Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Abgewatscht und abgedroschen

Kobergs Klarsicht: Abgewatscht und abgedroschen

Um etwas schon hundert Mal gesehen zu haben, muss man zuvor neunundneunzig Mal im Kino gewesen sein.
Scarface“ habe ich erst vor zwei, drei Jahren gesehen. Und ich war ein bisschen enttäuscht. Nicht, weil der Film nicht hervorragend wäre, aber weil ich zu dem Zeitpunkt schon einige Filme gesehen hatte, die Scarface nacheifern und so war das dann alles irgendwie schon zu bekannt.

Filmen oder zumindest Elementen von Filmen Abgedroschenheit vorzuwerfen, ist wohl einer der häufigsten Kritikpunkte am cineastischen Schaffen. Durchaus zurecht, in unzähligen Fällen. Aber letztendlich ist Abgedroschenheit dann doch auch immer eine Frage der Vorbildung und eben auch der Reihenfolge. Natürlich war mir bewusst, dass „Scarface“ das Gangster-Genre geprägt hat wie kaum ein anderer. Aber ganz subjektiv war da doch das Gefühl des Wiederkauens.

Dieser Tage gibt es in ausgewählten Grazer Lichtspielhäusern noch den potenziell interessanten Südafrika-Thriller „Zulu“ zu sehen, der einen anfangs noch sehr gewöhnlichen Mordfall vor dem Hintergrund einer Gesellschaft aufrollt, die die Apartheid zwar überwunden, aber noch lange nicht verdaut hat. Das klingt schon interessant, bevor man Forest Whitaker auf den Plakaten sieht. Und er allein ist in meinen Augen ein guter Grund, Filmen Aufmerksamkeit zu schenken. Und dann liefert der Film derart viele Versiffter-Cop-und-skrupelloser-Bösewicht-Stereotype ab, dass man damit Stirb langsam 6 und 7 hätte drehen können.

Für mich war das ein Grund, schon während der Vorführung den Kopf zu schütteln. Aber was, wenn meine Mutter mit mir im Saal gesessen wäre oder irgendjemand sonst, der in den letzten Jahrzehnten kaum Zeit mit Cop- und Actionfilmen zugebracht hat? Vielleicht wäre ihnen all das für mich Altbekannte stimmig und spannend vorgekommen.

Selbstverständlich lässt sich argumentieren, dass die vorgebildete Meinung in dem Zusammenhang mehr zählt. Aber selbst unter Filmkennern stößt man häufig auf derartige Diskussionen. Was dem einen innovativ erscheint, ist für andere ein billiger Abklatsch irgendeines koreanischen Indie-Streifens oder eines Klassikers aus den späten 50ern, den wir Jungen alle nicht gesehen haben.

Tatsache ist, dass der Vorwurf der Abgedroschenheit sich immer auf die Film-Vergangenheit der Kritiker bezieht und niemand alles gesehen haben kann. Und ganz so, wie man bei manchen Kritikern immer wieder den Eindruck hat, sie hätten sich in ihnen gänzlich fremde Genres verlaufen, bemängeln echte Kenner an Werken ihres Fachgebietes oft Details, die Durchschnitts-Cineasten niemals aufgefallen wären. Aufschlussreich sind diese Blickwinkel allemal. Aber der immer noch geträumte Traum von Objektivität muss sich hier wieder einmal abwatschen lassen.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Was macht einen Film gut?

    Ich frage mich besonders auf den Filmfestivals, auf dem man als Kritiker ja immer in besonders hoher Dosis der Kunstform Film ausgesetzt ist: was macht einen guten Film aus? Jedes Jahr ergibt sich so manche Überraschung, wenn die Jury dann einen Streifen in den Himmel hebt, der mir persönlich höchst durchschnittlich vorgekommen war. Nicht selten wird die "Hommage an das Genre XY" gepriesen, die der Film verkörpern soll. So war es in Berlin heuer mit dem Siegerfilm "Bai Ri Yan Huo" vor dem Hintergrund des Genres "Film Noir" und dem deutschen Alpenwestern "Das Finstere Tal" als Genre-Hommage an den Italo-Western. Gut, gut, man kann in diesen Film durchaus Elemente des Genres erkennen und diese Zitate als durchaus gelungen bezeichnen - keine Frage. Für mich als Kinofreund zählt aber am Ende der Vorstellung persönlich viel mehr der Eindruck, den mir der Film vermittelt und die Geschichte, die er mir erzählt hat. Und wenn das Licht angeht möchte ich das Gefühl haben, bewegt, unterhalten, mitgerissen - überzeugt worden zu sein. Da kann die Hommage an ein Genre noch so megageil gemacht sein - es reicht für mich nicht. So gesehen hat der Wiedererkennungseffekt aufgrund bereits Gesehenem durchaus eine große Wirkung auf unseren Eindruck, den wir von Filmen haben. Wir sollten ihn uns aber weder aufs Auge drücken noch uns von ihm voreinnehmen lassen, finde ich.
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    21.05.2014, 11:48 Uhr