Kobergs Klarsicht
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Kobergs Klarsicht: Sichtweisen

3D und VR verändern die Art, wie wir Filme sehen und fordern die Kreativität der Erzählenden.
Ich weiß nicht, wie es anderswo ist. Aber in meiner sozialen Blase ist 3D-Kino eine größtenteils sinnbefreite Verteuerung des Filmgenusses. Und die 3D-Option neuerer Fernseher wird – wenn überhaupt – einmal ausprobiert und dann vergessen. In Diskussionen über die neue Dimension der Unterhaltung fällt ab und an ein „aber Avatar!“ und damit war’s das.

In meiner Wahrnehmung können gut eingesetzte 3D-Effekte die eine oder andere Szene zu einem intensiveren Erlebnis werden lassen und ein paar wenigen Filmen – mir fällt dazu immer „Resident Evil: Retribution“ ein – gelingt es, durch die 3D-Optik eine ganz eigene Ästhetik zu entwickeln, die davor unmöglich gewesen wäre. Die überwiegende Mehrheit der Filme ist mit 3D genauso gut oder schlecht wie ohne.

Während Filmschaffende also weiter darüber brüten, ob mit dieser Technologie etwas grundsätzlich Relevantes anzufangen ist, hat mit der Markteinführung leistungsfähiger VR-Brillen ein weit spannenderer Perspektivenwechsel begonnen. Während 3D-Filme uns weiterhin dazu zwingen, dem Blick der Regisseurin oder des Regisseurs zu folgen (weil ja auch alles andere unscharf ist), schenken uns VR-Brillen die Möglichkeit, uns umzusehen. Das ist kein aufgesetzter Effekt, sondern ein Sprengsatz im Fundament klassisch filmischer Inszenierung. Plötzlich wird mir nicht mehr vorgeschrieben, wo ich hinsehen soll und während ich die Gräser beobachte, die sich im Wind wiegen, passiert womöglich hinter mir der entscheidende Dolchstoß.

Wenn hier mit ähnlichem innovativem Eifer zu Werke gegangen wird wie bei den meisten 3D-Filmen, entstehen Unterhaltungs-Erlebnisse, die mit wachsender Zahl recht schnell an Anziehungskraft verlieren. Was es braucht sind findige Köpfe, die neue Formen der Bildsprache und des Geschichtenerzählens entwerfen; wieder ein bisschen näher am Theater, das den Blick weit weniger rigide lenkt als der Film – aber dann eben doch wieder ganz anders.

Erste, kleine Blüten hat diese neue Form des Films, etwa mit Eugene Chungs „allumette“, bereits getrieben. Ob sich das zu einer weitläufigen Blumenwiese auswächst, hängt zum einen davon ab, wie gut sich die VR-Brillen tatsächlich verkaufen und zum anderen natürlich von Erzählerinnen und Erzählern, die bereit sind, die Kunst des Geschichtenerzählens wieder einmal auf den Kopf zu stellen.
Der Autor
Koberg2016
DerKoberg


Forum

  • 3D VR

    Ich muss ja zugeben, dass ich anfangs auch noch von 3D begeistert war und sogar Filme nur angeschaut habe weil ich 3D sehen sollte (Beowulf). Mittlerweile muss ich mich da wohl eher Leander Caine anschließen, weil 3D einfach keinen Mehrwert bringt und ganz im Gegenteil das Kinoerlebnis sogar stört.

    VR hat ein noch viel größeres Potential aber auch viele Risiken. Es ist natürlich spannend plötzlich mitten in einer Geschicht zu sein. Aber dann muss eine Geschichte auch genau darauf abgestimmt und dafür gemacht sein. Dann könnte so etwas funktionieren. Für den Großteil der heute im Kino gezeigten Geschichten und auch für den Großteil der Kinobesucher wird aber VR wohl nichts sein...
    uncut
    22.06.2017, 08:36 Uhr