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Heidi@Home: R.I.P. James Gandolfini

Heidi@Home: R.I.P. James Gandolfini

Sein Tony Soprano wurde zu einer Ikone der jüngeren Fernsehgeschichte und ist Beweis eines besonderen schauspielerischen Talents.
Ich erinnere mich genau an den Moment als ich erstmals von den „Sopranos“ hörte. Die Ausgangssituation machte mich neugierig: da geht es also um einen leicht übergewichtigen Mafiaboss aus New Jersey, Familienvater, in mittleren Jahren, der eine Therapie wegen seiner Panikattacken beginnt. Etwas, das so gar nicht zu dem Image eines Capos passen will. Tony Soprano stellte sich dann auch als sehr differenziert gezeichnete Persönlichkeit dar: er ist trotz seines Berufs, an dessen Ethos er sich klammert wie ein Ertrinkender, ein echter Sympathieträger, ohne dabei als Gangster unglaubwürdig zu wirken. Und das verdankt er seinem Darsteller James Gandolfini.

Gandolfini war vor seinem Durchbruch in der Serie vor allem durch Nebenrollen in Filmen wie „True Romance“, „Schnappt Shorty“, „Mexican“ und „Crimson Tide“ bekannt geworden. Die Figur des Tony Soprano schien ihm auch durch die äußeren Umstände auf den Leib geschrieben: Gandolfini hatte selbst italienische Wurzeln, seine Eltern sprachen zuhause Italienisch. Gandolfini erzählte im Interview mit James Lipton in der Sendung „Inside the Actors Studio“, dass seine Herkunft eine große Rolle für ihn spielte, es wurden italienische Feste gefeiert, es gab Zusammentreffen mit der ganzen Familie im Heimatland, bei typischem Essen und Gebräuchen; sein Idol war Robert De Niro, ebenfalls ein Schauspieler mit italienischem Hintergrund. Wie Tony Soprano wuchs Gandolfini in New Jersey auf.

Als Gandolfini das Drehbuch zu den „Sopranos“ las, fand er es witzig und gelungen, dachte aber nicht, dass er die Rolle bekommen würde. Er stellte sich bei Tony einen gutaussehenden, smarten Typen vor, für den er sich selbst nicht hielt. Er sollte irren. Gandolfini erhielt die Rolle und es gelang ihm, Tony eine ganz eigene Attraktivität zu geben, ohne auf den Zeitgeist Rücksicht zu nehmen. Im Interview mit Lipton erklärte Gandolfini weiters die Faszination für die Vielschichtigkeit seiner Figur: Tony sei ein Suchender, wie viele Menschen unserer Zeit; Tony glaube an nichts, nicht an Religion, nicht an die Regierung oder eine konventionelle Berufslaufbahn, nur an seinen Ehrenkodex. Doch auch diesen stellte er im Laufe der Zeit mehr und mehr infrage. Und Gandolfini zitiert Marlon Brando: die besten Figuren auf dem Bildschirm sind die, die am Leben leiden.

Gandolfini verkörpert den sorgenden Familienvater Tony in seiner manchmal plumpen Behäbigkeit, mit liebenswerten Macken so sympathisch, dass man ihn als Zuschauer zunächst als Capo nicht ernst nimmt. Sollte hier gar die Mafia verniedlicht werden? Ist das alles doch nicht so gefährlich mit den Gangsterbossen und ist ihr Job in Wirklichkeit kaum aufregender als einer in der Abfallwirtschaft, dem Tarn-Business der Sopranos? Gerade hat Tony doch noch so liebevoll mit einem kleinen Hündchen gesprochen und morgens gemütlich die Zeitung geholt. Doch Tony führt nicht nur ein Doppelleben mit seiner Geliebten abseits der Familie, es gibt da auch noch diese unfassbar brutalen und kaltblütigen Momente, in denen der Zuseher selbst anfängt, sich vor Tony zu fürchten, vor seinem unkontrollierbaren Zorn, seiner Macht und Brutalität, und manchmal hassen wir Zuseher Tony sogar, geben wir es zu, wir hassen ihn für seine Entscheidungen und die Art und Weise wie er Selbstjustiz übt, in einem System, das uns fremd und grausam erscheint. Manchmal wollen wir gar nichts mehr mit ihm zu tun haben und wir wünschen uns, dass er die Rechnung für seine Taten bezahlen muss, besser heute als morgen. Und dann? Haben wir wieder Angst, Tony könnte etwas zustoßen. Das alles ist Gandolfinis Verdienst. Er hat eine Figur geschaffen, die in ihrer Ambivalenz fast zu real ist, für den Bildschirm.

James Gandolfini ist am 19. Juni 2013 in Rom völlig überraschend mit 51 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.