Kobergs Klarsicht
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Kobergs Klarsicht: Muss man kennen

Gibt es sie noch, die Filme die jeder und jede gesehen hat?
Wozu ist das? Das ist blaues Licht. Und was macht es? – Wer sich auf einer Seite wie dieser herumtreibt, kann die Frage wahrscheinlich beantworten, weiß wohl auch, wer sie gestellt hat und assoziiert damit eventuell sogar die Dialogtiefe eines ganzen Genres. Filmzitate entwickeln häufig eine Eigendynamik, verbreiten sich rasanter, als die Filme aus denen sie stammen und funktionieren über lange Zeit hinweg als verbale Memes. „I sag’s glei. I woar’s ned!“ ist wohl bekannter, als der Opa aus „Muttertag“, der diese Sätze geprägt hat. Zumindest in meiner Generation. Denn vermeintlich zeitlose Zitat-Klassiker verschwinden dann doch oft schneller wieder aus dem kollektiven Gedächtnis, als eine gerade noch junge Generation akzeptiert, ihre popkulturelle Relevanz schon weitgehend verloren zu haben.

Während Filmbegeisterte in ihren Diskussionen generationenübergreifend immer wieder auf dieselben alten Schinken und zum Standardwerk avancierten Geheimtipps zurückkommen, ist die Liste der Filme, die einfach jeder kennt, kurzlebig und schwer zu fassen. Wenn es sie überhaupt noch gibt. Denn die unerschöpfliche Quelle legaler und illegaler Streaming-Dienste hat die Verfügbarkeit aller nur denkbaren Filme und Serien derart ausgeweitet, dass es das gemeinsame Fernseh-Erlebnis im Grunde nicht mehr gibt. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat schon das Satelliten-Fernsehen gebracht, als plötzlich nicht mehr nur zwischen zwei Sendern mit sich regelmäßig wiederholenden Filmen ausgewählt werden konnte. Aber die damals nahezu unendlich anmutenden Sender-Listen der 90er sind, verglichen mit Netflix, Amazon Prime und all den anderen Streaming-Angeboten wie die Laufleine des Vorstadt-Retrievers im Gegensatz zu den Weiten des Kaukasus für den eurasischen Wolf.

Die Zeiten, als Lehrerinnen und Lehrer am Spiel der Kinder am Schulhof erkennen konnten, was am Abend zuvor auf ORF1 gezeigt wurde, sind schon lange vorbei; und vielleicht eben auch die Jahre, in denen ich Karate-Techniken mit Verweisen auf die „Matrix“ erklären konnte. Eine Zeit lang war ich der Meinung, die entsprechenden Filme einfach nicht mehr zu kennen, die man hemmungslos auf und ab zitieren kann, ohne sich erklären zu müssen. Aber heute glaube ich, es gibt sie nicht mehr. Das Angebot ist einfach zu groß, als dass alle dieselben Filme sehen würden. Ich leide immer noch ein bisschen mit, wenn ich jemanden dabei beobachte, wie er oder sie nach einer Terminator-Referenz in lauter fragende Gesichter schaut. Aber wenn der eine oder andere misslungene Jedi-Witz das Maximum ist, dass ich dafür bezahlen muss, beim Fernsehabend nicht nur zwischen CSI Miami und Las Vegas wählen zu können, dann soll’s eben so sein.
Der Autor
Koberg2016
DerKoberg


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