Müll Mates
Müll Mates - Fury

Müll Mates - Fury

Senad bereitet das Wort „Fury“ schlaflose Nächte und ermutigt die Müll Mates dazu, sich Filme anzusehen, die besagten Begriff im Titel tragen. So tritt etwa The Hoff als eines von zahlreichen verbindenden Elementen der willkürlich zusammengewürfelten Filme ans Tageslicht.
Liebe Müll Mates,

Ihr bekommt sicher so viele Leserbriefe, dass es unmöglich ist alle zu beantworten. Aber da ich schon einmal das Glück hatte - und dieser Brief sogar im Rahmen eurer Kolumne veröffentlicht wurde - versuche ich es einfach noch einmal.

Mich beschäftigt in den letzten Tagen und Wochen nichts mehr, als ein Wort, das im Kino (und im Web) derzeit inflationär verwendet wird und das, so vermute ich, einiges mit eurem Fachgebiet zu tun hat: „Fury“. In vielen englischen Wörterbüchern als „Wut“, „Zorn“ oder „Rage“ übersetzt, finde ich es aktuell immer öfter im Kino: „Fast & Furious 7“, „Mad Max: Fury Road“ als aktuelles Mad Max-Abenteuer und „Kung Fury“ als Internet-Sensation. Zumindest die zuletzt genannten zwei Titel stehen ja in einer gewissen Trash-Tradition, oder? Wenn man nach weiteren Titeln des Zorns und der Rage sucht, findet man viele Filme – nahezu ausschließlich im Genre des Tiefen und Anspruchsfernen verhaftet. Ist das Zufall? Nicht erwähnenswert? Oder ist der Begriff der Rage, der ja so etwas wie ein brutales Verhalten jenseits jeglicher (Selbst)Kontrolle ist, etwas das sich ganz natürlich in ein Verständnis von Trash-Tradition einschreibt?

Sollte es euer Zeitplan erlauben, würde ich mich sehr über eine Antwort freuen, denn nichts bereitet mir aktuell mehr schlaflose, von komplexen Gedanken bestimmte Nächte, wie der Begriff „Fury“.

Auf's Gemeinwohl,
Euer Fan,
Senad

PS: falls ihr Autogramm-Anfragen beantwortet - ich würde mich sehr über ein signiertes Foto von euch freuen
Liebe Freunde des schlechten Geschmacks,

die erste Frage, die ich mir zu dem Thema stelle, ist, warum ab dem sechsten Teil der „Fast & Furious“-Reihe bei den Originaltiteln das „Fast“ aus dem Titel gestrichen wurde. Fury bzw. furios kommt ursprünglich aus dem Lateinischen (furiosus) und bedeutet wütend oder rasend. Im Bezug aufs Autofahren macht es also dementsprechend Sinn, das „Fast“ wegzulassen, da es redundant erscheint. Zu rasen ohne schnell zu fahren ist wohl wie Bier ohne Alkohol zu trinken. Der neueste Teil „Fast & Furious 7“ hebt sich nicht sonderlich von den anderen ab, abgesehen davon, dass er über 1 Milliarde weltweit eingespielt hat. Da können unsere Helden mit noch so vielen Autos ausgestattet mit Fallschirmen (ja, nicht an den Menschen, sondern an den Autos sind diese angebracht) aus einem Flugzeug springen, der Hauptgrund des Erfolgs ist freilich der tragische Tod des Hauptdarstellers Paul Walker (er verunglückte ironischerweise bei einem Autounfall). Der letzte Film der einspieltechnisch in ähnliche Gefilde vorstieß und ebenfalls den Tod eines Darstellers zu verkraften hatte, war „The Dark Knight“. Dieser Film spielt im Gegensatz zu „Furious 7“ in der Filmhistorie allerdings eine nicht unerhebliche Rolle, hob er nämlich Comic-Verfilmungen auf eine komplett andere Ebene und hat den Weg für andere Filme dieser Art, beispielsweise die aktuellen Marvel-Verfilmungen, geebnet. Apropos Marvel-Verfilmungen und um beim Thema zu bleiben: Für „Agent Nick Fury - Einsatz in Berlin“ aus 1998 hat „The Dark Knight“-Co-Autor David S. Goyer das Drehbuch verfasst. Dieser Film ist allerdings Trash vom Allerfeinsten. Damals war noch keine Rede von Marvels Cinematic Universe und der Hauptdarsteller ist niemand geringerer als David Hasselhoff, der seine Rolle als eine Art Snake Plissken aus John Carpenters „Escape“-Reihe interpretiert. Was offensichtlich erschient, ist, dass er sich mit dem Charakter um einiges schwerer tut, als heutzutage Samuel L. Jackson. Aber Patrick, was sagst du eigentlich zu dieser Hasselhoff-Perle?

