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Wie Mary Tyler Moore dabei half, dem Feminismus und der feministischen TV-Serie den Weg zu ebnen
Vergangene Woche ist die Schauspielerin Mary Tyler Moore achtzig jährig gestorben. Sie war Golden Globe Preisträgerin und 1981 für den Film „Eine ganz normale Familie“ für den Oscar nominiert gewesen. Ihre große Popularität – und viele Emmys – verdankt sie aber ihrer eigenen TV-Serie, die sie nach ersten Erfolgen in der „Dick Van Dyke Show“ gemeinsam mit ihrem Mann produzierte. Die Serie ist nach ihr selbst benannt und heißt deshalb schlicht „Mary Tyler Moore“. Sie lief von 1970 bis 1977 und war in vielen Belangen ziemlich außergewöhnlich.

Ich habe die Serie das erste Mal gut zwanzig Jahre nach Ausstrahlung der Finalfolge gesehen. RTL verstecke sie damals im Nachprogramm und es ist einem wohl nur als Studentin möglich, regelmäßig um ein Uhr nachts fernzusehen. Dazu ist zu sagen, dass der Look der Serie wesentlich verstaubter wirkte als der gesellschaftliche Anspruch, den sie stellte. Das spürte man auch in den neunziger Jahren noch. Und auch 2017.

Denn: zu Beginn der Serie ist Mary Richards (Tyler Moore) eine Frau um die dreißig, die sich von ihrem Verlobten getrennt hat und auf Arbeitssuche ist. Sie bewirbt sich als Sekretärin bei einem Nachrichtensender, nachdem dieser Job allerdings schon vergeben ist, wird sie nach dem Vorstellungsgespräch kurzerhand als Produzentin der „Six o clock News“ angestellt. Schon alleine diese Prämisse ist außergewöhnlich: Mary Richards ist Singe. Sie lebt alleine. Sie nimmt einen anspruchsvollen Job an, der sehr ungewöhnlich für Frauen zu dieser Zeit erscheint. Sie ist um die dreißig und kinderlos, für damalige Verhältnisse kein Alter in dem die biologische Uhr vielleicht langsam zu ticken beginnt, sondern eher Zeit für absolute Torschlusspanik.

Das beeindruckt Mary herzlich wenig. Zwar schließt sie eine Ehe und Familie nicht aus, sie ist aber auch nicht krampfhaft auf der Suche danach. Im Laufe der Serie datet sie verschiedene Männer, doch etwas wirklich Ernstes wird nie daraus. Und Mary lebt damit sehr gut. Sie hat auch vorgesorgt und nimmt die Pille, wie in einer Folge deutlich wird, als Mary bei ihren Eltern zu Gast ist und die Mutter sie daran erinnert: „Don’t forget to take your pill“. „I won‘t“, ist Marys nüchterner Kommentar. Nicht nur, dass sie bewusste Familienplanung praktizierte, nimmt das auch die eigene Mutter, nochmal eine Generation älter, ganz selbstverständlich hin. 2017 ist das nichts Aufregendes mehr, ich denke aber, dass so ein Dialog für Anfang der Siebziger Jahre ungefähr so revolutionär war, wie für uns Anfang der 2000er die Taxifahrt in „Sex in the City“, in der Charlotte angibt, keinen Analverkehr zu mögen und dort auf der Rückbank des Taxis mit ihren Freundinnen eben diese Problematik erörtert. Ohne Mary Tyler Moores Pionier-Arbeit hätten die Damen aus „SatC“ sicher deutlich weniger offensichtlichen Spaß in New York gehabt.

Mary Tyler Moore

Auch in weiterer Folge greift „Mary Tyler Moore“ immer wieder Themen auf, die so zu dieser Zeit im Fernsehen noch nicht erläutert worden waren. Mary muss etwa einmal eine Nacht im Gefängnis verbringen, weil sie einen Informanten nicht preisgeben wollte, Whistleblowing und investigativer Journalismus, also, Dinge, die auch aktuell in aller Munde sind. Mary freundet sich in der Zelle mit ihren Mit-Insassinnen an, die alle Prostituierte sind. Gemeinsam finden sie heraus: die Frauen wurden alle eingesperrt, um sie davon abzuhalten, ihren Job zu machen. Tina Fey hat vergangene Woche in diesem Zusammenhang gesagt, dass die Serie „30 Rock“ stark von „Mary Tyler Moore“ beeinflusst ist, weil es eine „Workplace“-Sitcom war, bei der der Job eben nicht nur ein Nebengeräusch war, sondern wo es tatsächlich um eine Frau am Arbeitsplatz geht, im Spannungsfeld der Medien, mit allen Problemen und Herausforderungen. Etwa, als Mary in einer Folge herausfindet, dass ein Kollege mehr verdient als sie und engagiert gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordert.

Dabei ist Mary Tyler Moore aber ganz und gar Frau. Sie pflegt eine enge Freundschaft zu ihrer Nachbarin Rhoda, sie hat Sinn für Mode und Styling, sie ist witzig, selbstkritisch, belesen und warmherzig. Sie kommt sehr gut mit ihren männlichen Kollegen aus, die in der Redaktion natürlich in der Mehrzahl sind, alle gehen auf Augenhöhe miteinander um. Kritischer Diskurs ist möglich, ebenso wie gemeinsam miteinander etwas trinken zu gehen. Wenn man heute auf Social Media Plattformen lesen kann, Feminismus heiße Männer zu hassen, dann kann man nur den Kopf schütteln über so viel reaktionären Backlash, ja mehr noch: die Verkennung dessen, worum es wirklich geht. Man könnte auch sagen: Schlag nach bei Mary Richards. Es geht nicht darum, gegen etwas zu kämpfen, sondern für etwas. Für Freiheit, Selbstbestimmung, die Möglichkeit zu haben, diejenige zu sein, die man sein möchte, genau wie das Männer auch wollen. Oder wie Lena Durnham, Produzentin und Hauptdarstellerin der Serie „Girls“ und großer Fan der Serie „Mary Tyler Moore“ es sinngemäß im „New Yorker“ formuliert hatte: ich wollte alles, aber nicht auf Kosten meines Glücks oder meiner Freiheit. Und: „I knew I was a Mary. There are lots of us.“
Die Autorin
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