Die Oscarnominierungen 2019 stehen fest.
Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Müllsammler

Kobergs Klarsicht: Müllsammler

Wann ist Schwachsinn ein Stilmittel und was ist einfach nur schlecht?
Hänsel und Gretel? Echt jetzt? Über Action-lastige Märchenadaptionen habe ich hier ja schon einmal geschrieben. Und mit einigen Vorbehalten habe ich sie auch begrüßt. Aber die Brotkrumen-Kinder jetzt als blutrünstige Hexenjäger zu verkaufen, wirkt so skurril, dass sich die Frage stellt, wie damit umzugehen ist. Da sind schon die Namen der Protagonisten für jeden ordentlichen Amerikaner ein Zungenbrecher (siehe Original-Trailer), die Synopsis entlockt vielen nur ein schmunzelndes Kopfschütteln und doch ist der Film in den USA gleich auf Platz 1 gestartet.

Filmkenner mögen sich vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich jetzt über Parallelen zwischen „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ und „Django Unchained“, der gegenwärtigen Nummer 1 der österreichischen Kinocharts, zu phantasieren beginne. Aber vielleicht ist der Gedanke ein paar Augenblicke wert. Auch Tarantino bedient sich mit großer Leidenschaft des bisherigen Outputs der Pop-Kultur. Er sammelt Bilder und Ideen aus allerlei Zeiten und Genres, um daraus Filme zu basteln, deren Inhaltsangaben oft ähnlich fragwürdig anmuten, wie die von den Hexenjägern. Der entscheidende Unterschied ist wohl jener, dass im Fall Tarantino schon lange nicht mehr daran gezweifelt wird, dass alles, was er filmisch tut, seine guten Gründe hat. Wenn Tarantino Trash produziert, dann wollte er das so; dann reflektiert er ein Genre; und dann nennen wir das Kunst.

Aber wie verhält es sich jetzt mit „Hänsel und Gretel“? Der kreative Umgang mit den so sehr in Mode gekommenen Trash-Elementen wäre nicht möglich, gäbe es da nicht einige, die ganz ungewollt Müll produzieren. Nur lassen sich diese Grenzen in den letzten Jahren kaum mehr ziehen. War Zack Snyders „Sucker Punch“ einfach nur schlecht oder waren das die drei wunderbar inszenierten Steigerungsformen des Trash? Und Hänsel und Gretel? Die Massen stürmen die Kinos wohl nicht, weil sie die sarkastischen Seitenhiebe auf die Unterhaltungsmedien lieben. Aber behaupten und hineininterpretieren könnte man im Nachhinein wohl einiges. Aber auch „Inglourious Basterds“ wäre nicht so massentauglich gewesen, hätte er nicht auch als brutaler Action-Streifen bestens funktioniert.

Oft scheint es am Wohlwollen des Betrachters zu liegen, welchem Film ein reflektierter Anspruch zugesprochen wird, und wo das schlichte und so wertvolle Wörtchen „schlecht“ zum Einsatz kommt. In seiner Gesamtheit ist dieses Phänomen durchaus erfreulich, trägt es doch dazu bei, die ohnehin schon lange demontierte Unterscheidung von Volkskultur und Hochkultur in den Abgrund zu stoßen. Das ist Sparta! Aber in Einzelfällen stehe ich dann doch immer wieder vor der Frage, wo der Trash aufhört und der Müll anfängt. Vielleicht sollte ich einfach damit aufhören, sie beantworten zu wollen.