I've been looking for freedom,
J
Lieber Senad,
Seavas J,

zuerst einmal möchte ich mich bei Senad für die wunderbare Anregung bedanken. Bisher haben wir uns ja meist mit thematisch zusammenhängenden Themen befasst. Den Begriff „Fury“ als Ausgangspunkt einer trash-historischen Reise herzunehmen ermöglicht eine neue Herangehensweise – eine völlig willkürliche. Natürlich gefällt mir das! Mit Querschnitten durch die Filmgeschichte können so Filme gegenüber gestellt und miteinander verglichen werden, die ansonsten wohl nie in ein und demselben Satz genannt werden würden. Erstaunliche Parallelen werden sichtbar. Aber nun zum Meisterwerk (wieder einmal) „Agent Nick Fury - Einsatz in Berlin“, in dem der Hoff genauso motiviert und spielfreudig wirkt wie Prinz Valium beim Bockschauen. Das wenige Budget das die Fernsehverfilmung hatte, wurde in Kulissen und ein paar wenige Spezialeffekte gesteckt. Viel trashiger geht‘s beinahe nicht. Aber bereits hier lässt sich ein Element erkennen, das gleich mehrere Fury-Filme miteinander verbindet. Nämlich Deutschland und Nazis. Nick Fury muss sich hier genauso mit dem Dritten Reich herumschlagen, wie Brad Pitt im pathetischen Panzerfilm „Fury“ („Herz aus Stahl“) und der Held im Mega-Trash-Spektakel „Kung Fury“, der in der Zeit zurückreist, um gegen den „großen“ Kung Fu-Meister „Kung Führer“ zu kämpfen – Nazi-Trash pur, der durch lustige Oneliner, perfekter 80s-Optik, Dinosaurier und Thor punkten kann. Im Rahmen des Kung Fury Crowdfunding Projekts entstand auch das Hasselhoff-Musikvideo „True Survivor“. Hier schließt sich einer von vielen Kreisen um das ominöse Wort „Fury“. Auch in der ebenso stark beginnenden wie stark nachlassenden Ping-Pong-Komödie „Balls of Fury“ muss sich der Protagonist mit einem Tischtennis-Champion aus der DDR herumschlagen. Nächster Funfact: „Balls of Fury“ hat eine ähnliche Ausgangssituation wie die Tanz-Rom-Com „Cuban Fury“. In beiden Filmen sind die Protagonisten als Kinder Champions (Tischtennis und Salsa), geben ihre Passion aber aus persönlichen Gründen auf und werden fett.

Aber zurück zu dem auch von Senad erwähnten Faktor Wut: Fury-Filme erzählen oft von Menschen in Krisensituationen. In „Mad Max: Fury Road“ zeigt sich die Krisensituation in der sich die Menschheit befindet durch das postapokalyptische Setting deutlich. In „Fury“, „Kung Fury“ und „Nick Fury“ findet die Krise im Zweiten Weltkrieg ihren Ausgangspunkt. „Fist of Fury“ (Todesgrüße aus Shanghai) erzählt von der Besetzung Chinas durch Japan und in „Balls of Fury“ glänzt Christopher Walken als Tischtennis-Diktator. Totalitäre Systeme und Führerkult scheinen eine furiose Herangehensweise zu provozieren. Sie verlangen einen „Angry Young Man“, der festgefahrene Konventionen zerschlägt. So wie zum Beispiel Bruce Lee in „Fist of Fury“. Oder auch einen Helden wie Mad Max, der den Ärger bereits im Namen trägt und gerne den Schwachen gegen übermächtige Bösewichte hilft. Was ist dir bei näherer Betrachtung der willkürlich zusammengewürfelten Fury-Filme so aufgefallen, J?

Tank you,
P

P.S. Wir haben Hackerman damit beauftragt dir unsere Autogrammkarten in den Postkasten zu hacken. Die Karten sind auch schon an deiner Adresse angekommen. Allerdings hat sich Hackerman leider im Jahrhundert geirrt, was leider bedeutet, dass sie erst in 100 Jahren ankommen werden. Hackerman lässt ausrichten: „I'm sorry“. Aber vielleicht kann dir Thor ja weiterhelfen.
Liebe Freunde des schlechten Geschmacks,

