serie „Mad about you“, als Paul und Jamie schon ihr Baby haben. Und das ist auch zugleich der Aufhänger: die beiden wollen Mabel lernen, alleine einzuschlafen; offenbar haben sie das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gelesen, das darauf beruht, das Baby für immer längere Zeiträume alleine im Bett weinen zu lassen, damit es lernt, sich selbst zu beruhigen. Jamie ist überzeugt von dieser Methode, während Paul seine Schwierigkeiten damit hat, seine Tochter weinen zu hören und nichts dagegen zu tun. Die Kamera ist gegenüber der Tür zu Mabels Zimmer positioniert und bewegt sich während der ganzen Folge nicht; der Dialog ist ohne Unterbrechung gefilmt, was man daran merkt, dass kleine Versprecher der Schauspieler als solche belassen wurden. Das stört auch nicht, im Gegenteil, es erhöht den Realismus. Als Zuseher fühlt man sich als jemand, der einen Moment im Leben eines Paares beobachtet, der sehr unspektakulär, aber gerade deshalb auch sehr intim ist.

Die Seinfeld-Folge „The Chinese Restaurant“ ist ein weiteres gutes Beispiel für eine Bottle Episode. Jerry, Elaine und George (Kramer fehlt in dieser Folge) wollen vor dem Kino chinesisch essen gehen, allerdings hat niemand einen Tisch reserviert. Die ganze Folge lang warten sie nun, dass sie endlich einen Sitzplatz bekommen, während der Kellner ihnen permanent versichert, in nur fünf Minuten werde es soweit sein. Die Folge ist quasi die Quintessenz der „Show about nothing“, wie sich „Seinfeld“ gerne selbst bezeichnet. Denn es passiert tatsächlich so gut wie nichts. Elaine ist vor lauter Hunger übellaunig, Jerry sieht im Restaurant eine Frau, die ihm bekannt vorkommt, deren Name ihm allerdings nicht einfallen will und George möchte – in der prä-Smartphone Ära – mit seiner neuen Freundin telefonieren, aber andauernd schnappt ihm jemand das öffentliche Telefon weg. Die Folge endet, wie könnte es anders sein, mit einem Anti-Klimax.

In der Serie „Friends“ gibt es ebenfalls ein gutes Beispiel, die Folge „The one where no one is ready“. Ross hat einen Vortrag zu halten und kommt vorbei, um die Freunde abzuholen, doch obwohl nicht mehr viel Zeit ist, hat noch niemand begonnen sich umzuziehen, abgesehen von Phoebe, die als Einzige fertig ist, was nur kurz Erleichterung bedeutet. Monica wird am Telefon aufgehalten, Rachel sagt, sie werde sicher in fünf Minuten fertig sein, sobald sie sich entschieden habe, was sie anziehen werde und Joey und Chandler haben einen Streit, im Zuge dessen sie versehentlich Phoebes Kleid schmutzig machen. Ross wird immer nervöser, zu guter bzw. schlechter Letzt bleibt auch noch seine Uhr stehen. Das Timing in dieser Folge ist unheimlich präzise, und macht sie zu einer der Kult-Folgen dieser Serie.

Unvergessen ist auch die Bottle-Episode „The Limo“ aus der Serien „How I met your mother“. Während „Friends“ prinzipiell eher auf die Einheit von Zeit und Raum konzentriert ist, lebt HIMYM ja per definitionem von Flashbacks und selbstreferentiellen Bezügen. Daher ist es sehr ungewöhnlich, die Freunde dabei zu erleben, wie sie den Silvesterabend in einer Limousine verbringen, auf dem Weg von einer Party zur nächsten, ausgestattet mit Barneys „Get Psyched“ CD-Mix. Ich kann Bon Jovis „You give love a bad name“ seitdem nicht mehr hören, ohne an diese Folge zu denken.

Fallen Euch noch andere beeindruckende Bottle-Episoden ein?
Die Autorin
heidi
Heidi@Home


Forum

  • HIMYM

    "The Limo" wäre mir nicht als Bottle-Episode aufgefallen. Es gibt einige Nebenrollen (Ranjid, Moby, Teds Date, Barneys Date, Robins Freund), einige Szenen mit Statisten im Hintergrund, einige "Außenaufnahmen" von NYC (vermutlich im Studio gedreht), dampfende Kanaldeckel, fahrende Autos, ...
    Unter einer HIMYM-Bottle-Episode stelle ich mir vor, dass nur die 5 Freunde oder weniger in einer bestehenden Kulisse (z. B. Teds Wohnung) agieren.
    Banner_Batterien
    15.09.2017, 13:09 Uhr
  • Community

    Also da fällt mir die (sowieso schon geniale) Serie „Community“ ein, in der es die geniale Folge „Cooperative Calligraphy“ gab, in der alle in der Schulbibliothek sitzen und den Dieb eines Stiftes suchen. Abed erwähnt in der Serie auch, dass er sich wie in einer Bottle-Episode vorkommt.
    treadstone71
    13.09.2017, 10:08 Uhr
    • Bottle-Episode über Bottle-Episode

      Das besondere an 'Community' ist aber auch, dass die Serie ja fast ausschließlich aus Bottle-Episoden besteht. Sei es nun eine der vielen Paintball-Folgen, 'Abeds Uncontrollable Christmas: in Claymation-Optik, die GI Joe-Folge oder natürlich die legendäre Folge' Remedial Chaos Theory' mit den verschiedenen Timelines, um nur ein paar zu nennen. Aber das ist natürlich einer der Gründe, warum 'Community' so großartig ist. ;-) #sixseasonsandamovie
      chros
      13.09.2017, 11:31 Uhr
    • Cool

      Tolle Beispiele! :-)
      heidi
      14.09.2017, 07:39 Uhr
    • Die bekannteste

      Bottle-Episode ist wohl die Breaking Bad Folge "Fly", ein Raum, die zwei Hauptdarsteller und eine Fliege.
      Community besteht zum Großteil aber nicht aus Bottle-, sondern Genre-Episoden.
      IMG_20150201_195309
      14.09.2017, 11:48 Uhr