Berlinale 2015
Berlinale Classics

Berlinale Classics

„Restaurierte“ Filmklassiker in digitaler Form inklusive Mehrkanalton
2013 wurde die Berlinale um die Präsentation der sogenannten Berlinale Classics erweitert. Damit ist ein Forum für Erstaufführungen von digital restaurierten Filmklassikern geschaffen worden. Heuer im Programm der Inbegriff eines Bond-Films „Goldfinger“ und die exzellente Truman Capote Verfilmung „Kaltblütig“ als 4K-DCP, sowie Ulla Stöckls essayistischer Film „Neun Leben hat die Katze“ und der Stummfilm „Varieté“ aus dem Jahre 1925 als 2K-DCP.

Grundsätzlich ist jede Erhaltung und Verfügbarmachung von filmhistorisch bedeutsamem Material natürlich zu befürworten. Trotzdem kann man die Form der Filme der Berlinale Classics-Schiene durchaus kritisch sehen. Angefangen bei der Restaurierung, die eigentlich bedeutet, den Originalzustand von Objekten mit z.B. Alterserscheinungen wiederherzustellen. In allen anderen Kunstformen wird das auch ernst genommen. Im Film hingegen hat man oft das Gefühl, dass die Werke gar nicht restauriert – also in die Ursprungsform gebracht –, sondern scheinbar verbessert und erneuert werden. Vielmehr, als dass ein Werk restauriert wird, wird es saniert. Am Ende vieler digitaler Überarbeitungen von Kinoklassikern kommt der Film meist in einer Form daher, wie er es noch nie getan hat (zumal er digital projiziert wird), sodass er von den heutigen Seh- und Hörgewohnheiten hinsichtlich der Bild- und Tonqualität nicht abweicht.

Vor der Aufführung von „Kaltblütig“ gab der für die Restaurierung Verantwortliche Filmarchivar eine kleine Einführung. Dabei erwähnt wurde, dass „Kaltblütig“ nun endlich so ausschauen würde, wie es sich der Regisseur des Filmes damals schon gewünscht hätte. Ein etwas überhöhtes und provokantes Beispiel: Man stelle sich vor, ein Restaurator überarbeitet ein Werk Picassos und zieht einen Pinselstrich nach, da Picasso damals selbst nicht damit zufrieden gewesen sein soll. Richtig: Das würde keiner machen, ungeachtet dessen, wie glücklich der Künstler gewesen ist oder nicht. Das Werk ist nun einmal so in die Kunstgeschichte eingegangen. Schlimm genug, dass es Filmemacher wie George Lucas gibt, der seine Filme selbst im Nachhinein digital vergewaltigt.

Allerdings soll hiermit keineswegs die Arbeit von Film-Restauratoren minder geschätzt werden, die durchaus großartige und notwendige Arbeit verrichten. An und für sich sehe ich auch kein großes Problem mit digital „sanierten“ Filmen, so lange das Originalmaterial erhalten und konserviert bleibt. Die Bild- und Tonqualität – so sehr ich hier auch teilweise dagegen anschreibe – von den beiden Filmen, die ich in dieser Schiene anschauen durfte, nämlich „Goldfinger“ und „Kaltblütig“, habe auch ich beeindruckend gefunden. Und wenn eine solche nach heutigen Maßstäben hochwertige Präsentation junge Menschen dazu bringt, sich mit der Filmgeschichte auseinanderzusetzen, ist weiter Gutes getan. Die Befürchtung bleibt jedoch, dass dies auch dazu beiträgt, dass analoge Projektion – selbst in Kinos, die sich mit historischen Filmen auseinandersetzen – vollends ausstirbt.

Das Gerücht, dass digitale Medien länger präserviert werden können als analoge, lässt sich ja bekannter Weise nur schwer bekämpfen. Es gibt natürlich viele analoge Filme, welche die Zeit dahingerafft hat. Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass es unzählige gut gelagerte analoge Filme aus der Anfangszeit des Kinos, beginnend im Jahre 1895, gibt, dessen Filmrollen nachweislich immer noch abgespielt werden können – die also über ein Jahrhundert überdauert haben. Das soll ein digitales Format erst einmal nachmachen.
Der Autor
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Josko

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