Kobergs Klarsicht

Kobergs Klarsicht: Männerblicke

Manchmal sind Frauen in Filmen zu schön, um wahr zu wirken.
Ein zentraler Unterschied zwischen europäischem und US-amerikanischem Kino ist die Menge an schönen Frauen. Ich bezweifle, dass sich das objektiv feststellen lässt, aber ich stelle es als Behauptung in den Raum: Natürlich gibt es auch wunderschöne Darstellerinnen in europäischen Filmen, aber Übersee gibt es so gut wie keine Ausnahme. Und wenn, dann ist es Melissa McCarthy, die in Wahrheit natürlich auch hübsch ist. Aber eben nicht so dünn wie die anderen.

In der feministischen Filmkritik ist viel vom „Male Gaze“ die Rede, vom „männlichen Starren“. Die Übersetzung holpert ziemlich, aber gemeint ist die Tatsache, dass sehr viele Filme den heterosexuell männlichen Blick auf die Welt und ganz besonders auf Frauen wiedergeben. Für visuelle Lerntypen empfiehlt es sich jetzt „Male Gaze“ und „Transformers“ zu googeln. Da fühlt man sich dann als heterosexueller Mann dann ein bisschen ertappt. Die Transformers-Reihe macht eben keinen Hehl daraus, dass Frauen hier nicht zu Handlung, sondern zum Lustgewinn des überwiegend männlichen Publikums beitragen.

Trotz aller berechtigter Kritik an der Darstellung von Frauen in den Unterhaltungsmedien ist gegen die Freude am Beobachten schöner Schauspielerinnen natürlich nichts einzuwenden und auch die Männer bewegen sich in US-Filmen fast ausnahmslos weit über dem durchschnittlichen Attraktivitäts-Level. Insgesamt variieren weibliche Film-Figuren aber weit weniger als ihre männlichen Gegenüber. Und wenn dann einmal ungewöhnlichere Frauenrollen besetzt werden müssen, kommen trotz allem die üblichen Schönheiten zum Zug.

Das befeuert nicht nur die feministische Kritik, sondern schadet ab und an auch den Filmen. Etwa Tate Taylor’s „Girl on the Train“. Dort beobachtet eine eifersüchtige Alkoholikerin (Emily Blunt) zwei Frauen in ihren scheinbar perfekten Leben. Und das Hin und Her zwischen Eifersucht und Sehnsucht könnte so viel nuancierter dargestellt werden, wenn die Inszenierung nicht so platt auf der Schönheit der jungen Frauen aufgehängt würde. Sie sind jung. Sie sind schön. Sie werden geliebt. Mehr Erklärung braucht es doch nicht!

Stärker noch findet sich das Phänomen der zu schönen Frau in Jim Jarmuschs neuestem Film „Paterson“. Hier erzählt er von einem dichtenden Busfahrer und seiner kreativen Frau. Während sie zuhause malt, musiziert, träumt und Cupcakes bäckt, schreibt er im Bus Liebesgedichte. Und während er (Adam Driver alias Kylo Ren) sich die Zuneigung des Publikums durch seine verträumt verschlossene Art erst erarbeiten muss, ist sie (Golshifteh Farahani) ab dem ersten Bild so wunderschön, dass das als Erklärung für seine Liebe schon zu genügen scheint. Dass Jarmusch – detailverliebt wie er ist – viele andere gute Gründe für diese Liebe liefert, wäre bei weniger Fokus auf klassisch weibliche Schönheit wohl besser zur Geltung gekommen.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • (fe)male gaze

    den lüsternen blick gesteht man mittlerweile auch frauen zu - von marlon brando im unterleiberl bis zum unmotiviert entblößten oberkörper in twilight: ein extrazuckerl insbesondere aber für filme, die sonst nicht viel zu bieten haben.
    wer andrerseits auf "anspruchsvoll" macht und seine oscar-chancen gewahrt sehen will, ist mit charakterstudien hässlicher menschen (von monster bis zu den ausgemergelten körpern AIDS-kranker) besser beraten.
    aber auch hier gilt: hässlich sein darf man nur im film - nicht auf dem red carpet.
    InstaFun_2013-9-3_jpg(5)
    24.11.2016, 18:15 Uhr
  • Paterson

    Feministische FilmtheoretikerInnen kritisieren an der Darstellung von Frauen im Film (besonders beim "male gaze") ja hauptsächlich, dass sie so stark sexualisiert und objektiviert werden. Bei Paterson ist mir durchaus aufgefallen, dass die Darstellerin hübsch ist, aber als Objekt männlicher Begierde hab ich sie nicht empfunden. Auch wenn meine feministischen Alarmglocken bald mal läuten, muss ich gestehen, dass diese bei Paterson gar nicht angeschlagen haben.
    image
    24.11.2016, 01:44 Uhr
  • Höher, besser, schöner...

    Leider ist es wirklich so: etwas fürs Auge muss immer dabei sein. Alles muss besser, schneller, actiongeladener und schöner sein als die Konkurrenz. Aber auch männliche Hauptdarsteller trifft man öfters oben ohne an. Besonders lustig finde ich dann immer die Fotos der Schauspieler im Urlaub, wenn man sieht, dass sie eben doch echte Menschen sind und keine Cyborgs aus der Hollywood-Fabrik.
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    23.11.2016, 20:17 Uhr