Vintage Views

Vintage Views: Blaxploitation

Von coolen Ermittlern, kastrierenden Power-Frauen und schwarzen Vampiren: Ein Blick in ein kultiges Subgenre.
Das Exploitation-Kino wird häufig in einem Atemzug mit Sex, Gewalt und der häufig schonungslosen Ausnutzung des reinen Schauwerts in Verbindung gebracht. Bestimmte Subkategorien des Horrorkinos, wie beispielsweise die berüchtigten Nazi-Horrorfilme aus dem Italien der 1970er und 1980er Jahre („Nackt und zerfleischt - Cannibal Holocaust“), werden am häufigsten mit diesen Filmen der „Ausbeutung“ in Verbindung gebracht. Unterdurchschnittlich niedrige Produktionskosten, die sich auch im Look des fertigen Films widerspiegeln, sind ein gemeinsamer Nenner der vielen Genres des Exploitation-Kinos. Der Spaß und Einfallsreichtum dabei, die Grenzen des guten Geschmacks zu brechen sind aber ansteckend und begeistern bis heute. Ihr modernes Erbe steckt nicht zuletzt im Schaffen von Filmemachern wie Quentin Tarantino und Robert Rodriguez und so wurden sie ein akzeptierter und gefeierter Teil unserer Pop-Culture.

Außergewöhnlichstes Subgenre sowohl wegen seines breiten Publikumserfolgs als auch seiner ungeahnten gesellschaftlichen Relevanz sind jene Filme, die wir noch heute und „Blaxploiation“ kennen.Bei dieser Spielart handelt es sich um ein in den USA Anfang der 1970er auftretendes Subgenre, welches im bis dahin von den Studios wenig beachteten urbanen afroamerikanischen Publikum ein neues Zielpublikum erkannte. Die erste Sensation war 1971 der Film mit dem klingenden Titel „Sweet Sweetback's Baadasssss Song“ (Sweet Sweetbacks Lied). In Abwesenheit jeglicher finanzieller Unterstützung produzierte Regisseur Melvin Van Peebles die Geschichte eines schwarzen Flüchtigen, der es über die Grenze nach Mexiko schaffen will, einfach selbst. Viele Filmemacher im Bereich der Exploitation kann man als die ersten erfolgreichen Independent-Filmer verstehen. Im selben Jahr folgte dann der zweite Volltreffer: Mit Gordon Parks’ Kultfilm „Shaft“ bekam man erstmals einen schwarzen Ermittler so cool und selbstbewusst, wie man es gerade mal von James Bond kannte, auf der großen Leinwand zu sehen.

Das, was in der historischen Filmforschung oft „becoming visible“ genannt wird, war hier Programm: Bisher im Kino kaum wahrgenommene Menschen werden nicht nur als bloße Nebenfiguren, sondern als Protagonisten auf die Leinwand gebracht. Es geht es also weniger darum, das „reale“ Leben einer afroamerikanischen Community zu zeigen, sondern eben diesem Publikum Geschichten zu bieten, wie sie sie schon kennen – aber endlich mit ihnen und ihren Subkulturen im Mittelpunkt. Im Blaxploitation-Genre reicht dies dann sogar bis in die Gefielden des Horrorkinos („Blacula“ von William Crain) und des Westerns (welch Titel: „Boss Nigger“; welch tagline: „White Man’s Town... Black Man’s Law.“).

Bemerkenswert ist es, wie sich das „becoming visible“ der afroamerikanischen Community sehr rasch auf emanzipatorische Ziele ausgeweitet hat: War vor „Shaft“ noch eine weibliche Protagonistin in einem Actionfilm noch kaum denkbar, hatte man bereits 1974 mit Jack Hills „Foxy Brown“ eine toughe, schwarze Protagonistin, die im Alleingang auf einen brutalen Rachefeldzug gegen ein Drogensyndikat geht. Der Film mag ebenso für ein Nischenpublikum gedacht und in vielerlei Hinsicht dem Exploitation-Genre entsprechend „billig“ und mit Fokus auf den reinen Schauwert produziert worden sein: Wie Foxy Brown ihren männlichen Gegenspielern buchstäblich an die Eier geht, spricht Bände – das schwarze, urbane Publikum bekam nun auch weiblichen Helden zu sehen, und das lange bevor es im regulären Mainstreamkino starke Frauenpower in Actionmovies gab.

Das kritische Auge blickt oft negativ auf den Umgang mit Stereotypen in diesem Genre. Gerne wird behauptet, dass die Klischees auf der Leinwand rassistisch beladene Konflikte nur unnötig anheitzen. Fans des Genres wiederum behaupten, beim Blaxploitation-Kino handle es sich um bewusste Spiel allgemein bekannter Klischees, die durch die Ironisierung auf der Leinwand ins Lachhafte transportiert und somit entschärft werden. Am besten bildet man sich seine eigene Meinung – denn sehenswert ist Blaxploitation auf alle Fälle.
Senad Halilbasic & Sebastian Rieger


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