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Heidi@Home: #OscarsSoWhite vs. Chris Rock

Heidi@Home: #OscarsSoWhite vs. Chris Rock

Rückblick auf eine gelungene und politische Oscarnacht mit zahlreichen Überraschungen.
Eine der spannendsten Oscarnächte der jüngeren Geschichte liegt hinter uns. Ein Abend, der auch showtechnisch zu den gelungeneren der letzten Zeit gehört.

Chris Rock hostete zum zweiten Mal die Awards und nachdem sein erster Auftritt im Jahr 2005 nicht gerade zu den Glanzleistungen der Oscarmoderationen gehörte, weil er Schauspieler eher diffamierte als sich elegant über sie lustig zu machen, war seine Leistung am vergangenen Sonntag auf der Höhe der Zeit. Rock hatte die nicht ganz einfache Aufgabe, die Kontroverse um die #Oscarssowhite Problematik zu kommentieren und bei diesem heiklen Thema zeigte er wesentlich mehr Fingerspitzengefühl. So kritisierte er den subtilen Hollywood-Rassismus recht deutlich und betonte, dass in den 50er und 60er-Jahren die Schwarzen noch keine Zeit hatten, dagegen zu protestieren, sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich nicht missbrauchen und lynchen zu lassen. Andererseits sah er auch die Weinerlichkeit mancher sehr gut im Geschäft stehender Kollegen kritisch. Über Will Smith‘ Ehefrau Jada, die die Awards aufgrund der Nicht-Nominierung ihres Mannes für „Erschütternde Wahrheit“ absagte, meinte er sinngemäß, das sei zwar betrüblich, betrüblich sei aber auch, dass Smith für den Western-Flop „Wild Wild West“ eine Gage von fast 20 Millionen Dollar bekommen hätte.

Nachdem Standup räumte George Millers visionär-schräge Endzeitkracher „Mad Max: Fury Road“ praktisch alle Auszeichnungen in den technischen Kategorien ab. Auf Twitter wurde auch der Sieg von „Ex Machina“ in der Sparte „Beste visuelle Effekte“ erstaunt zur Kenntnis genommen, hat er da doch u.a. den neuesten „Star Wars“ Teil geschlagen. Das deutete schon darauf hin, dass mit noch mehr Überraschungen zu rechnen war. Die nächste folgte bald, in Form des Oscars für den besten Song an Sam Smith für den Bond-Titel „The Writings on the wall.“ In einer nicht repräsentativen Umfrage in meiner Umgebung konnte ich feststellen, dass niemand diesen Song wirklich mag. Und auch im Auditorium wurde es betroffen-ruhig, hatte man doch die Auszeichnung von Diane Warren und Lady Gaga (Für „Till it happens to you“) erwartet.

Leider traf eine weitere Überraschung auch den – nach DiCaprio – zweiten sentimentalen Favoriten des Abends, Sylvester Stallone. Für seine quasi Lebensrolle, Rocky, musste er sich letztendlich doch dem Nebendarsteller in „Bridge of Spies - Der Unterhändler“, Mark Rylance, geschlagen geben. Nur Minuten später postete Stallone-Freund Arnold Schwarzenegger ein kleines Video auf Instagram, in welchem er beteuerte, dass er, Stallone, für ihn dennoch der Beste bleiben würde. „I am proud of you“, schloss Schwarzenegger. Eine schöne Geste.

Nach den Auszeichnungen in den Schauspielerkategorien – neben DiCaprio gewann erwartungsgemäß Brie Larson für ihre Rolle in „Raum“ – wurde es beim Oscar für die beste Regie wieder sehr spannend. Und wie schon im letzten Jahr (für „Birdman“) machte Alejandro G. Inarritu das Rennen. Der mexikanische Regisseur sagte in seiner Dankesrede, an seinen schulterlangen Locken zupfend, dass Hautfarbe bald so egal sein sollte wie die Länge der Haare. Innaritu musste dabei gegen das schon lange vor sich hin spielende Orchester ankämpften, Ennio Morricone zuvor (und jetzt mit 87 der älteste Oscargewinner für „The Hateful 8“) durfte sich viel Zeit mit seiner auf Italienisch vorgetragene Rede lassen.