ins Auge sticht durchaus auch, dass in den jeweiligen Fury-Filmen nicht nur männliche Protagonisten zu sehen sind, sondern ihnen auch in gewisser Weise eine patriarchale Struktur innewohnt. Exemplarisch dafür soll die Verlobte von Bruce Lee in „Fist of Fury“ genannt werden, die sich nur darauf freut, dass die ganzen Konflikte zu Ende gehen, er endlich seiner Arbeit (um natürlich der oberste Lehrer einer Martial Arts-Schule zu sein) nachgehen und sie zuhause auf ihre zukünftigen Kinder schauen und für ihn kochen kann. Dabei ist das Wort Fury pikanterweise tiefgreifend mit dem Weiblichen verbunden. Um wieder in die Etymologie zu gehen: Anfänglich leitet sich das Wort nämlich von den Furien, also den Rachegöttinen der griechischen Mythologie ab. Diesen Wortstamm nimmt sich eben der neueste Mad Max, nämlich Fury Road, zu Herzen. Abgesehen davon, dass er anhand seiner Actionszenen als neuer Meilenstein des Actionkinos angesehen werden kann – der sich durchaus in einer Linie mit „Stirb langsam“, „Terminator 2 - Tag der Abrechnung“ oder „Matrix“ befindet – bedeutet er für Frauenrollen in diesem Genre eine Revolution. Die Titelrolle, Tom Hardy als Mad Max, ist auch im restlichen Film, wie in einer der ersten Szenen, nichts weniger wie eine Kühlerfigur. Die wahre Heldin ist nämlich Charlize Theron als Furiosa, die in einer postapokalyptischen Umgebung die Frauenwelt rächt. Um auf Senad seine Frage des Trashs im Fury-Begriff zurückzukommen: Auf der formalen Ebene wirkt der neueste Mad Max freilich nicht so trashig, wie seine Vorgänger, doch nimmt er einige Stilmittel derselbigen in sich auf. Zeitraffer-Sequenzen bekommt man bei hochproduzierten Filmen normalerweise nicht zu sehen; Regisseur George Miller setzte trotzdem auf diese Beschleunigung mancher Actionsequenzen. Auch die anderen besprochenen Filme sind durchaus dem schlechten Geschmack zuzuordnen. Schon alleine, dass in „Balls of Fury“ Christopher Walken einen chinesischen Tischtennis-Narren spielt, zeugt von einer Absurdität, die aus dem Trashkino stammt. Eine weitere politisch inkorrekte Komponente ist jene des blinden Tischtennis-Meisers, der unseren Protagonisten trainiert. Dessen Sehbehinderung ist Basis für eine Reihe von Witzen, wie beispielsweise, dass dieser mit männlichen Prostiuierten unter der Annahme, dass es weibliche wären, schläft. Abgesehen davon, ist aber mit „Kung Fury“ ohnehin der Trashfilm der letzten Jahre entstanden, der den Fury-Begriff ohnehin für längere Zeit mit dem „schlechten“ Kino in Verbindung bringen wird.

The president of what?,
J
Der Autor
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Müll Mates


Forum

  • schlechtes kino?

    bei kung fury kommt man doch ins grübeln: über den unterschied zwischen "movies" und "bewegten bildern" - und ob man dieses machwerk überhaupt als "kino" bezeichnen darf...
    r2pi_f4e09adb6c.jpg
    10.06.2015, 23:33 Uhr
    • kino - fernsehen - youtube - games

      ja, ich bin grundsätzlich auch der erste, der kino als einen ort sieht, an dem film anders (nämlich "richtig") erlebt wird. heutzutage ist das kino aber durch das digitale bild (leider) immer mehr an andere bewegtbild-formate (fernsehen, internet) angeglichen.
      dass die trennlinie nicht wirklich scharf ist sieht man eh am erwähnten film: "kung fury" schaut in weiten teilen aus wie ein videospiel und spielt auch mit der ästhetik. beispielsweise in cannes wurde er trotzdem im kino gezeigt.
      josko_8282916b00.jpg
      11.06.2015, 11:36 Uhr
    • inhalt

      um ein missverständnis zu vermeiden: ich beziehe mich auf den "inhalt", nicht auf das format (auch wenn ich bei einer gamingseite auf kung fury gestoßen bin) – kino und TV gleichen sich inhaltlich wie qualitativ gesehen immer mehr an: tolle TV-(mini)serien einerseits, andrerseits hollywood-produktionen, die immer öfter den schrottfilmen der (früheren) cannon group gleichen. weil der zuschauer schluckt's eh... der schwachsinn von kung fury ist da bloß ein plakatives beispiel. (btw, dass der tatsächlich im kino gezeigt wurde, ist imho kein ruhmesblatt für cannes).

      aber vielleicht fällt einem von euch eine – ernst gemeinte – positive rezension ein?
      r2pi_f4e09adb6c.jpg
      11.06.2015, 21:43 Uhr
  • DANKE!

    Großen Dank für diesen furiosen Diskurs!
    Ich kenne mich aus und kann nun wieder schlafen.
    Prost!
    themovieslave_d00814b111.jpg
    10.06.2015, 22:45 Uhr
  • Filmtipps

    Danke für den tollen Artikel. Ich glaube, da sind ein paar Filme dabei, die ich mir demnächst mal anschauen muss :-)
    schifferl_8ecab76654.jpg
    10.06.2015, 20:12 Uhr
  • Do not forget BLIND FURY

    Oder auf Deutsch BLINDE WUT ist eine Perle der Filmgeschichte: Rutger Hauer und Sho Kosugi liefern sich ein unvergessliches Duell und bereichern die FURY-Filmgemeinde :-)
    leandercaine_0fc45209c9.jpg
    10.06.2015, 13:59 Uhr
  • Furios :-)

    Habe eure Kolumne mal wieder mit Vergnügen gelesen, sehr spannende Zusammenstellung! Immer weiter so!
    lex217_0d8e49e998.jpg
    10.06.2015, 13:00 Uhr