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Heidi@Home: Crisis in Six Scenes

Nomen est Omen heißt es leider für die erste TV-Serie von Woody Allen
Ich setze mich vergangene Woche erwartungsvoll vor das TV-Gerät, wählte Amazon Prime, suchte in der Serienliste, fand die neue Woody Allen-Produktion „Crisis in Six Scenes“, seine erste Fernsehserie, mit der er nach eigener Aussage lange gerungen hatte, und drückte gespannt auf Start.

Die erste Szene spielt auf einem Tennisplatz. Sofort kommt Allens Thriller „Matchpoint“ ins Gedächtnis. Vater und Sohn liefern sich ein Match, wobei über die Zukunft des Sohnes gesprochen wird, der sich im zweiten Studienjahr befindet. Der Vater appelliert an seinen Leistungswillen. Vater und Sohn sind übrigens Juden, auch ein Klassiker bei Allen. Bald darauf fällt ein jüdischer Witz. Alles anscheinend gar nicht so untypisch für Woody Allen. Dann eine doch außergewöhnliche Szene: Der Vater bricht zusammen und im Bewusstsein, möglicherweise zu sterben, beschwört er den Sohn, nur ja mehr aus seinem Leben zu machen als er selbst. Er, der Vater, hätte beispielsweise lieber jemand anderes geheiratet als die Mutter seines Kindes. Nämlich die Asiatin Soon-Yi.

Da ist man als Zuschauer doch etwas überrascht. Denn, man erinnert sich, Woody Allens damalige Ehefrau Mia Farrow hat sich 1992 von ihm getrennt, weil sie eine Affäre zwischen Allen und der (nicht gemeinsamen) Adoptivtochter Soon-Yi vermutet hat. Wie man weiß, sind Woody Allen und Soon-Yi bis heute ein Paar. Ich staunte. Ich hätte Allen gar nicht zugetraut, so ein heißes Eisen – es war ein unglaublicher Skandal damals – zu thematisieren und sich selbst damit ziemlich durch den Kakao zu ziehen.

Aber ich empfand diese Offenheit als durchaus positiv. Und auch sonst unterhielt mich die erste Folge dieser Serie sehr gut. Die meiste Handlung spielt sich in einem Country Club in New Jersey ab, wo der vorher angesprochene Sohn jobbt. Eine klassische Coming of Age Geschichte, neben den Jungstars mit guten arrivierten Schauspielern wie Paul Reiser, Jennifer Grey und Richard Kind besetzt. Launig erzählt, wenn auch für Woody Allen etwas untypisch in den 1980-er Jahren spielend. Aber toll, so dachte ich, dass er sich auf neues Terrain gewagt hatte. Nach den durchwachsenen Kritiken zu „Crisis in Six Scenes“ war ich durchaus positiv überrascht von dem, was geboten wurde.

Nun kommt das große Aber. Am Ende der Folge kein Woody Allen in den Credits. Weder unter Regie, noch unter Produktion. Mir kamen erste Zweifel. Und bei der Rückkehr ins Hauptmenü von Amazon Prime wurde es traurige Gewissheit: ich hatte nicht die erste Folge der Woody- Allen Serie gesehen, sondern den Piloten von „Red Oaks“, einer Serie, von der ich bis dato noch gar nichts gehört hatte. Jedenfalls eine völlig andere Baustelle. Ich muss zugeben, ich war im ersten Moment doch ziemlich enttäuscht.

Serienbilder

Dennoch gab ich dann auch „Crisis in Six Scenes“ eine Chance, penibel bei den Anfangscredits überprüfend, ob ich wohl diesmal die richtige Produktion gewählt hatte. Aber das war eigentlich nicht notwendig, denn schon in der ersten Szene trat Woody himself auf und eröffnete seinem Friseur, dass er nun eine TV-Serie schreiben würde. Der Friseur meinte, das sei ja einfach. Ich denke, nachdem der Friseur „Crisis in Six Scenes“ gesehen hat, würde er zu einem anderen Urteil gelangen.

Das Hauptproblem der Serie ist nämlich: sie ist gar keine. Vielmehr handelt es sich um einen der schwächeren Woody Allen Filme, relativ willkürlich in sechs Teile aufgeteilt. Cliffhanger, eine ausgeklügelte Struktur oder eine dramaturgische Klammer sucht man hier vergebens. Wenn wenigstens dafür der Stoff restlos überzeugen wurde. Aber das tut er nicht wirklich. Man glaubt weder so richtig, dass man in den sechziger Jahren gelandet ist, noch ist der Plot wirklich stimmig. Miley Cyrus als Mitglied einer Rebellengruppe, die Allen und seine Familie zu Revoluzzern machen soll?

„Crisis in Six Scenes“ ist weniger ein stimmiges Gesamtkunstwerk als eine Mischung aus vielen kleinen Szenen, die als komisch konzipiert sind, aber nicht so richtig zünden wollen. Ein gutes Beispiel ist die Szene, in der Allen und seine Frau nachts aufwachen und einen Einbrecher im Haus vermutet. Das minutenlange leicht hysterische, vor allem aber enorm umständliche Gezeter ist viel mehr manieriertes Gehabe, als wirklich zündendes Gag-Feuerwerk. Aber irgendwie muss man die Zeit ja füllen.

Seine nächste Krise sollte Woody Allen wieder lieber auf der großen Leinwand ausfechten. Ich schalte inzwischen zu „Red Oaks“.
Die Autorin
heidi
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