Morgan Freeman präsentierte schließlich den besten Film und auch hier wieder eine echte Überraschung: Die sehr klassisch erzählte Aufdecker-Geschichte rund um ein Team von investigativen Print-Journalisten, das unter dem Namen „Spotlight“ operiert, macht das Rennen. Spotlight deckte 2001 sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche von Boston auf, und das Drama nach einer wahren Begebenheit kann sich damit gegen die starke Konkurrenz durchsetzen. Das geht in Ordnung, der Film ist zwar nicht sehr innovativ, wartet aber mit einem hervorragenden Cast auf und macht das, was er tut (im Stil von „All the Presidents Men“) sehr professionell und fesselnd, ohne reißerische Untertöne anzuschlagen. Das hat der Jury anscheinend besser gefallen, als das große Racheepos („The Revenant“) auf der einen, bzw. die schräge Betrachtung der Immobilienkrise in den USA („The Big Short“) auf der anderen Seite.

Zum Schluss noch zum - für mich - besten „Showblock“ des Abends, Chris Rock interviewt in Compton, einem Vorort von L.A. schwarze Kinobesucher, konfrontiert sie mit der weißen Oscardebatte und fragte sie nach ihren persönlichen Filmvorlieben. Alle haben das für das beste Drehbuch nominierte „Straight Outta Compton“ gesehen und geliebt. In den Interviews spürt man ihre Begeisterung und tatsächlich einen Hauch der angestrebten Diversity. Dann ist selbst Rock sprachlos. Als er eine schwarze Kinobesucherin nach dem besten „weißen“ Film des vergangenen Jahres fragt, nennt sie das (von der Kritik arg zerzauste) Pitt/Jolie Beziehungsdrama „By the Sea“. Chris Rock daraufhin: „Wow. Even THEY* won’t say that“

*) Nicht einmal Pitt und Jolie würden ihren eigenen Film als besten Film des Jahres bezeichnen.

Wie haben Euch die Oscars gefallen?
Die Autorin
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Heidi@Home


Forum

  • nach den Oscars ist vor den Oscars...

    Ich sah den Oscars dieses Jahr gelassen entgegen, da ich (so gut wie) keinen der nominierten Filme bis jetzt gesehen habe. Ich fieberte nur ganz stark mit einer Person mit: Leonardo DiCaprio! Und ich hätte es fast nicht geglaubt, als ich es dann Montag Früh im Radio hörte: er hat es geschafft und die kleine goldene Statue mit nach Hause genommen! Ich freue mich sehr darüber. Im Laufe des Nachmittags sah ich mir dann ein paar Videos an und muss dir zustimmen, Chris Rocks Show war wirklich gut gemacht und hat auf charmante und neckische Weise jedem ein Lächeln auf die Mundwinkel gezaubert. Danke auch für deine tolle Zusammenfassung des Abends! Ich freue mich schon darauf, die einzelnen Filme zu sehen, und bin gespannt, ob The Revenant wirklich besser Leonardo's darstellende Künste zeigt, als seine Vorgänger, bei denen er bestimmt auch schon des öfteren gewinnen hätte können.
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    01.03.2016, 17:46 Uhr
    • Leo will go on ...

      Wie schon so oft in der Filmgeschichte hat Leo eben diesmal den Oscar bekommen, obwohl es sicherlich nicht sein bester Film oder seine beste Leistung war. Es war einfach heuer die Zeit gekommen, weil the Revenant genug Spin aufgebaut hatte. Ich freue mich für ihn und mit ihm. Viel besser war er in Scorseses Aviator gewesen und in Wolf of Wall Street war er eine Wucht. Aber selbst Scorsese musste lange auf seinen Oscar warten. Den Filmsong fand ich einfach langweilig, keine Ahnung, was die Voter da wohl geritten hat. Mad Max Fury Road habe ich bis heute nicht gesehen.
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      02.03.2016, 19:52 Uhr