Vintage Views
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Vintage Views: The Man of a Thousand Faces

Vintage Views huldigt dem Star des stummen Horrorfilms Lon Chaney.
Es sagt etwas über das Faszinierende an Horrorfilmen aus, dass dieses Genre im Laufe der Jahrzehnte immer mal wieder eine bestimmte Art von Star geschmiedet hat: Schauspieler, die als Monster ihre größten Erfolge feiern und deren Darstellungen zu Ikonen werden. In ihrer Verkleidung sind sie fester Bestandteil der Populärkultur und es fällt schwer, sie sich noch anders – als normale Menschen statt grotesken Figuren – überhaupt noch vorzustellen. Die Bewunderung für den Schauspieler mischt sich untrennbar mit der grauenhaften Ausstrahlung der Rolle. Max Schreck, in „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ (1922) der Graf Orlok, Bela Lugosis „Dracula“ (1931) und Boris Karloff als Monster aus „Frankenstein“ (1931) oder „Die Mumie“ (1932) sind prächtige Beispiele aus der Zeit klassischen Horrors. Christopher Lee in den „Dracula“-Filmen der kultigen Hammer Studios (beginnend 1958) oder Freddy Krueger, von „Nightmare – Mörderische Träume“ (1984) an von Robert Englund verkörpert, kann man aus späteren Jahren dazu nennen.

Einen besonderen Stellenwert in dieser Kategorie muss aber Lon Chaney haben. Ganz einfach deswegen, weil sich seine Karriere nicht an Serienauftritten einer bestimmten Kreatur festmachen lässt, sondern er von Film zu Film in neue Rollen geschlüpft ist und dabei immer wieder riesige Erfolge feiern konnte.

Wie viele andere Schauspieler aus der Stummfilmzeit hat auch Lon Chaney seine Arbeit auf den Bühnen der amerikanischen Varieté-Shows, den Vaudevilles, begonnen. Im Film avancierte er am Wechsel in die 1920er zum bekannten Charakter-Darsteller. Dabei konnte er ein besonderes Talent für anspruchsvolles Make-Up und körperlich herausfordernde Tricks verwenden, um sich von der Konkurrenz abzuheben. In „The Penalty“ (1920) spielt er etwa einen Verbrecher, dem beide Beine amputiert wurden und schnürte sie sich dafür unter großen Schmerzen nach hinten weg. Für Design und Ausführung solcher Verkleidungen zeichnete er stets selbst verantwortlich, mit großem Einfallsreichtum und wenig Rücksicht auf sein Wohlbefinden.

Seine berühmtesten Auftritte hatte Chaney sicher als Quasimodo in „Der Glöckner von Notre-Dame“ (1923) und in der Titelrolle von „Das Phantom der Oper“ (1925). Als Glöckner trug er einen mehreren Kilogramm schweren Buckel, hatte seine Beine zusammengebunden und ein künstliches Auge aufgesetzt. Im „Phantom der Oper“ entwickelte er ein Make-Up, welches Nase, Mund und Ohren nach hinten zog und legte die Häutchen von Eiern über seine Augen, was ihm Ähnlichkeit mit einem Totenschädel verlieh – bis heute die der Originalbeschreibung aus dem Roman treueste Darstellung des Phantoms.

Chaney trat auch in vielen Filmen von Regisseur Tod Browning auf, der seinerseits nach Chaneys Tod mit „Freaks“ (1932) der Begeisterung des frühen Films für das Groteske einen eindrucksvollen letzten Stempel aufdrücken sollte.

Die ungeheuren Strapazen seiner Verkleidungen machen ganz klar einen großen Reiz der Legende von Lon Chaney aus und wurden auch damals schon werbewirksam eingesetzt, um das Publikum für die Filme des „Manns mit den tausend Gesichtern“ zu begeistern. Im selben Atemzug kann man die Berichte nennen, nach denen seine Verkleidungen für das Publikum oft so erschreckend waren, dass es zu Ohnmachten kam.

Chaneys Name wurde zum Markenzeichen für eigenartige und furchtbare Gestalten. Vor allem aber hatten die von ihm geschaffenen Figuren oft auch etwas eigenartig Bemitleidenswertes. Es war ihm nicht genug, sie einfach als sichtbar böse abzustempeln – hinter ihnen verbargen sich unglückliche Schicksale als Auslöser ihres Handelns und diese Tiefe machte er durch sein Spiel spürbar. Der Mann selbst blieb hinter seinen eindrucksvollen Schöpfungen aber fast unbekannt und das durchaus mit Absicht. „My whole career has been devoted to keeping people from knowing me“, soll er dazu einmal treffend bemerkt haben. So sind viele seiner anderen Talente – er soll auch ein großer Tänzer, Komiker und Sänger gewesen sein – nur aus Erzählungen jener, die ihn gut gekannt haben, überliefert.

Chaney starb 1930 überraschend an Krebs, am Höhepunkt einer Karriere, für die schon viele zukünftige Rollen geplant waren. So hätte er etwa Dracula in jenem Film spielen sollen, der Bela Lugosi schließlich berühmt machte.
Es ist einer der Kuriositäten der Filmgeschichte, dass Chaneys Sohn unter dem Namen Lon Chaney Jr. ebenfalls als Monsterdarsteller berühmt werden sollte. In „Der Wolfsmensch“ (1941) fügte er, nicht weniger ikonisch, den Werwolf dem Repertoire des Horrorfilms hinzu.
Senad Halilbasic & Sebastian Rieger
Mehr dazu auf Uncut:
Lon Chaney


Forum

  • Toller Artikel

    Danke Jungs für diese interessante Biographie von Lon Chaney!
    leander-caine
    06.02.2013, 19:08 Uhr