Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Um jeden Preis

Kobergs Klarsicht: Um jeden Preis

Die Oscar-Nacht-Macher jagen die Quote
Was war das nur für eine Oscar-Nacht? Ich weiß es nicht, weil ich sie zum ersten Mal seit einigen Jahren verschlafen habe. Gegen meinen Willen versteht sich. Der Geist war stark, das Fleisch war schwach und die Schwäche hat überwogen.

Ob das ein großer Verlust war, ist schwer herauszufinden. Tatsache ist jedoch, dass die Academy meine Abwesenheit vor dem Bildschirm wohl verkraften wird, haben doch allein in den USA um eine Million Menschen mehr die Verleihung gesehen, als noch vor einem Jahr. Und das ist von entscheidender Bedeutung, denn die Einschaltquoten haben für die Veranstalter oberste Priorität.

So wurden beispielsweise die Nominierungsmodalitäten für den besten Film vor ein paar Jahren geändert, nachdem Statistiker erkannt hatten, dass die Nominierung beliebter Filme die Zuseherzahlen bei der Verleihung nach oben treiben. Ebenfalls den Statistikern zuzuschreiben ist wohl die Wahl des diesjährigen Moderators: Seth MacFarlane hat Family Guy und American Dad erfunden. Und die Academy bemüht sich um ihr verlorengegangenes, junges, männliches Publikum. Das passt zusammen. Was vielleicht weniger passt, ist die Tatsache, dass es nun Kritik hagelt, an MacFarlanes Humor. Und das nicht nur von konservativer Seite, sondern auch von liberalen Blättern wie dem New Yorker.

Auch wenn die von mir nachrecherchierten Pointen der Oscar-Nacht nicht gerade vor Geistreichtum strotzen, so liegt es mir doch fern, mich vorschnell von Komikern abzuwenden, die gerne mit den Grenzen des guten Geschmacks kokettieren. Aber vielleicht passen die Oscars und der derbe Humor eben doch nicht so gut zusammen.

Wenn ein großer Teil der jungen Menschheit lieber dem kiffenden und pöbelnden Teddybären „Ted“ (Regie: Seth MacFarlane) zusieht, als den Protagonisten der Oscar-Filme, dann sind wir den Reitern der Apokalypse dadurch noch keinen Schritt näher. Aber es bedeutet auch nicht, dass „Ted“ eine Nominierung bekommen sollte, um sein Publikum zur Oscar-Nacht mitzubringen.

So betrachtet klingt das auch absurd, und doch ist es das, was die Academy versucht: Sie erweitert den Kreis der Nominierten, um Filme ins Boot zu holen, die davor keine Chance gehabt hätten. Und sie engagiert einen Moderator, dessen Filme wohl auch im weitesten Anwärterkreis der Oscars nicht zu finden sind. Die Preise und ihr Verleiher müssen sich an das Publikum anpassen, dass bislang nicht zusieht. Verquere Logik also. Aber wir wissen nun: Wenn du dich mit Statistikern einlässt, änderst du nicht die Statistiken. Die Statistiken verändern dich.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Bester Hauptdarsteller?

    Hugh Jackman verkörperte seinen Charakter in Les Misérables sehr solide. Eng wird's halt, wenn zusätzlich zum Schauspielkönnen gesangliche Partien in Live-Aufnahmen noch zum Besten gegeben werden müssen. "Oscarreif" (darf man das überhaupt sagen?) überzeugt dann schon Joaquin Phoenix' Charakter in "The Master", der ja im ganzen Trubel fast übergangen wurde...
    27.02.2013, 17:10 Uhr
  • Lahm und auf gut steirisch: "Tiaf!"

