Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Lars und die Frauen

Kobergs Klarsicht: Lars und die Frauen

Wer darf welche Geschichten erzählen? Der Bezug von Regisseuren zu ihren Themen ist häufig Grund für Diskussionen.
2010 hat Michael Köhlmaier einen Roman über die erste große Liebe von Teenagern in Wien veröffentlicht. Gewagt irgendwie, für einen Vorarlberger, der geboren wurde als Österreich noch von den Alliierten besetzt war. Und doch haben sich in seiner Geschichte Lesende wiedergefunden, die dem Teenager-Alter gerade erst entwachsen waren. Lars von Trier hingegen erzählt vorwiegend Geschichten von Frauen; gegenwärtig etwa von einer Nymphomanin auf der rastlosen Suche nach den ganz großen Gefühlen („Nymphomaniac 1“, „Nymphomaniac 2“). Und wieder taucht die Frage auf, warum ein Familienvater in seinen Fünfzigern meint, diese Geschichte erzählen zu können.

Die Person des Erzählers oder, in weit selteneren Fällen, der Erzählerin rückt immer wieder in den Vordergrund, wenn Kritiker nach der Kompetenz zum Erzählen der jeweiligen Geschichte fragen. Steven Spielberg etwa sei als Jude prädestiniert gewesen, „Schindlers Liste“ auf die Leinwand zu bringen, musste sich für „Amistad“ aber vorwerfen lassen, die Geschichte der Sklaverei ein weiteres Mal aus einer weißen Perspektive zu erzählen, ohne die Nachfahren der Betroffen selbst zu Wort kommen zu lassen. Umso größer also die Freude über „12 Years a Slave“ und seinen schwarzen Regisseur Steve McQueen. Ob aber der jüngere Brite mit familiären Wurzeln in Grenada dem Schicksal der verschifften Sklaven auf der Amistad entscheidend näher steht, als der bärtige Ex-Best-Buddy von George Lukas, kann diskutiert werden. Und ob die Nähe des Erzählers zum erzählten Stoff überhaupt entscheidend ist, bleibt ebenfalls fraglich. Letztlich ist es ohnehin immer die Perspektive von Autoren und Regisseuren, aus der wir einer Geschichte folgen.

Ist jetzt also „Nymphomaniac“ die Wiedergabe einer männlichen Fantasievorstellung krankhafter, weiblicher Sexualität? – „Dallas Buyers Club“ wurde etwa dafür kritisiert, die Transgender- und Homosexuellenszene gemäß den Vorstellungen liberaler Heterosexueller zu inszenieren und der Realität so nicht gerecht zu werden – In gewisser Weise ist er das; auch wenn die von Lars von Trier geschaffenen Szenen oft schmerzhaft real wirken. Offen bleibt, ob Regisseure wie von Trier sich von der Frage nach dem Realitätsanspruch überhaupt tangieren lassen; und wie sehr wir es tun sollten.