Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Schneider auf Speed

Kobergs Klarsicht: Schneider auf Speed

In den Schneideräumen herrscht der Eifer und so werden viele Filme immer schneller – zu Freud und Leid des Publikums.
Über Michael Bay zu schimpfen ist unter Cineastinnen und Cineasten eine recht sichere Sache. Widerspruch gibt es in diesem Zusammendhang selten und wenn, dann verweisen die Verteidiger des Blockbuster-Regisseurs („Transformers“, etc.) auf Filme aus Zeiten, in denen Handys noch Antennen hatten. „The Rock“ war ja auch tatsächlich ein guter Action-Streifen.

Ein zentraler Prozess der künstlerischen Weiterentwicklung des Herrn Bay passiert ganz offenkundig in Zusammenarbeit mit einem Pool an Cuttern, die in immer anderen Kombinationen dafür mitverantwortlich sind, dass die Zahl der Schnitte pro Minute bis zur Netzhautüberlastung angestiegen ist. Und damit treffen Mr. Bay und die Schneiderlein selbstverständlich den Zahn der Zeit, denn wenige Entwicklungen lassen sich über Jahrzehnte des Filmemachens so gut nachvollziehen, wie die zunehmende Beschleunigung. Zweiflern sei nahegelegt, sich den berühmten Beginn von Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ zu Gemüte zu führen. In Luc Bessons „Lucy“ reist Scarlett Johansson in einem Bruchteil jener Zeit durch die Geschichte der Menschheit und letztendlich zurück bis zum Urknall, die Kubrick dafür nutzt, einen Affen die erste Waffe erfinden zu lassen und so zum Menschen zu werden. Während Johansson für ein paar Sekunden und eine schlechte Szene bei der Menschwerdung verharrt, lässt Kubrick seine Affen über viele Minuten springen und brüllen, um alles in einer tausendfach zitierten Szene gipfeln zu lassen.

Über die unerträgliche Hektik unserer Zeit und unserer Medien ließe sich herrlich demagogisieren. Aber natürlich ist auch das Film-Publikum schneller und präziser geworden, in seiner Aufnahmefähigkeit. Geübte Zusehende lassen sich heute nicht mehr aus dem Konzept bringen, durch Zeitsprünge und neue Charaktere. Während von „Panzerkreuzer Potemkin“ bis zu „Ben Hur“ und darüber hinaus noch jede Figur in flachen Szenen namentlich vorgestellt wurde, nutzen selbst dümmliche Sommer-Blockbuster heute ein weit feinere Klinge, um uns die handlungstragenden Individuen in wenigen Augenblicken näher zu bringen. Und vieles davon ist nur möglich, weil das Publikum gelernt hat, Filmszenen aufmerksam zu lesen.

Vor diesem Hintergrund werden Filme wie „Wall-E - Der letzte räumt die Erde auf“ ausgiebig gelobt, sich für ihren Einstieg so viel Zeit zu nehmen. Und unter einigen Filmschaffenden scheint das Missverständnis zu kursieren, Langsamkeit sei in filmischen Belangen mit Niveau und Tiefe gleichzusetzen. Auf der anderen Seite stehen etwa Michael Bay und Harmony Korine die – bewusst oder unbewusst – mit der visuellen Überforderung kokettieren. Im Revolutions-Epos „Panzerkreuzer Potemkin“ hat Sergei Eisenstein mit hektischen Schnittfolgen als spannungsförderndes Element Filmgeschichte geschrieben. Neunzig Jahre später sind Vertreterinnen und Vertreter des Denkmodells „Hochkultur“ von derartig Rasantem noch immer überfordert, während die Lichtgestalten des Massenmediums Film in der sich weiter intensivierenden Beschleunigung die Chance zu wittern scheinen, ein immer gesättigteres Publikum auch 2014 für zwei Stunden in ihre Kinosessel zu drücken. Und wie so oft liegt das Wahre und Gute wohl nicht in den Extremen.