Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Zurück an den Anfang

Kobergs Klarsicht: Zurück an den Anfang

Nur gute Geschichten können es sich leisten, den Schluss vorweg zu nehmen.
Als Teenager konnte ich mir noch keine Spielkonsolen leisten und habe deshalb ab und zu gelesen. Und aus jenem rebellischen Geist heraus, der Teenagern zu eigen ist, habe ich gerne einmal den letzten Satz eines Buches gelesen, bevor ich mit der eigentlichen Lektüre begonnen habe – um dann über viele Seiten hinweg immer wieder darüber nachdenken zu können, wie es wohl zu diesem einen Satz kommen würde. Heute, da ich über Geld für Kinotickets und einen Fernseher verfüge, habe ich erkannt, dass haufenweise Drehbuchschreiber meine Idee aufgegriffen haben und ihre Geschichten mit einem kurzen Ausblick auf deren Ende – in Wahrheit eher auf einen Wendepunkt kurz vor dem Ende – beginnen. „Fight Club“ wäre dafür ein schönes Beispiel oder auch „Snatch - Schweine und Diamanten“ von Guy Ritchie.

Dieses Stilmittel eignet sich natürlich wunderbar, um eine der Hauptfiguren gleich auch als Erzähler einzuführen und somit der an – dieser Stelle vor kurzem abgeurteilten – Stimme aus dem Off einen gewissen Sinn zu verleihen. Nun war aber sogar meinem mittellosen Teenager-Ich bewusst, dass es ratsam war, wirklich nur den letzten Satz und nicht gleich die letzte Seite zu lesen. Niemand mag Spoiler. Und wenn ich mir den Schluss der Geschichte gleich selbst verrate, kann ich auch nur mir selbst böse sein.

In den letzten Jahren halte mich vermehrt von Trailern fern – vor allem wenn ich ohnehin schon weiß, dass ich den Film sehen möchte. Denn diese Vorschau-Filmchen werden von ihren Machern gerne als Kurzzusammenfassungen der ersten Handlungshälfte missverstanden und im Kino warte ich dann immer länger auf den Teil, den ich nicht schon kenne.

Wenn ich dann doch einmal erfolgreich halbwegs uniformiert vor der Leinwand Platz nehme, beginnt der Film gerne mit jener Szene die mir zeigt: Es geht übrigens schlecht aus, alle Beteiligten werden verletzt und irgendwann im Film wechseln sie die Stadt. Das muss natürlich nicht immer ein Fehler sein. Es macht schon Sinn, dass jede „Columbo“-Folge mit dem Mord beginnt und so die Logik des Aufdeckens in den Mittelpunkt rückt. Auch die beiden Obengenannten, „Fight Club“ und „Snatch“, nützen die anfängliche Schlussszene zum Spannungsaufbau. Aber irgendwo scheint ein Leitfaden zum würzen schwacher Drehbücher im Umlauf zu sein, der genau diesen Kniff auf den ersten Seiten beschreibt.

Vielleicht ist es feige, einen Michael Bay Film als Beispiel für schlechten Handlungsaufbau heranzuziehen, aber wenn „Pain & Gain“ nicht mit dem vorweggenommenen Schluss begonnen hätte, wäre der Spannungsaufbau vielleicht geglückt. Ein bisschen besser zumindest. Und der vorgezogenen Schluss in „Hangover 2“ scheint von Anfang an für den Trailer konzipiert worden zu sein und soll dem Publikum sagen: „Bitte erwartet euch jetzt nicht, dass wir unser Konzept aus dem ersten Teil in irgendeiner Weise weiterentwickelt haben.“
Der Beginn mit dem Schluss funktioniert oft dann am besten, wenn er mehr verwirrt als zu informieren. Meistens lockert er aber schlicht und einfach den Spannungsbogen und an dessen Aufbau scheitern auch so schon große Teile des Unterhaltungskinos.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Spannungsbogen

    Ich hasse es, wenn der Trailer schon den ganzen Film verratet. Das ist für mich ganz klar ein Ausschlusskriterium für einen Film. Mittlerweile sind mir fast Teaser-Trailer lieber, weil man dort selten Szenen aus dem eigentlichen Film sieht und es nur ein "Einstimmen" ist. Denn leider wird dieses Stilmittel sehr oft falsch verwendet.
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    07.05.2015, 09:06 Uhr
  • 100%-ige Zustimmung

    Ganz schlimm ist, wenn im Trailer oder auf einem Szenenfoto der Killer gezeigt wird, der am Anfang umkommt, aber dann doch wieder auftaucht ... Z.B. Tödliche Nähe ...
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    13.09.2013, 10:43 Uhr