    Hätte ich mich nicht schon so sehr darauf gefreut, Anne Hathaway ihre verdiente Prämie entgegennehmen zu sehen, dann wäre diese Oscar-Nacht auch für mich die schlechteste aller Zeiten geworden. Anne Hathaway, Daniel Day-Lewis und Ben Affleck waren die einzigen, die wirklich persönliche Dankesreden gesprochen und etwas Vernünftiges damit gesagt haben. Der Rest war wie Copy/Paste und außerdem mit der Weißer-Hai-Musik meistens schnell abgewürgt. Der Moderator sah ganz adrett aus, sein Humor war aber unter jeder Kritik. Das Zielpublikum von "Movie 43" hatte sicherlich seine helle Freude, der Rest hat sich was zum Trinken geholt, bis die nächsten Presenter vor der Kamera auftauchten.
    harry.potter_aadba0451b.jpg
    27.02.2013, 15:02 Uhr
  • Quote? Which Quote?

    Seth MacFarlane ist leider nur ein dünner Jack-Black-Klon in schlecht. Ich habe mich durch seine Moderationen eher durchgequält (zugegeben: "We´ve seen your boobs" war lustig, aber das war das einzige lustige) und war froh, wenn er nicht auf der Bühne war.

    Dass man versucht, jüngeres männliches Publikum für die Verleihung zu locken hat sich aber dadurch gezeigt, dass 1.) Kirsten Stewart auf der Bühne war (wozu, fragt man sich allerdings) und dass 2.) Jennifer Lawrence den Preis als beste Hauptdarstellerin bekommen hat.
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    27.02.2013, 13:38 Uhr
    • Diese Lawrence-Sache...

      ...ist mir ja ohnehin ein großes Rätsel. Wenn die Rolle von Waltz in Django eine Nebenrolle war, warum war dann ihre Rolle in Silver Linings eine Hauptrolle? Und bei aller Sympathie für diese nette Liebeskomödie: Warum muss die überhaupt mehrfach nominiert werden? Dafür war sie dann doch zu gewöhnlich. Und wenn man akzeptiert hat, dass Lawrence eine Hauptrolle gespielt hat, dann ist mir immer noch unverständlich, warum der Oscar nicht trotzdem an Wallis Quvenzahne gegangen ist oder an Emmanuelle Riva...
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      27.02.2013, 15:49 Uhr
    • ad J. Lawrence

      Mein Verdacht, weshalb J.L. den Preis bekommen hat: Ihre Hauptrolle in den (fürchterlichen) "Hunger Games" (jetzt werd ich sicher gleich gesteinigt), die ja bis ins Unendliche gehyped werden. Und da ja noch 3(!) Filme davon ausstehen (warum muss man in letzter Zeit immer den letzten Teil einer Trilogie zu 2 Filmen machen?), kann man dann schön mit einer Oscar-Preisträgerin dafür werben.
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      27.02.2013, 20:47 Uhr
    • lawrence & waltz

      lawrence: das war wohl der "babe-factor"...

      waltz wurde aus taktischen gründen für einen supporting-actor-oscar vorgeschlagen. in einem jahr mit dermaßen viel konkurrenz in der kategorie “best actor“ (und einem programmierten sieg für day-lewis) wäre ein gewinn unrealistisch gewesen – siehe SAG- awards (=schauspielergewerkschaft): da war waltz noch für die lead-kategorie vorgeschlagen, wurde aber nicht einmal nominiert (da wird wohl auch der umstand mitgespielt haben, dass harvey weinstein die screener-DVDs erst fünf tage _nach_ der bekanntgabe der SAG-nominierungen ausgeschickt hat und “django unchained“ noch später in die kinos kam). weinsteins kurswechsel ist mit anschließenden globes- und BAFTA-siegen sowie dem nebenrollen-oscar jedenfalls voll aufgegangen...
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      28.02.2013, 00:12 Uhr
  • Sehr guter Artikel

    4 Ereignisse bei der 85. Oscarverleihung werden für mich unvergesslich bleiben:
    1. Ö-Gewinner: Waltz und Haneke.
    2. Jennifer Lawrence rutscht auf dem Weg zur Tribüne aus.
    3. First Lady kündigt den besten Film ARGO an.
    4. Die schnellste (und sympathische) Rede von Ben Affleck, der auch meinte, dass wenn man hinfällt wieder aufstehen müsse!
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    27.02.2013, 06:32 Uhr