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Heidi@Home
Heidi@Home: Die Lust an der Provokation

Heidi@Home: Die Lust an der Provokation

Joko und Klaas‘ GoslingGate & andere Provokationen in der deutschen Late Night Unterhaltung
Kürzlich wurde in Hamburg die Goldene Kamera verliehen, der wichtigste Preis im deutschen Fernsehen wie Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die beiden Protagonisten der Late Night Show Circus HalliGalli sagen. Und weil das nun mal der wichtigste (im Sinn von jedenfalls breitenwirksamste) Preis ist, hätten sie den auch noch gerne, bevor sie ihre Show im Juni beenden. Aber wie das anstellen? Dazu ist den beiden etwas wirklich Geniales eingefallen und wer #GoslingGate noch nicht gesehen hat, dem kann ich nur empfehlen, das nachzuholen. Denn in dieser Ausgabe von CHG setzen sie in Szene, wie sie es geschafft haben, den Münchner Koch Lukas Lehner als Ryan Gosling Double in die Show zu schleusen, die goldene Kamera zu holen und ihnen zu widmen. Und das ist spannender als ein Krimi, nervenaufreibend bis zum Ende, dramaturgisch durch Musik und Kameraführung richtig künstlerisch gestaltet.



Und eine Menge Chuzpe braucht es natürlich auch. Und nebenbei entzaubern Joko und Klaas gleich mal die ganze Veranstaltung im Vorbeigehen. War das geplant? Ist das eine kalkulierte Provokation? Wenn man das Gosling-Gate verfolgt, so erkennt man, eigentlich geht es ihnen darum, etwas wirklich Sehenswertes auf die Beine zu stellen, eine Challenge mit sich selbst anzustellen. Als ihr Chefredakteur sie fragt, ob sie keine Angst haben geklagt zu werden, antwortet Klaas: „Wofür? Für witzig?“. Erst als der Redakteur einwirft: „Für Betrug“ dämmert es ihm merkbar. Denn: Joko und Klaas schaffen es nicht nur, Ryan Gosling in letzter Minute in die Show einladen zu lassen, es gelingt ihnen auch, dass die goldene Kamera eigens einen Preis für ihn (bzw. „La La Land“) zu Verfügung stellt und, dass er ohne jegliches Vorab-Briefing, zu seinen Konditionen (eigene Crew, nicht auf den roten Teppich, Anreise erst während der Show, keine nennenswerte Sicherheitskontrolle) die Veranstaltung besuchen darf. Weil er angeblich eben gerade in der Stadt ist und gerne einen Preis gewinnen möchte. Das sagt, bei aller Witzigkeit, eben auch eines über die Veranstaltung und Mechanismen der Preisvergabe aus. Oder wie Klaas am Ende sagte: nach der Oscarverwirrung hat „La La Land“ dank ihnen doch noch den Preis als bester Film bekommen. Den die beiden jetzt allerdings an die Redaktion der goldenen Kamera zurückschicken müssen. Ein mediales Lehrstück in mehreren Akten und auf verschiedenen Ebenen.



Ähnliches konnte man auch letztes Jahr verfolgen, wenn auch mit weit ernsteren Konsequenzen. Unter dem Titel „Causa Böhmermann“ wurde das von Jan Böhmermann vorgetragene satirische Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan bald weit über Deutschland hinaus bekannt. Während der Rezitation haben Böhmermann und sein Side Kick bereits wiederholt dargestellt, dass dies kein satirischer Vortrag sei, wie das Kollegen machen würden, die damit nicht geklagt werden können, sondern ein Schmähkritik, die sehr wohl klagbar wäre. Das Ganze nimmt sich quasi als self-fullfilling prophecy aus, weil nach der Sendung genau das passiert. Böhmermann versucht in seiner Sendung, die Grenzen von Satire und Meinungsfreiheit auszuloten und gerät damit ins Visier eines autoritären Staatspräsidenten, auch Bundeskanzlerin Merkel beurteilt das Gedicht als „bewusst verletzend“ und lässt eine Strafverfolgung zu, was ihr einiges an Kritik einbringt, und sie selbst im Nachhinein als Fehler bezeichnet. Jan Böhmermann erhält in der Folge Morddrohungen und stellt seine Sendung NeoMagazin Royale für einen Monat ein. Er bekommt allerding nicht nur Gegenwind, sondern auch breite Unterstützung aus verschiedenen Länder, wie auch beispielsweise vom ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, der selbst zuvor satirische Zielscheibe von Böhmermann war. Böhmermann hat es also geschafft, durch einen Beitrag in seiner Sendung, die von einer kleinen Minderheit gesehen wird, eine Diskussion über Zensur in der Kunst in ganz Europa zu entfesseln.

Wenn man über Provokation in der deutschen Late Night Unterhaltung schreibt, so kommt man natürlich am quasi Erfinder, Harald Schmidt, nicht vorbei. Anfangs hatte sich die Show stark an amerikanischen Vorbildern orientiert, später entwickelte Schmidt seinen eigenen Stil, oft mit sehr intellektuellen, fast schon dadaistischem Anspruch. Kritiker haben es manchmal auch mangelnde Vorbereitung genannt; die Grenzen mögen fließend sein. Anlässlich eines Miles Davis‘ Abend moderierte Schmidt eine ganze Show mit dem Rücken zum Publikum als Hommage an den Musiker. Eine Ausgabe der HSS wurde komplett auf Französisch gestaltet („Show en Francaise“), während einer anderen Ausgabe sah man für den Großteil der Sendung ein altes Radiogerät und die Show wurde im Stil einer Radiosendung gestaltet. Schmidt spielte Thomas Bernhard nach und stellte mit Playmobilfiguren beispielsweise die Geschichte von Ödipus dar. Harald Schmidts Provokation bestand mitunter darin auszutesten, was das Publikum bereit war, mitzugehen. Das konnte auch minutenlanges Schweigen beim Nüsse knacken sein.

Nicht jede Provokation zündet, der Grat zwischen witzig und geschmacklos ist manchmal schmal und manchmal geht auch etwas ordentlich daneben. Aber letztendlich macht es das auch spannend und herausfordernd für uns, das Publikum. Der Schriftsteller Stewart O’Nan wurde einmal gefragt, ob er beim Schreiben quasi manchmal die Schere im Kopf hat, und sich überlegt, etwas nicht zu schreiben und er hat darauf geantwortet, natürlich gäbe es diesen Widerstand in ihm selbst, aber genau der sei auch ein Indiz dafür, dass man etwas Gefährliches gefunden hätte, was den Leser bewegen werde. Ich denke, darum geht es in der Kunst ganz allgemein immer. Es ist es also durchaus wert, nicht immer auf Nummer sicher zu gehen.