Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Märchenstunde

Kobergs Klarsicht: Märchenstunde

Bald erzählen Filme womöglich Märchen, die nicht darauf abzielen, ihr Publikum vorübergehend ruhig zu stellen.
Märchen erzählen sie uns in den Kinos. Immer öfter und immer brutaler. Die Disney-Prinzessinnengeschichten meiner Jugend haben den Gebrüdern Grimm ja noch alle Ehre gemacht und auch wenn Shrek alle möglichen Märchenfiguren wie ein Oger behandelt, macht er das doch noch kindergerecht. Aber spätestens bei „Red Riding Hood“ hat mich ein bisschen das Gruseln gepackt. Vor allem wegen des schlechten Films. Aber vielleicht auch, weil die Märchen sich hier wieder ihrem brutalen Ursprung annähern, als sie noch nicht so handzahm sein mussten, dass man damit Kinder einschläfern kann.

Die Idee ist ja nicht so schlecht. Und auch recht naheliegend. Denn ein Blick in die Liste der erfolgreichsten Filme der letzten zehn Jahre zeigt, dass man mit neuem Stoff nur schwer die Charts stürmt. Und all die Märchen schreien ja förmlich danach, sich neu (beziehungsweise alt) erzählen zu lassen. Fraglich ist nur, ob es noch ein bisschen prickelnder wird, als bislang. Denn „Spieglein Spieglein“ ist trotz Regisseur Tarsem Singh kaum spannender als ein Gute-Nacht-Lied und „Snow White and the Huntsman“... Ich gebe zu, dieser Film hat Potential. Auch wenn ein Gutteil desselben erschlichen wird, indem Regisseur Rupert Sanders schamlos Bilder aus „Der Herr der Ringe“ klaut.

Wenn man aber davon ausgeht, dass das böse Wort „klauen“ in der Unterhaltungsindustrie ohnehin wahlweise mit dem hübscheren Wort „zitieren“ ausgetauscht werden kann, macht der Fairytale-Epos von Schneewittchen und dem Jägersmann trotz allem Spaß und weiß durch einige Kniffe in der Handlung durchaus mitzureißen. Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass wir diese Anhäufung von Märchen im Kino vielmehr dem Versuch der Studios verdanken, vom „Twilight“-Kuchen mitzunaschen, als dem Umstand, dass es hier guten Stoff für spannende Filme gäbe. Und diese Vermutung fußt nicht nur auf der Tatsache, dass die Regisseurin von „Red Riding Hood“ auch schon den ersten „Twilight“-Teil gemacht hat. Oder auf jener, dass Snow White Kirstin Steward ihr Gesicht schon seit Jahren für die Vampir-Saga in die Kameras hält, ohne dabei jemals eine Miene zu verziehen - was sie als Schneewittchen übrigens darf.

Jetzt, da Hollywood die Erwachsenen-Märchen schon einmal für sich entdeckt hat, fehlt noch der Mut, sie mit mittelalterlicher Härte zu erzählen, um ihnen die Teile ihrer Faszination zu entlocken, die seit den Gebrüdern Grimm ins Hintertreffen geraten sind. „Snow White and the Huntsman“ war schon ein passabler Anfang. Aber ich denke da geht noch mehr.