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Vintage Views: Der Zauberer von Oz

„Not in Kansas anymore“ - Wir spüren den Ursprüngen des Zauberers von Oz nach.
Ein Film, der fast schon Heiligenstatus hat, erhielt dieser Tage mit „Die fantastische Welt von Oz“ ein Prequel. Das ikonische Land Oz aus dem alten Musical mit Judy Garland bekam dabei ein modernes Gewand, sicherlich mit der Hoffnung, eine Franchise zu etablieren. Doch wo hat die Geschichte ihren Ursprung und wie ist es zu „Der Zauberer von Oz“ gekommen?

1939, zu seinem Kinostart, war der Erfolg des Films überschaubar. Vor allem die regelmäßigen Wiederholungen im Fernsehen der folgenden Jahrzehnte verankerten ihn im kulturellen Gedächtnis als großen Klassiker und als so etwas wie eine kollektive Kindheitserinnerung mehrerer Generationen von AmerikanerInnen.
Als MGM 1938 die Rechte an L. Frank Baums Kinderbuch „The Wonderful Wizard of Oz“ erstand, war dieses aber bereits seit knapp 40 Jahren ein Klassiker. Von 1900 bis 1920 erschienen ganze 14 Bücher rund um die märchenhafte, zugleich aber auch sehr eigenartige Welt Oz. Und auch nach Baums Tod wurde die Serie von anderen Autoren noch fortgesetzt und neu interpretiert. In den 20er und 30er Jahren erschienen noch im Jahrestakt Bücher zu Oz.

Kurz gesagt: 1938 war die Geschichte von Dorothys Reise mit dem Tornado und all ihren folgenden Abenteuern Groß und Klein gut bekannt und es war wohl auch bereits ein wenig Nostalgie mit im Spiel. Die Entscheidung eines großen Filmstudios, daraus einen abendfüllenden Spielfilm auf dem aktuellen Stand der Technik zu machen, lässt sich jedoch auf einen neuen Trend zurückführen: Ein Jahr zuvor überraschte Walt Disney mit dem Erfolg seines langen Trickfilms „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ und etablierte damit zum ersten Mal Kinder als gewinnbringende Zielgruppe.

Die Entstehungsgeschichte von „Der Zauberer von Oz“ liefert einen Einblick in die heute seltsam wirkenden Arbeitsgewohnheiten im alten Studiosystem Hollywoods. Bis zu sechs verschiedene Männer übernahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Regie über den Film. Angeführt und für den Großteil zuständig war Victor Fleming, der vor Ende der Dreharbeiten abgezogen und gleich in „Vom Winde verweht“ wieder eingesetzt wurde. Der große Regisseur King Vidor übernahm gegen Ende und inszenierte alle Szenen in Kansas, inklusive dem Song „Over the Rainbow“, der wahrscheinlich schönsten und langlebigsten Nummer des Musicals, ohne dafür Erwähnung zu finden.

Das Drehbuch wurde immer wieder von vielen verschiedenen Autoren neu geschrieben und überarbeitet. Teilweise arbeiteten sie daran parallel, ohne von den anderen auch nur zu wissen! Dabei veränderte sich die Handlung in Inhalt und Tonfall immer wieder. Interessant ist vor allem der versuchte Ansatz, auf magische Elemente völlig zu verzichten und die Geschichte gänzlich in die Realität der Depressionsjahre der 30er zu versetzen – aus Sorge, weil Filme mit Fantasy-Elementen zuvor gefloppt waren. Geblieben ist davon im fertigen Film die Rahmenhandlung, in der Dorothy ihre Reise nach Oz anscheinend träumt und dessen Bewohner den Menschen in ihrem Alltag ähneln. Es sollte dies die größte Abweichung von Baums originalem Buch werden. Der Film hält sich ansonsten stärker als die vielen vorangegangen Adaptionen aus der Stummfilmzeit und von der Bühne an die Vorlage. Unterschiedlich wurden vor allem die visuellen Designs mancher Orte und Figuren gestaltet. Man kann den Erfolg und Einfluss des Films daran ablesen, wie vollständig sein Look die Illustrationen der Bücher in den Köpfen der Menschen überschreiben sollte.



Nicht verschweigen sollte man, wie in der Filmversion Dorothy, dem Zeitgeist stärker entsprechend, etwas weniger aktiv geschrieben ist und von ihren männlichen Freunden gerettet werden muss, während es in den Büchern genau anders herum ist. L. Frank Baum vertrat ganz bewusst schon zu seiner Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts einen feministischen Gedanken mit seinen Märchen. Damit tut man sich in Hollywood auch im Jahr 2013 noch nicht leicht, denn in Sam Raimis aktuellem Film rotieren die vielen Frauenfiguren rund um einen Mann, ohne eigenen Handlungsantrieb.

Berühmt ist „Der Zauberer von Oz“ für seinen Umgang mit dem Technicolor-Farbfilm, der das magische Oz vom einfachen Kansas abhebt, welches in sepiafarbenem Schwarz-Weiß verbleibt. Die liebevollen Kulissen strahlen nur so vor Farbkraft und könnten einem der damaligen Trickfilme entsprungen sein. In dem berauschenden Übergang von einer schwarz-weißen Alltagswelt hinein in einen magischen Ort voller knallbunter Farben, wurde der Film häufig auch als Sinnbild für das Kino an sich gelesen. Diese Metaphorik hat auch „Die fantastische Welt von Oz“ nicht ausgelassen: Raimi nutzt die Chance, eine ähnliche These aufzustellen wie schon kürzlich Tim Burton mit dem wunderbaren „Frankenweenie“: Die Zukunft des Kinos liegt nicht im Entweder-Oder des dogmatischen Kampfes von 2D versus 3D, sondern in der liebevollen Umarmung beider Techniken.
Senad Halilbasic & Sebastian Rieger


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